Berlinale 2015

„Fifty Shades of Grey“ - Das Aschenputtel und die Peitsche

Die ultimative Frauenfantasie als Film: Regisseurin Sam Taylor-Johnson hat „Fifty Shades of Grey“ von den schlimmsten Klischees befreit.

Christian Grey (Jamie Dornan) ist unfassbar reich und wahnsinnig schön. Er hat einen irrsinnigen Körper (der heißeste Hintern Hollywoods). Und er hat ein Geheimnis. Ein dunkles Geheimnis. Nein, nicht diese Sache mit dem rotledernen Sado-Maso-Spielzimmer mit seinen Peitschen, Stahlgittern und der mittelalterlichen Folterkammer-Optik.

Da ist noch etwas anderes. Etwas, das den schönen, reichen, geheimnisvollen Mann nachts auf seinem Flügel traurige Sonaten erklingen lässt, während sich vor der gigantischen Fensterfront die erleuchtete Skyline Seattles räkelt. Etwas, das einen erwachsenen, intelligenten Menschen dazu bringt, sich nichts sehnlicher zu wünschen als einen Menschen, den er besitzt. Aber was ist es?

Hundert Millionen Mal gelesen

Wir werden es nicht erfahren. Zumindest nicht in diesem, dem ersten Teil der Trilogie „Fifty Shades of Grey“, der eine bis dato unbekannte britische Mittvierzigerin universal bekannt gemacht hat. Hundert Millionen Mal hat sich die Grey-Reihe der Autorin E. L. James verkauft. Hundert Millionen Mal! Das ist eine Zahl, die genau so unglaubwürdig und übertrieben klingt wie die ganze klischeebeladene Erotik-Schmonzette zwischen dem sadistischen Milliardär Christian Grey mit der dunklen Vergangenheit und seinem Aschenputtel, die scheue, fleißige, jungfräuliche Studentin Anastasia Steele, genannt Ana, mit einer Schwäche für Thomas Hardy. Die Kritiker haben die Bücher gehasst. Die hölzernen Dialoge, die permanenten Redundanzen, den simplen Plot. Mommy-Porn haben sie es genannt. Na und? Die Fans haben es geliebt.

Am gestrigen Mittwoch hatte der Film Weltpremiere. Und das auf einem Festival, zu dem er so gut passt wie Analplugs zu einer romantischen Komödie. Damit folgt der Film der Bondage-Logik des Buches: Wenn man nur weiß, wie es geht, kann man Erregung auch genauso gut künstlich erzeugen. Vielleicht sogar noch besser. Kein Mommy-Porn mehr. Sondern ein gewagteres Liebesdrama, des vor allem jüngere Mädchen verzücken wird. Filmstart einTag nach der Weltpremiere, am heutigen Donnerstag. Einen Tag vor dem ebenfalls aus Amerika importierten und inzwischen längst domestizierten Valentinstag.

Erotikfilmfans werden enttäuscht. Die wenigen Sexszenen würden im nächsten Beate-Uhse-Shop bestenfalls belächelt. Ein bisschen gerötete Wangen, ein Ansatz von Scham, die Riemen einer Peitsche, die über Brüste gleitet, Pfauenfedern und eine überschaubare Anzahl von Schlägen – viel mehr wird nicht geboten. Der britische „Guardian“ schilderte eine Szene, in der die Sexsklavin verschnürt wie ein Truthahn von der Decke hängen solle, zu sehen war die am Mittwoch aber nicht.

Liebe mit Sicherheitsbestimmungen

Ihr dominanter Traumprinz will mit Ana nur zusammen sein, wenn die einen Vertrag unterzeichnet, der ihr vorschreibt, wie sie lebt und liebt. Liebe mit Sicherheitsbestimmungen. Ein nicht unähnlicher Vertrag hatte die Regisseurin Sam Taylor-Johnson der Laune der Autorin E. L. James unterworfen. „Frustrierend“ sei die Zusammenarbeit am Set gewesen, so zitiert der „Stern“ Taylor- Johnson. Und der „Spiegel“ lässt sie sagen: „Jeder, der Filme macht, will mehr Freiheit. Aber das ist schwierig. Da wird immer jemand sein, der mehr Geld hat und dich bezahlt.“ Sie könne das aber verstehen.

Ana und Christian, diese Figuren gehörten nun mal James. Sie hat sie geschaffen. Und sie will sie kontrollieren. Nicht umsonst ist anscheinend ihrer Fantasie dieser Christian Grey entsprungen, der wie einst Proklopil und Fritzl Menschen in Ketten legen will. Aber Sam Taylor-Johnson hat sich befreit. Bis auf einen Moment in diesem ersten Teil „Geheimes Verlangen“, an dem Christian Grey die Fantasien des britischen Thronfolgers auslebt, hat sich die amerikanische Künstlerin und Filmemacherin zwar an das Drehbuch von Kelly Marcel gehalten, aber sie hat eine entscheidende Änderung gemacht: Ihre Hauptfigur ist nicht die Anastasia Steele, die E. L. James erschaffen hat. Und das ist das große Glück dieses Films.

Das Unerträglichste an E.L. James Büchern ist nämlich das unentwegte Gedanken-Geplapper von Ana. Nicht nur das Gestöhne, auch die fixe Idee mit der inneren Göttin. „Meine winzig kleine innere Göttin wiegte sich triumphierend im Sambarhythmus“, schreibt James. Oder als Christian ihr den Vertrag unterbreitet, der sie freiwillig zur Sklavin machen soll: „Meine innere Göttin zückt die Pompons und springt wie eine Cheerleaderin auf und ab. Ja, ja, ja!“ Diese innere Göttin hat Taylor-Johnson geknebelt. An ihre Stelle tritt die eine Frau, die etwas hat, was der Buchvorlage abging: Humor und Selbstbewusstsein.

Die Angst in deinem Kopf

Klar, auch die filmische Ana Steele schreitet sorgenvoll riesige Treppen herab wie einst Chrystal im Denver Clan. Sie ist hingerissen vom Hubschrauber Flug wie Julia Roberts „Pretty Woman“. Aber sie macht ihrem kontroll-fixierten Mr. Grey auch gerne klar, dass er nicht nur sehr heiß ist, sondern mitunter auch einfach nur lächerlich. Es darf also gelacht werden. Noch ein Glück des Films. Dakota Johnson, die die Anastasia spielt, ist bislang vor allem als Tochter von Melanie Griffith und Don Johnson aufgetreten. Mit ihrer Rolle in „Fifty Shades of Grey“ ist das vorbei.

In den wenigen Momenten der Freiheit zeigt ihr eindringliches Spiel Anas Konflikt zwischen Liebe und Freiheit. Keine uninteressante Frage. Vor allem, weil der Film sie offen lässt. Ana ist ein Mensch geworden. Einer, der genau so gern die Fäden in der Hand hält wie ihr Gegenpart. Sie will sieht etwas in ihm, das er nicht sein will. „Ihr Herz ist größer, als sie zugeben“, sagt sie bei der ersten Begegnung. Er wiederum hat seine eigene Projektion, wie sie zu sein hat, was sie essen soll, wie sie sich kleiden soll. Jeder will etwas von anderen, ganz so ungewöhnlich sind die beiden am Ende also nicht.

Der Schmerz sei nur „die Angst in deinem Kopf“, sagt Christian zu Ana. Ähnlich verhält es sich mit der Verfilmung von „Fifty Shades of Grey“. Der starke Mann, der Angst vor der Liebe hat und der nur auf die richtige Frau wartet, um gerettet zu werden, ist die ultimative Frauenfantasie. Darüber nachzudenken, kann seine Reize haben. Es ist wie Bondage: Man muss nur loslassen können. Dann tut es fast gar nicht mehr weh.