Berlinale-Kolumne

Auf der Suche nach dem Gespenst der Berlinale

Prominenz gibt es auf der Berlinale zuhauf. Aber es gibt auch einen großen Unbekannten, den unser Kolumnist jagt.

Unser Kolumnist ist auf der Suche nach "Disco"

Unser Kolumnist ist auf der Suche nach "Disco"

Foto: Michael Kappeler / dpa

Ein Phantom geistert über die Berlinale. Sie nennen ihn Disco. Er trägt ein Basecap, das ganz dicht mit Pailletten besetzt ist. Wenn der Film läuft, reflektieren die Pailletten das Licht der Leinwand, und dann herrscht Dancefloor-Atmosphäre. Disco, das wäre mal ein guter Filmname für einen Unterweltboss. Schöne Grüße von Disco (Schüsse). Du hättest dich besser nicht mit Disco angelegt (Schüsse). Disco, bitte, ich hab das Geld nicht genommen, du musst verstehen, ich ... (Schüsse.)

Disco ist für mich zur fixen Idee geworden. Immer wieder hörte ich Kollegen klagen, sie hätten direkt neben ihm gesessen. Gefunkel und Geblitze, den ganzen Film lang, und Disco weigerte sich, die Kappe abzunehmen. Ich dachte: Wenn ich davon ein Video mache, bin ich der Held auf Twitter und Facebook, das gibt Tausende Likes und Shares, #berlinale, #funkelgott, #disco. Der ­Onlinechef wird mich lieben. Ich ging also in alle möglichen Filme. Aber Disco wollte nicht auftauchen.

Stattdessen saß ich plötzlich neben meiner Oma. Okay, es war nicht meine Oma, die lebt schon seit 30 Jahren nicht mehr. Aber die Frau sah exakt so aus. Sie trug den gleichen Mantel und eine ähnliche Frisur, auch eine Brille mit dieser Schnur zum Um-den-Hals-Hängen dran, es war erstaunlich. Meine Oma hatte immer nimm2 für mich dabei, und ich dachte, gleich wird diese Frau hier neben mir ihre Krokolederhandtasche öffnen und mir ein nimm2 überreichen, dabei wird sie dieses wahnsinnig nette Lächeln lächeln und alles wird wie früher sein. Ach, ich wurde ganz wehmütig.

Dann wurde es noch schlimmer. Wir sahen den Film „24 Wochen“. Darin geht es um eine schwangere Frau. Sie erfährt, dass ihr Kind behindert ist, Down-Syndrom. Dann erfährt sie, dass es auch einen schweren Herzfehler hat. Sie muss sich entscheiden, ob sie es bekommen will oder nicht. Es gibt keine richtige und keine falsche Entscheidung, jede ist beides. Aber sie muss eine treffen. Am Schluss schluchzte das halbe Kino. Die Frau neben mir öffnete ihre Handtasche und überreichte mir ein Taschentuch.

Ich finde das schön, wenn man mir Dinge überreicht. Der Filmredakteur hat mir gestern netterweise zwei Kinder-Riegel vermacht, weil es schon auch ein bisschen Arbeit bedeutet hat, das alles auf der Berlinale. Aber das Schöne war: Es fühlte sich nicht so an. Jetzt ist es fast vorbei.

Vielleicht gehe ich heute oder am Wochenende noch einmal hin, mal sehen. Also, Disco, wenn du das hier liest: Melde dich doch bei mir. Ich bring dich ganz groß raus.