Außer Atem

Langeweile – Lob eines unterschätzten Gefühls

Manchmal muss man sich die Zeit für Langeweile nehmen, meint Felix Müller in seiner Berlinale-Kolumne

Foto: Thomas Niedermueller / Getty Images

In der Sektion Panorama habe ich eine Dokumentation über Frank Castorf und seine Zeit als Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gesehen. Sie hat mir sehr gut gefallen, weil ich in den Neunziger- und Nullerjahren oft in diesem Theater war und vieles wiedererkannte. Zwischendurch wurde ich schwer melancholisch. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Der Film machte mich auf etwas anderes aufmerksam, nämlich auf die Langeweile. Langeweile ist als Thema erstaunlicherweise gar nicht langweilig, sondern etwas sehr Schillerndes. In dem Film kommen viele Veteranen der Castorf-Ära zu Wort: Martin Wuttke, Kathrin Angerer, Sophie Rois und viele mehr. Einige werden auch darauf angesprochen, dass Castorf in seinen Inszenierungen oft zur exzessiven Überschreitung durchschnittlicher Vorführungszeiten neigt. Sein „Faust“ dauert bekanntlich sieben Stunden. Viele Schauspieler räumen auch freimütig ein, dass es da zwischendurch gewisse Längen gebe – aber allesamt loben sie genau dies als Teil der existenziellen Erfahrung, die das Stück dann wiederum zu etwas Besonderem mache.

Langeweile als lohnende Erfahrung, na ja, dachte ich, als ich das sah. Für meine Kinder, sieben und neun Jahre alt, ist Langeweile nichts weiter als eine schlimme, akute Krise. Sie können den Satz „Mir ist langweilig!“ auf eine Weise durch die Wohnung schreien, dass man am liebsten sofort den Notarzt rufen will. Aber dann fragte ich mich, wann ich das eigentlich zum letzten Mal
empfunden habe: Langeweile. Also ein stehendes Jetzt, ein leeres Vergehen von Zeit, die völlige Ahnungslosigkeit, was man damit anfangen soll. Irgendwo tickt eine Uhr. Ein Staubpartikel senkt sich in einen Lichtstrahl. Der Kühlschrank beginnt zu brummen. Ich weiß, dass ich das als Kind oft erlebt habe. Aber seitdem?

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Ich empfand das Fortdauern als lästig

Mir fiel das letzte Drittel des Films ein, den ich zuletzt auf der Berlinale gesehen hatte. Ein sicheres Zeichen dafür, dass ein Film nicht perfekt ist, besteht darin, dass ich irgendwann auf die Uhr schaue. Das hatte ich hier getan, eines der wenigen Male, dass mir die Leuchtzeiger meiner Armbanduhr etwas nützen. Aber war das wirklich Langeweile gewesen? Nein, es war Überdruss. Der Film hatte sich in dem, was er mir sagen wollte, schon nach einer Stunde erschöpft, danach begann er auf der Stelle zu treten. Er hatte mich längst entlassen, in meinem Kopf klopften die nächsten Termine an, ich empfand sein Fortdauern als lästig. Aber hat das wirklich etwas zu tun mit dem, was meine Kinder meinen? Es ist ja keine leere Zeit. Es ist nur falsch gefüllte Zeit.

Ich kann meinen Kindern schlecht erzählen, dass Langeweile etwas Seltenes, Interessantes ist. Vielleicht braucht es ein straff durchgetaktetes Erwachsenenleben wie das meine, um im langen Fortdauern eines Moments auch etwas Wertvolles erkennen zu können. Die sympathische Nachbarin der viel geschmähten Langeweile ist die Muße, aber beide sind bei mir nur noch selten zu Gast. Vielleicht lade ich sie während der Berlinale einmal beide zu mir ein.
Im Wettbewerb läuft der Film „Ang Panahon ng Halimaw“ des philippinischen Regisseurs Lav Diaz, der es immerhin auf vier Stunden bringt. Vielleicht schaue ich mir den an. Wenn ich denn die Zeit dafür finde.

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