Berlinale-Kolumne

Am Abspann sollt ihr sie erkennen

Wie man sich während eines Films verhält, sollte eigentlich klar sein. Aber wie ist es an seinem Ende? Da gehen die Meinungen auseinander – auch auf der Berlinale

Es gibt so viele Fragen, auf die man im Leben nie eine rechte Antwort findet. Ich weiß zum Beispiel bis heute nicht, wie diese kleinen Plastikummantelungen heißen, die vorne an Schnürsenkeln dran sind, damit man sie besser durch die Ösen ziehen kann. Die haben bestimmt irgendeinen abgefahrenen Namen. Na ja, vielleicht.

Das ist der Punkt: Für viele solcher Fragen fürchte ich die Antwort, weil sie wahrscheinlich ernüchternd langweilig ausfällt und die Sache ein für alle Mal entzaubert. „Aus irgendwelchen Gründen machen Erklärungen mich unglücklich“, heißt es in einem Roman von Wolfgang Herrndorf. Guter Satz.

Beim Film gibt es da auch so etwas. Immer wenn früher der Abspann lief, tauchten die zauberhaften Begriffe „Gaffer“ und „Best Boy“ auf. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte – und stellte mir in den ersten Jahren, als ich noch jung und des Englischen nicht besonders mächtig war, die coolsten und buntesten Jobs am Set darunter vor. Irgendwann machte ich den Fehler, einen im Filmgeschäft tätigen Freund danach zu fragen. Seitdem laufe ich mit einem Mysterium weniger durchs Leben. Falls Sie es noch nicht wissen: Belassen Sie es besser dabei, es lohnt sich nicht.

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Aber ein paar ungelöste Fragen gibt es doch noch zum Thema Abspann. Eine lautet: Aufstehen oder sitzen bleiben? Hier gilt es sorgfältig abzuwägen. Aufstehen hat den Vorteil, dass man das Kino schneller verlassen kann und nicht in den Stau des breiten Publikums gerät. Man ist fixer auf dem nächsten Termin, an der U-Bahn oder seinem Auto. Und wenn der Film miserabel war, muss man die Verschwendung der eigenen Lebenszeit ja nicht auch noch mit nutzlosem Ausharren auf die Spitze treiben.

Aber wenn er gut war? Dann sollte man ihn doch ausklingen lassen. Ist man das nicht dem Filmteam auch gewissermaßen schuldig? Der Abspann ist ja ein gestalteter Teil des Films – wer (wie ich) von der Unsitte vor allem privater Fernsehsender genervt ist, die Abspänne zugunsten dämlicher Teaser und sonstiger Werbeeinblendungen wegzuschneiden, weiß, was ich meine. Und was können die anderen Zuschauer im Kino dafür, dass man es eilig hat? Muss man sie dann, wenn man nicht gerade einen Platz am Rand hat, zum Aufstehen und Durchlassen zwingen?

Je Anspruch, desto Sitzenbleib

Meine gefühlte Wahrheit nach 25 Jahren regelmäßigen Kinobesuchs lautet übrigens: Je Anspruch, desto Sitzenbleib. Das Publikum abseits donnernder Mainstreamblockbuster hat es in der Regel weniger eilig und erhebt sich, wenn das Licht im Kinosaal angeht.

Ausnahme von der Regel: Die Berlinale. Morgens um 9 Uhr werden am Potsdamer Platz immer Wettbewerbsfilme für das Fachpublikum vorgeführt. Ich bin auch dabei, obwohl ich nicht vom Fach, sondern nur Kolumnist bin. Dabei fällt mir regelmäßig auf, dass die Leute beim Betreten des Kinos nicht gesitteter sein könnten – sie stellen sich klaglos an, niemand drängelt oder krakeelt, sehr schön. Beim Rausgehen ist es dann aber anders: Sobald sich der Film seinem Finale nähert, gibt es die ersten Abgänge, zu bemerken vor allem am lauten Türenknallen. Aber kaum beginnt der Abspann zu laufen, springen alle gleichzeitig auf und drängen zu den Ausgängen. Einen Zeitvorteil dürfte da so gut wie niemand haben.

Klar, dass das am engen Zeitplan und den Pressekonferenzen im Anschluss liegt, der nun mal auf so einem Festival herrscht. Aber es gibt hier ein nettes Versöhnungsangebot der Zuschauer an die Filmschaffenden: den Applaus nämlich. Ob man an ihm den Favoriten für den Goldenen Bären ablesen kann? Bisher habe ich im Wettbewerb gesehen: den tunesischen Film „Hedi“ (guter Applaus), die amerikanische Produktion „Midnight Special“ (auch gut), den französischen Film „L’avenir“ (besser) und den Lampedusa-Film „Fuocoammare“ (frenetisch). Ich habe da einen Verdacht, wer am Ende vorn liegen könnte.