Hollywoodstars singen

„Les Misérables“ - die Berlinale geht auf die Barrikaden

Mit Musik geht alles besser: Auf seinem Festival präsentiert Dieter Kosslick gern mal ein Musical. Diesmal ist es „Les Misérables“.

Foto: Berlinale

Oper ist, das haben wir kürzlich in Dustin Hoffmans spätem Regiedebüt „Quartett“ gelernt, Oper ist, wenn die Hauptfigur erstochen wird und dann nicht blutet, sondern singt. Ein Musical, so müsste man dann weiterdenken, wäre, wenn die Hauptfigur erstochen wird, singt - und tanzt.

Aber nein: „Les misérables“, einer der großen Klassiker der Genres, der seit über 27 Jahren noch immer jeden Abend in London gespielt wird, und zwar täglich, „Les misérables“ ist ein Musical, in dem nicht getanzt wird. Und in der neuen Hollywood-Verfilmung von Tom Hooper wird zwar gesungen, aber es wird auch gestorben.

Hollywoodstars, die singen

Und die Hollywoodstars, die sich alle trauen, selber zu singen, wurden ganz offensichtlich angewiesen, im Zweifelsfall mehr schauzuspielen als zu singen. Heißt: kein Belcanto, kein Vibrato, lieber mehr Ausdruck.

Anne Hathaway etwa: Als Mutter eines unehelichen Kindes im Frankreich der Nachrevolution muss sie erst ihre Haare, dann ihre Zähne und schließlich, das macht dann auch keinen Unterschied mehr, den Rest ihres Körpers verkaufen.

Der verfällt denn auch recht schnell. Und ihr großes Lied, bevor sie dann viel zu schnell, nämlich schon in der ersten von zweieinhalb Stunden, stirbt, das wird nicht mit großer Stimme gesungen, die sie womöglich hat (an Broadway-Erfahrung mangelt es ihr nicht, und ihre Mutter hat die Rolle auch schon gespielt!).

Rotz und Wasser heulen

Aber nein, sie röchelt, sie heult buchstäblich Rotz und Wasser. Und die Stimme versagt beinah. Wer die CD der London-Crew zu deren 25. Jubiläum hört, der kennt andere, stimmgewaltigere Fantines. Wer nur den Soundtrack hört, der wird womöglich enttäuscht sein. Wer aber im Kino sitzt und Anne Hathaway buchstäblich zerfließen sieht, der wird ergriffen sein. Und wünscht ihr jeden Oscar.

Unvergessen, wie Anne Hathaway vor vier Jahren mit Hugh Jackman die Oscars präsentierte. Und sang und tanzte. Damals war schon klar, dass die beiden bei „Les misérables“ die Hauptrollen spielen sollten. In diesem Jahr sind sie dafür beide nominiert.

Auf die Berlinale, die die pompöse Musical-Verfilmung jetzt als Special im Friedrichstadtpalast präsentiert, fällt dann doch ein wenig von dem Oscar-Glanz ab, von dem es, seit die Preisverleihung in Los Angeles in den Februar vorverlegt wurde, deutlich weniger gibt als in früheren Jahren. In letzter Minute hat auch noch Hugh Jackman zugesagt, der zwar nicht zur Pressekonferenz kommt, aber es doch noch abends auf die Premiere schaffen will. Und dann womöglich mit Anne singt.

Neigung zum Musikfilm

Mit Musik geht alles besser. Damit hat Dieter Kosslick ja seine Erfahrungen gemacht. Die Musical-Verfilmung „Chicago“ war die beste aller Kosslick-Berlinale-Eröffnungen, mit der Musik-Doku „Shine A Light“ konnte er dann mal nicht nur mit Film-, sondern auch mit Rockstars punkten.

Das es allerdings auch mal daneben gehen kann, bewies der Musical-Film „Nine“. Der war leider ziemlich mau, hatte zwar lauter Stars, aber keiner von denen ließ sich in Berlin sehen.

„Les misérables“ - ein solides Epos

„Les misérables“ ist kein „Chicago“, aber auch kein „Nine“. Ein solides Epos mit zahlreichen Schauwerten: gigantische Bilder von Revoluzzern, altem Paris und Barrikadenkämpfern, edle Gefühlen und höchst niederträchtige Triebe.

Zwei Stars, die sich durchaus achtbar durch die hohen Töne singen (Jackman, Hathaway), einer, der sich eher durchmogelt (Russell Crowe als steifer Gegenspieler) und zweien, die die fehlende Stimme durch Komik ersetzen (Helena Bonham-Carter und Sacha Baron Cohen).

Ein kleiner Makel haftet der Platzierung als Special indes an. Kaum ein Land, in dem das Musical nicht längst im Kino gelaufen ist. Kosslick kann damit zwar eine Deutschlandpremiere feiern. Aber da lacht selbst mein ungarischer Kollege, der das schon an Weihnachten gesehen hat.

Termine: Friedrichstadt-Palast, 9. Februar 2013, 21 Uhr und 14. Februar 2013, 20.30 Uhr