Berlinale

Acht Stunden können ganz schön lang sein

Eine Zumutung im Wettbewerb: Der philippinische Beitrag dauert acht Stunden. Und es passiert fast nichts. Colin Firth, übernehmen Sie!

Das Leben unter der spanischen Kolonialherrschaft: Eine Szene aus dem Endlosfilm „Wiegenlied für ein trauriges Geheimnis“ von Lav Diaz

Das Leben unter der spanischen Kolonialherrschaft: Eine Szene aus dem Endlosfilm „Wiegenlied für ein trauriges Geheimnis“ von Lav Diaz

Foto: © Bradley Liew

Die mit dem roten Bändel am Handgelenk sind am Tag acht des Festivals die Helden. Denn sie waren im Achtstünder des Wettbewerbs – und wollten nach einer Stunde Pause noch mal wiederkommen. Es gibt ja immer so einen Film auf der Berlinale, den man gesehen haben muss. Vor Jahren war das mal der mit dem Melonensex, 2015 war es „50 Shades of Grey“, jetzt ist es der philippinische Wettbewerbsbeitrag „Wiegenlied für ein trauriges Geheimnis“. Aber diesmal geht es weniger darum, mitreden zu können. Sondern um den Sport, es ausgehalten, durchgesessen zu haben: Ich war dabei.

Regisseur Lav Diaz macht keinen kurzen Prozess: „From What is Before“, mit dem er 2014 den Goldenen Leoparden in Locarno gewann, dauert sechs Stunden, ein anderer schon mal zwölf. Das „Wiegenlied“ kommt auf satte 482 Minuten, weshalb Presse- und Galavorstellung zusammen gelegt wurden – und die Filmcrew schon frühmorgens in Abendgarderobe in den Berlinale-Palast kam.

Alles ist Reduktion

Der Film handelt von einem Nationalhelden und Rebellen gegen die spanischen Kolonialherren Ende des 19. Jahrhunderts. Das hätte ein aufwendiger Historienfilm sein können. Lav Diaz aber ist ein konsequenter Verweigerer dieser Art von Erzählkino. Er erzählt in Schwarz-Weiß, im alten 4:3-Format, das nicht mal mehr im Fernsehen benutzt wird, mit langen Einstellungen, wobei die Kamera sich selten bewegt. Alles ist Reduktion, jedes Bild eine wohlgeformte Metapher.

Allein, es fehlt an Handlung. Manchmal knallen Schüsse aus der Ferne, und es wird von Gräueln der Spanier berichtet. Gezeigt wird das nicht, höchstens die Toten danach. Die große Fabel wird konsequent auf Kammerspiel komprimiert. Dafür werden ganz viele Freiheitslieder gesungen, in endlosen Strophen. Man kann das epischen Atem, aber auch schlicht Langeweile nennen.

Schon nach 20 Minuten wird verstohlen auf die Uhr geguckt. Die Ersten gehen nach einer halben Stunde. Fast können einem die Gäste leidtun. Die sitzen tapfer in ihren edlen Roben und müssen zusehen, wie immer mehr aufgeben. Wer sitzen bleibt, erwischt sich in abschweifenden Gedanken und Erlösungsfantasien.

Man wünscht sich dringend Colin Firth her. Der hat in „Genius“ Jude Law gezwungen, ein überlanges Buch um Hunderte Seiten zu kürzen. Wie viel Filmminuten nur hätte er Lav Diaz abschwatzen können?

Unfair im Wettbewerb

Die Berlinale hat jetzt ein Problem. Vorab hatte man noch gehofft, der Film muss ein Juwel sein, der deshalb unbedingt in die Hauptsektion gestemmt wurde. Jetzt glaubt man eher, Dieter Kosslick hat den Wettbewerb nicht voll gekriegt und mit dem XXL-Werk einen Tag gestopft. Serien sind auf der Berlinale keine Seltenheit. Wir erinnern uns auch gern, wie einmal eine Nacht durch Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ am Stück lief.

Aber das waren Special-Events. Es ist immer schwer, im Wettbewerb Dramen gegen Dokus zu platzieren. Aber ist es nicht viel unfairer, einen Acht- gegen Zweistünder zu platzieren? Der hat ja ganz andere Erzählmöglichkeiten. Auch wenn er sie nicht nutzt.

„Das Wiegenlied“ ist nur für Hardcore-Cineasten. Sehenswert einzig wegen seiner grandiosen Kamera. Und wenn er nun doch den Goldenen Bären kriegt, zeigt ihn Kosslick dann am Abschlussabend? Und die Feier gibt’s um vier Uhr früh? Nein, in dem Fall wird ein anderer Siegerfilm gezeigt. Das zeigt die ganze Inkonsequenz.