Berlinale 2016

Eine Tragödie vor unser aller Augen: "Fuocoammare"

Es ist der Film zur Stunde und dann auch noch richtig gut: „Fuocoammare“ im Wettbewerb. Aber an einer Stelle will man nur noch wegsehen

Ein Junge spielt allein in einer malerisch zerklüfteten Küstenlandschaft. Er tollt mit seinem Hund herum, bastelt sich eine Steinschleuder. Dann ein harter Schnitt auf ein Hafengelände, wo sich die Satellitenschüssel dreht und wir einen Notruf hören. Von draußen, vom Meer, schlecht verständlich und immer wieder abreißend. Ein Boot voller Flüchtlinge, das zu kentern droht.

Diese zwei Szenen zeigen schon die ganze Struktur von Gianfranco Rosis „Fuocoammare“, dem einzigen Dokumentarfilm im Wettbewerb. Hier der Alltag einfacher Menschen auf Lampedusa und da dramatische Bilder von der Suche und Rettung von Flüchtlingen. Der Film zeigt beides, das ist seine Größe, ohne jeden erklärenden Kommentar. Die Bilder sprechen für sich selbst. Und, das ist das Schreckliche: Sie zeigen, dass der Ausnahmezustand auf der Insel längst zum Alltag gehört.

Flüchtlinge singen sich ihr Leid von der Seele

Lampedusa, das war das Synonym der Flüchtlingskrise, als sie noch weit weg war und nicht mitten in Europa. Lampedusa, das ist die gerade mal 20 Quadratkilometer kleine Insel nur 70 Kilometer vor Afrika – erstes Anlaufziel für Abertausende, die auf ihrem Kontinent keine Hoffnung mehr haben.

Rosi hat sich schon früh dahin begeben und mehrere Jahre dort gelebt, um diese schier unglaubliche Gleichzeitigkeit auf engstem Raum zu dokumentieren. Der Junge, der Fischer werden will, aber auf dem Meer seekrank wird. Die Frau, die im Radio von den neuesten Ertrunkenen hört und „Arme Teufel“ sagt, als sei das weit weg.

Ein Moment, wo man nur noch weggucken will

Die Doku zeigt auch die Retter, die sich auf die Suche machen und völlig erschöpfte, entkräftete Menschen bergen. Gerade noch spielen Kinder ganz naiv Krieg, und dann singen sich Flüchtlinge, die den Krieg wirklich erlebt und erlitten haben, ihr Leid von der Seele. Ein Arzt untersucht sowohl das träge Auge des Fischerjungen als auch die vielen kranken Flüchtlinge. Und verrät, dass er sich nie an die immer neu ankommenden Kranken – und Toten – gewöhnen kann.

Rosi zeigt all das scheinbar nebenher und doch in bestechenden, aufwühlenden Bildern, die immer wieder zu großen Metaphern geraten und bei denen das Meer immer eine symbolische Rolle spielt. Es gibt überraschend heitere Momente. Und viele, die nur schwer auszuhalten sind. Und dann gibt es diese eine Szene, bei der man wirklich weggucken möchte: Wenn die Kamera mit an Bord eines dieser Fluchtboote geht und im Unterdeck lauter Leichen findet.

Darf man das, muss man das?

Darf man, muss man das zeigen? Es ist dieselbe Frage wie bei dem berühmten Foto von der Kinderleiche am türkischen Strand, das um die Welt ging, sie ist eigentlich damit schon beantwortet worden und wird es nun noch einmal: Ja, man muss es wohl zeigen, um das Ausmaß des Elends klarzumachen.

Was der Film über fast zwei Stunden veranschaulicht, das wird von dem Arzt in einem einzigen Satz auf den Punkt gebracht: „Jeder Mensch, der sich Mensch nennt, muss diesen Menschen helfen.“

An diesem Film kommt die Jury nicht vorbei

„Ich zeige nichts als die Wirklichkeit“, hat Gianfranco Rosi gestern in der Pressekonferenz nach der Vorführung seines Films gesagt. „Mir geht es darum, eine Tragödie zu zeigen, die sich vor unser aller Augen abspielt. Wir tragen alle die Verantwortung dafür. Ich denke, was dort passiert, ist nach dem Holocaust eine der größten Tragödien der Menschheit.“

Am Ende dieses Festivals kommt die Bären-Jury, die laut Meryl Streep den Kern des Menschlichen in den Filmen sucht, an dieser tieftraurigen Dokumentation eigentlich nicht vorbei. Es ist der Film zur Stunde, aber dann ist er auch noch richtig gut. Man sollte ihn all jenen zeigen, die damit nichts zu tun haben wollen oder die Grenzen dicht machen wollen.

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