Filmfestspiele

Bericht: Berlinale-Chef Dieter Kosslick hört 2019 auf

Der Vertrag des Berlinale-Chefs wird offenbar nicht mehr verlängert. Jetzt geht die Suche nach einem Nachfolger los.

Dieter Kosslick nimmt seinen Hut

Dieter Kosslick nimmt seinen Hut

Foto: Getty Images / AFP/Getty Images

"Dieters Kosslicks Vertrag, der ursprünglich 2016 auslaufen sollte, wurde 2014 bis 2019 verlängert, dann sollte Schluss sein.". Eigentlich war es ja längst beschlossene Sache. Dieters Kosslicks Vertrag, der ursprünglich 2016 auslaufen sollte, wurde 2014 bis 2019 verlängert, dann sollte Schluss sein. Kosslick wäre dann 70, ein würdiges Alter, um abzutreten. Und er hätte dann auch mal mehr Zeit für seinen Sohn Fridolin. Ganz zuletzt, kurz vor der vergangenen Berlinale, schien er indes wieder ein wenig zu schwanken.

Weil er mit der Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) das Konzept eines Filmhauses neben dem Martin-Gropius-Bau entwickelte, in das nicht nur die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, das Filmmuseum und das Arsenal-Kino, sondern auch die Berlinale einziehen könnte. Auch um dem inzwischen nicht mehr so geliebten Potsdamer Platz zu entkommen, wo der Vertrag mit dem Musical-Theater nur noch bis 2022 läuft. Dabei, so ließ Kosslick durchblitzen, wäre er doch noch gerne dabei.

Kosslick hat die Berlinale ins 21. Jahrhundert geführt

Wie ernst es ihm damit auch immer gewesen sein könnte: Seit Dienstag ist das vorbei. Wie die „BZ“ unter Berufung auf Berliner Regierungskreise berichtet, soll Kosslick definitiv 2019 aufhören. Keine Verlängerung mehr. Und das wäre dann wohl nicht seine eigene Entscheidung, sondern die des Bundes, der die Filmfestspiele mit zuletzt 7,2 Millionen Euro fördert. Also die der Kulturstaatsministerin.

Dieter Kosslick war am Dienstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Sein Statement steht noch aus. Aber diese nicht sehr ehrenhafte Art, einem langjährigen Festivalleiter so die Tür zu weisen, hat leider Tradition. Auch Moritz de Hadeln, Kosslicks Vorgänger, war einer der letzten, der davon erfuhr, dass er abgecancelt werden sollte.

Kosslick hat Großes für die Berlinale geleistet. Als er im Mai 2001 sein Amt antrat, war die Berlinale gerade vom Berliner Westen an den Potsdamer Platz gewandert. Kosslick hat sie ins neue Jahrtausend geführt, hat sie komplett umgekrempelt und erheblich ausgebaut. Er hat den deutschen Film, der lange einen großen Bogen um das Festival gemacht hat, zurückgewonnen. Er hat etliche neue Sektionen neu erfunden, etwa die Perspektive Deutsches Kino, mit dem er sehr klug den deutschen Filmnachwuchs an die Berlinale band. Oder den Talent Campus, in dem der Nachwuchs aus allen Ländern zusammentraf. Mit dem Berlinale Special hat er eine zweite Gala-Sektion geschaffen, im Friedrichstadt-Palast rollte er dafür einen weiteren roten Teppich in der Stadt aus.

Immer mehr Kinos wurden eingebunden, bis in die Kieze

Überhaupt wuchs sich die Berlinale unter seiner Ägide immer mehr aus, immer mehr Kinos wurden eingebunden, über die ganze Stadt, bis in die Kieze. Auch kinofremde Bereiche wurden beteiligt, die Bildenden Künstler über das Forum Expanded und Sterne-Köche über das Kulinarische Kino. Die Berlinale, sie war plötzlich kein reines Filmfestival mehr, sondern ein einziges, riesiges Stadt-Event. An dem auch die ganz normalen Zuschauer teilnehmen konnten. In immer noch mehr Vorstellungen, so dass die Berlinale zum größten Publikumsfilmfestival der Welt mutierte.

Das alles sind Kosslicks Verdienste. Gleichwohl rumorte es seit geraumer Zeit. Denn was ihm nicht gut gelingt, ist die Auswahl der Filme. Special und Wettbewerb kannibalisieren sich mitunter gegenseitig. Für beide braucht es Stars, und die kann Kosslick nicht in jedem Jahr in gleichbleibender Zahl nach Berlin locken. Und wenn doch, dann meist nicht mit großen Hollywoodproduktionen – die gehen nach wie vor lieber nach Cannes oder Venedig –, sondern mit kleineren Arthouse-Werken. Den Draht zu den großen Studios hat Kosslick, so vernetzt er auch ist, nie auf Dauer gehalten.

Die Nachfolge-Debatte ist ab sofort eröffnet

Im vergangenen Jahr hat er alles richtig gemacht. Da war Meryl Streep Jury-Präsidentin, George Clooney kam zur Eröffnung, alle hatten gute Laune. Und hätte er damals, wie ursprünglich geplant, aufgehört, wäre es ein großartiger Abschluss gewesen. In diesem Jahr fiel die Berlinale dagegen eher mau aus, auch wenn Kosslick das Gegenteil behaupten mochte. Und das Rumoren, das über die Jahre öfter aufkam, war wieder sehr deutlich zu hören. Manche attestierten ihm schon Amtsmüdigkeit.

Offensichtlich wurde nun eine Reißleine gezogen. Für die nächsten zwei Berlinalen wird der Chef damit zur Lame Duck. Und ab sofort ist die Kandidatensuche eröffnet. Man wird sich im Stillen schon länger Gedanken gemacht haben, nun aber muss man konkrete Ideen in den Ring werfen. Bislang ist wohl noch alles offen. Und wer könnte diese Krake, dieses Riesen-Festival übernehmen? Wieland Speck, der langjährige Panorama-Leiter, der längst nach mehr strebt? Kirsten Niehuus, die Medienboard-Chefin, die bei jeder Anfrage in dieser Richtung immer sofort abwinkt? Oder eine Lösung aus dem Ausland, wie man das ja auch bei der Volksbühne getan hat?

Wer immer Kosslick folgt, er müsste vielleicht vor allem eines tun: Das Festival mit all seinen Neben-Events und -Spielstätten radikal abspecken und sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren.