Filmfest-Kolumne

Berlinale: Nach fünf Filmen am Tag schwindet die Empathie

Nach fünf Filmen pro Tag gibt es keine Empathie mehr mit den Menschen in den Filmgeschichten. Wir haben schließlich auch eigene Sorgen.

Berlinale: Schaulaufen der Stars und Fans in Ekstase

Berlinale: Schaulaufen der Stars und Fans in Ekstase

Foto: Michael Kappeler / dpa

Am achten Tag wird das Festival zum Krieg. Ein Krieg gegen den eigenen Körper. Die Gesichter überall, die wollen nicht mehr. Das sieht man ganz genau. Die Augen sind kleiner geworden, haben sich überanstrengt in den Kopf zurückgezogen. Unter geschwollene Lidern kuscheln sie sich ein. Es brennt die rote Laterne. Es ist gut jetzt, sagen sie. Abstieg. Ausstieg. Schluss. Wir haben genug gesehen.

Und dann, sie sind klug, lassen sie das Druckmittel Angst spielen. Wer weiß, suggerieren sie beim Blick in den Spiegel, wenn du noch mehr guckst, vielleicht, da ziehen wir uns ganz zurück. Dann lachen sie diabolisch und werfen große Schatten. Eine Etage weiter oben ruht das Gehirn, und man kann das schon wörtlich verstehen: Es ist völlig fertig mit den Nerven.

Müde funkt es ein bisschen Augen­zucken. In Gesprächen lässt es den Mund völlig allein. Die Zunge macht Zelluloid zu Zellophan. Das Gehirn gegenüber, es ist wacher, es macht einen ganz normalen Job und nicht Berlinale, es regt zum Lachen an. Aber die Spiegelneuronen, die können nicht mehr. Sie sind schon ganz verschrumpelt. Jeden Tag da werden sie unter Wasser gesetzt, ja geflutet, von fremden Gefühlen. Da wird der Sohn erschossen, die Frau nach ewigen Jahren Ehe verlassen, l’Avenir, die Zukunft, desto älter man wird, so lernt man, wird alles immer schlechter, schlimmer, und dann bricht noch ein Krieg aus. Fiktional. Die Folgen davon, die sieht man real, unter Deck auf dem Flüchtlingsboot, das ist da, wo alle sterben.

Aber Empathie ist jetzt nicht mehr, nicht nach fünf Filmen pro Tag. Den Bankrott, den funkt das Gehirn nun auch runter zu den Mundwinkeln. Man kann nicht alles mitfühlen. Und Hey? Hatten wir nicht auch unsere eigenen Sorgen?

Egal. Jetzt haben wir neue. Nur vier Stunden Schlaf Nacht für Nacht. Das liegt an den Partys, zu denen man natürlich auch gehen muss, weil, wenn man nicht hingeht, wer weiß, ob man dann noch mal eingeladen wird.

Macht das eigentlich Sinn? Das kann das Gehirn nun wirklich nicht mehr entscheiden. Man schämt sich, morgens ganz kurz, weil man so viel Blödsinn geredet hat, nachts um drei, aber das ahnte man ja schon vor Ort. Deswegen schüttete man immer mehr Gratis-Alkohol hinterher. Denn ja: Auf den Berlinale-Partys da kommt jedes Gift umsonst. Praktisch ist ja: Wer viel Alkohol trinkt, kann nur wenig schlafen. Am nächsten Morgen ist der Akkreditierte um sechs schon wieder am Schalter. Neue Tickets, neuer Stoff.

Es geht nicht anders. Denn es ist nun mal so, wer akkreditiert ist, also das Festival mitbezahlt hat, der kann nicht online bestellen. Das macht auch viel Sinn, denn diesen speziellen Freund hat das Festival gerne ganz haptisch, ganz nah bei sich. Zehn Tage lang fest im Arm. Bis es eben weh tut. Auch in den Ohren.

Ding, dong, dang. Bitte gehen Sie auf Ihre Plätze. Es ist dieser Ruf jeden Tag, die Ohren folgen ihm schon automatisch. Essen und Trinken darf man nicht im Kinosaal. Egal. Hunger hat man eh keinen mehr. Und mit trockenem Mund hustet man seinem Vordermann wenigstens nicht feucht in den Nacken. So sinkt man in den Kinosessel, der Hinterkopf, es ist ein besonderer Fall von Festivalevolution, hat sich samt Frisur hinten praktisch abgeflacht. So passt er perfekt, die Wirbelsäule darunter, nimmt es lässig, hängt sich so gegen jeden Schmerz in den Samt.

Wer also klug ist, der legt sich seine Filme so, dass er das eine Kino den ganzen Tag nicht verlassen muss. Dann bleiben die Fahrten zwischen den Stationen erspart, dann kann man das reale Leben besser ausblenden. Dazu, sowieso vor jedem Film das Handy aus. Wenigstens das. Eine Berlinale-Belastung weniger.