Berlinale

Das lange, quälende Martyrium eines jungen Mädchens

Ein radikaler, formal strenger, quälender, aber unheimlich nachwirkender Film: „Kreuzweg“, der zweite deutsche Beitrag im Wettbewerb

Foto: ** / © Alexander Sass

In Kapitel Neun, wenn man schon längst nicht mehr daran glaubt, gibt es sie dann doch noch, die erste Kamerabewegung dieses Films. Und sie wirkt wie ein Schock. Weil man sich schon so an die Starre gewöhnt hat. „Kreuzweg“, der zweite deutsche Beitrag im Wettbewerb, ist harte Kost. Nicht nur inhaltlich. Auch formal. r Regisseur Dietrich Brüggemann und seine Schwester, Drehbuchautorin Anna Brüggemann, wollen den Zuschauer quälen. Er wird zum Leidensgefährtin der 14-jährigen Maria, die hier eine wahre Passion durchmacht.

Und damit das von Anfang an klar ist, wird ihre Geschichte mit den 14 Stationen auf dem Kreuzweg Jesu verbunden. Ein Film in 14 Kapiteln, die alle, das ist der Kunstgriff, in je einer einzigen, langen Einstellung ohne jeden Schnitt gedreht wurde wurden. Und, bis auf drei Ausnahmen, auch ohne jede Kamerabewegung. Das ist ein radikales Prinzip. Die Brüggemanns haben das schon einmal angewendet, bei ihrer Komödie „Neun Szenen“. Aber man muss es mögen. Wenn man es nicht tut, wird man schon bald zählen, wie lange der Film noch dauert.

Die größte Sünde heißt Unkeuschheit

Und er ist wahrlich schwere Kost: Die junge Maria, grandios dargestellt von Lea von Acken, eine der vielen hinreißenden Nachwuchsentdeckungen auf diesem Festival, will nicht, wie alle Teenager, Musik hören oder mit Jungs sprechen. Das ist alles Teufelszeug, sagt ihre ultrakatholische Mutter (Franziska Weiß). Und ihr Firmpater (damönisch: Florian Stetter, der Schiller vom Vortag) unterstützt sie in ihrem Wahn. „Die Unkeuschheit ist die größte Sünde“, wird ihr gepredigt. Es muss eine tiefe Ironie gewesen sein, diesen Film vor Lars von Triers „Nymphomaniac“ zu programmieren. Weil der kleine Bruder von Maria aber von jeher nicht spricht, glaubt sie wirklich, durch ein Opfer könne sie ihn zum Sprechen bringen. Und so nimmt sie den Wahn ihrer Umwelt an. Und opfert sich auf. Bis zum bitteren Ende. Ein unbequemer, unangenehmer, aber starker, lange nachwirkender Film.