Berlinale 2015

Retrospektive in der Kinemathek feiert 100 Jahre Technicolor

Alles so schön bunt hier: Das Filmmuseum der Deutschen Kinemathek am Potsdamer Platz zeigt in der Retrospektive 2015 „Glorious Technicolor“ Klassiker und Wiederentdeckungen in restaurierten Fassungen.

Foto: Berlinale / Berlinale (2)

Vor zwei, drei Jahren kam ich mit einem Taxifahrer ins Gespräch über das Kino. Auf meine Anmerkung, dass in Kürze alle Kinos von analogen 35mm-Filmen auf digitale Projektion umsteigen würden, sagte er verblüfft: „Jetzt erst? Ick dachte, so richtige Filmrollen gibt’s schon lange nicht mehr.“ Tatsächlich ist die jüngste Revolution in Sachen Kinotechnik vom Publikum kaum wahrgenommen worden.

Jenseits der Revitalisierung der 3-D-Technologie geschah der Übergang vom analogen zum digitalen zweidimensionalen Film nahezu unbemerkt. Eine filmästhetische oder gar filmphilosophische Debatte über die seither im Kino und Home-Entertainment propagierte und allzu selten kreativ genutzte totale Schärfe findet kaum statt.

Umso mehr ist es nun ein Anlass zur Freude, dass sich die Berlinale in ihrer Retrospektive mit „Glorious Technicolor“ einmal mehr eines technisch-ästhetischen Themas annimmt und dazu einlädt, den Blick für originäre Qualitäten des Kinos zu schärfen.

Anhand von 34 Filmen wird die Entwicklung jenes Farbfilmverfahrens nachvollzogen, mit dem die Technicolor Motion Picture Corporation ab 1915 zunächst den Abschied vom Schwarzweißfilm vorantrieb, um schließlich Meisterwerke wie Victor Flemings „Vom Winde verweht“, Disneys „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, später dann auch John Hustons „African Queen“ in ihren unverwechselbaren Farben erstrahlen zu lassen.

Blau, Rot und Grün: Ein Herantasten an die Farbe

Nicht nur diese Klassiker sind in ihrer ganzen satten, intensiv leuchtenden Pracht, die eine bloß naturalistische Farbwiedergabe weit hinter sich lässt, in den nächsten Tagen in Berlin zu sehen. Besonders spannend dürften jene frühen Produktionen sein, in denen sich die drei US-amerikanischen Physiker Herbert Thomas Kalmus, D. F. Comstock und W. B. Westcott noch Schritt für Schritt an das Filmen mit dem Drei-Farben-Verfahren, also mit Blau, Rot und Grün herantasteten.

So war „The Toll of the Sea“ oder auch „Lotosblume“ von Chester M. Franklin aus dem Jahr 1922 der erste Film, der in Technicolor Nr. II, das heißt durch einen roten und einen grünen Filter aufgezeichnet und projiziert wurde. Hier verbinden sich naturwissenschaftliche Innovation und künstlerische Gestaltung sehr sinnfällig mit einer amerikanisch-chinesischen Variante des „Madame Butterfly“-Motivs.

Anna May Wong, die zu Hollywoods erstem Kinostar chinesischer Herkunft werden sollte, erstrahlt in grün-rot schillernden Gewändern und Gartenanlagen, als wäre die Lotosblume nur für ihren Einsatz auf der großen Leinwand erschaffen worden.

Dass Technicolor auch dezent einsetzbar ist, bewies 1944 in Großbritannien der Kameramann Ronald Neame. Er frotzelte: „Für Technicolor Licht zu setzen, ist wie mit einem Stück Kohle zu zeichnen, nachdem man einen sehr feinen Stift gewöhnt ist“. Trotzdem gelang es ihm, in David Leans „This Happy Breed“, London zwischen den Weltkriegen eher naturalistisch abzubilden.

Buntes Programm nach Genres sortiert

Für Übersicht in der Retrospektive sorgt, dass Sektionsleiter Rainer Rother sein buntes Programm nach Genres sortiert hat. So stehen Animationsfilme und Musicals neben Abenteuer- und Historienfilmen, Western und (Melo-)Dramen. Das schafft nebenbei ein Bewusstsein dafür, wie Kostüme, Bühnenbild und Schauplätze unterschiedliche Anforderungen an die jeweilige Farbgestaltung stellen und ihr detaillierte Gestaltungsmöglichkeiten öffnen.

Von einer „Palette schimmernder Sandtöne“ schwärmt man eben nicht nur auf der Fashion Week sondern auch in der ausführlichen Broschüre zu „Glorious Technicolor“, wenn es darum geht, den 1929 in Technicolor Nr. III gedrehten Western „Redskin“ von Victor Schertzinger und die Wirkung seiner Originalschauplätze in Arizona und New Mexico zu beschreiben.

Die Broschüre informiert auch, welche der Filme tatsächlich analog auf 35mm gezeigt werden (es sind die meisten). Für tiefere Einblicke in die Materie sorgen gleich drei Podiumsdiskussionen in der Deutschen Kinemathek und einmal mehr der zur Berlinale erscheinende Katalog, der mit vielen wunderbaren Bildern auch von der Restaurierung von Technicolor-Filmen berichtet.

Das Stichwort „Farbe kuratieren“ deutet schon an, welcher Aufwand sich dahinter verbirgt und wie lohnenswert dieser sein kann, gerade in Zeiten, in denen es im Internet von Anleitungen wimmelt, wie man jedem Schnappschuss im Grafikprogramm zu einem Technicolor-Look verhilft. Ein Effekt ersetzt eben noch lange keine Ästhetik.