Berlinale

Überraschung - Goldener Bär für chinesischen Film

Die Bären der 64. Berlinale sind vergeben - aber nur teilweise an die Favoriten. Vier Bären gehen an den chinesischen Film, drei ans deutsche Kino. Der Siegertitel: „Schwarze Kohle, dünnes Eis“.

Am Ende bibberte man mal wieder um die Bären: Wird auch die diesjährige Jury um Präsident James Schamus eine der gefürchteten esoterischen Entscheidungen wie in manchem Vorjahr treffen? Die Berlinale hatte in der jüngsten Vergangenheit ein Problem, und das waren ihre Preisträger.

Es waren oft Filme aus der Peripherie, die da ausgezeichnet wurden, als sei das zweitgrößte Filmfestival der Welt eines für Kino-Entwicklungsländer. Und die tragische Fehlentscheidung vom Vorjahr, in dem ein Laiendarsteller aus Bosnien ausgezeichnet wurde, der nur sein eigenes Leben nachgestellt hatte und nach dem Preis ernsthaft glaubte, als Schauspieler Karriere machen zu können, zeigte einmal mehr die Gefahr auf, politische Akzente zu setzen und mehr auf gut gemeinte als gut gemachte Filme zu setzen.

Man hätte befürchten können, dass gerade die Amerikaner sich daraufhin ganz aus dem Wettbewerb zurückziehen, wenn ihre Stars gegen Laiendarsteller verlieren können. Das ist glücklicherweise nicht eingetreten. Der absolute Publikums- und Kritikerliebling dieser Berlinale aber, Richard Linklaters eigenwilliges Projekt „Boyhood“, einen Film über zwölf Jahre mit den immergleichen Darstellern zu drehen, er hat am Ende nicht den Hauptpreis gewonnen. Sondern „nur“, dies allerdings mehr als verdient, den für die beste Regie. Der Applaus dafür war hörbar der stärkste des Abends. Das letzte Mal, da die Stimmung der Festivalbesucher mit der Entscheidung der Jury übereinstimmte, war 2011 der iranische Film (und spätere Oscar-Gewinner) „Nader und Simin“.

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Präsident Schamus und seine sieben Juroren, darunter Christoph Waltz und Bond-Produzentin Barbara Broccoli, gingen einen Sowohl-als-auch-Weg. Sie zeichneten endlich einmal wieder amerikanische Filme aus, denen es ja fast verboten schien, in Berlin zu reüssieren. Die zweitwichtigste Auszeichnung, der Große Preis der Jury, ging diesmal an Wes Andersons grandiosen, stargespickten „Grand Budapest Hotel“. Ein Unterhaltungsfilm im besten Sinne, wie man ihn zwar gerne guckt, dem man aber gerade deshalb gemeinhin null Preis-Chancen einräumt. Weil er keine politisch brisanten Themen anreißt, keine Tabus bricht, nicht weh tut. Eskapismus, das ist ein Zeichen dieser Jury, muss kein Hinderungsgrund sein. Kino darf auch mal einfach nur Spaß machen. Man könnte wetten, dass Frau Broccoli einmal etwas in dieser Richtung formuliert haben könnte.

Der große Sieger der diesjährigen Berlinale aber ist das asiatische Kino, das gleich vier Auszeichnungen erhielt. Für eine herausragende künstlerische Leistung wurde der chinesische Kameramann Zeng Jian geehrt, der für das Blindendrama „Tui na“ oszillierend-schwankende Bilder fand, die das Vermögen und Unvermögen des Sehens verstörend adäquat aufgreifen. Zur besten Schauspielerin wurde die Japanerin Haru Kuroki ernannt für die arg vorhersehbare, arg ausgewalzte Kriegsantiromanze „Chisai Ouchi“ (The Little House“) von Altmeister Yoji Yamada. Das war vielleicht die überraschendste, unvermutetste Bären-Entscheidung: Es gab so viele starke Frauenfiguren, vor allem unter den jüngeren Darstellerinnen, von der Nachwuchsentdeckung Lea von Acken in „Kreuzweg“ über Henriette Confurius im Schiller-Drama „Die geliebten Schwestern“ bis zu Patricia Arquette als sich aufopfernde und in Würde alternde Mutter in „Boyhood“.

Gleich zwei Preise aber gingen an den chinesischen Film „Bai ri yan huo“ (Schwarze Kohle, dünnes Eis) von Diao Yinan. Das ist – mal wieder, muss man sagen – ein großer Unbekannter in der Welt des Films. Sein Film, der im China von 1999 und dem von 2005 spielt, ist ein Thriller in bester Neo-Noir-Manier. Der mit Genre-Elementen spielt, eine Art „Im Zeichen des Bösen“ auf Mandarin. Der in einem absurden Schusswechsel, aber auch in anderen grellen Momenten an Tarantino erinnert und deshalb Christoph Waltz entzückt haben dürfte. Der aber immer auch die Gewohnheiten einer Diktatur spüren lässt.

„Bai ri yan huo“ strich gleich noch einen Bären für den besten Schauspieler ein. Fan Liao nahm ihn einen Tag nach seinem 40. Geburtstag entgegen, quasi als verspätetes Geschenk zum Runden. Auch das ist ein wenig schade, weil es eben auch da noch andere starke Leistungen gab (die des großartigen Berliner Jungen in „Jack“ etwa oder des „Boyhood“-Darstellers, der von einem sechsjährigen Kind am Anfang zu einem 18-jährigen Schauspieler reift). Die drei Preise für China wollen wohl ein Zeichen setzen für das neue Kino dort: Hier ist plötzlich alles möglich. Hier darf, das belegen auch Beiträge aus anderen Sektionen, alles gezeigt werden, auch explizite Sexszenen, die noch vor kurzem verpönt waren. Aber, die Frage bleibt mal wieder im Raum: War das wirklich der beste Film? Wieder gewinnt ein Werk, das niemand auf der Liste hatte. Wieder musste die Jury vor allem originell sein.

Drei Preise für deutsche Filme

Freuen kann sich in diesem Jahr aber auch das deutsche Kino. Weil es ebenfalls mehrfach ausgezeichnet wurde. Der Große Preis für „Grand Budapest Hotel“ ist ja zur Hälfte ein hiesiger Triumph, wurde er doch nicht nur im Studio Babelsberg und in Görlitz („Görliwood“) gedreht, sondern von Babelsberg auch koproduziert. Zumindest der Drehbuchpreis geht an die Geschwister Anna und Dietrich Brüggemann, die in „Kreuzweg“ das Martyrium eines 14-jährigen Mädchens in einer katholischen Sekte konsequent in ein formal strenges Korsett gepresst haben. Und einen Silbernen Kurzfilm-Bären ging zwar an einen französischen Titel, „Tant qu’il nous reste de fusil à pompe“, aber der Regisseur Guillaume Cailleau lebt in Berlin.

All die sozialkritischen, politisch lesbaren Filme, die sonst so gern mit Bären gepriesen werden, blieben diesmal außen vor. Auch der rote Faden des Festivals, kleine Kinder, die unter den sozialen Missständen ihrer Gesellschaft leiden, fand keine Berücksichtigung. Letztlich hat die Jury ziemlich konservativ gewählt. Dass der Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven ausgerechnet an den 92-jährigen Alain Resnais geht, der seit 20 Jahren denselben Film dreht, ist ein trauriges Indiz. Schade. Es war eine so tolle Berlinale, aber sie wurde am Ende leider nicht abgerundet. Immerhin wurde hier, entgegen früheren Jahren, einmal ein breites Spektrum abgedeckt, was im Kino möglich ist.