Berlinale 2012

Bei "Gnade" fröstelt einen schon beim Zusehen

Eine deutsche Familie will in Norwegen ein neues Leben beginnen. Doch stattdessen widmen sich Vater, Mutter und Sohn ihren dunklen Geheimnissen. "Gnade" von Regisseur Matthias Glasner reiht sich bei der Berlinale in die Reihe der Filme über Auf- und Ausbrüche ein.

Foto: dpa / dpa/DPA

Es wird noch einmal richtig kalt auf der Berlinale. Windig. Dunkel. Eisig. Aber, das ist die gute Nachricht: Dies gilt nur für die Leinwand. In Berlin soll es bis zur Bärenverleihung bei Plustemperaturen bleiben. Matthias Glasners „Gnade“, der dritte und letzte deutsche Wettbewerbsbeitrag, zieht aber in den hohen Norden von Norwegen, dahin, wo für einige Monate gar kein Tageslicht zu sehen ist. Finstere Zeiten. Da fröstelt einem schon beim Zusehen. Und das Knirschen der Stiefel im Schnee ist wie der Soundtrack, der ewige Klangteppich dieses Films.

Neues Feuer im ewigen Eis

Hammerfest, kurz vor dem Nordkap, galt lange als nördlichste Stadt der Welt. Den Status hat sie in den neunziger Jahren verloren, als die Gemeinde Honningsvag ebenfalls zur Stadt hochgestuft wurde. Aber Hammerfest, das hat natürlich den besseren Klang, das klingt nach hammerharter Metapher. Hier haben überdies im Zweiten Weltkrieg die Deutschen gewütet, haben alles zerstört, bevor sie abgezogen sind. Nicht der ideale Ort also für Deutsche, um auszuwandern. Erst recht nicht, um eine Beziehung, die nur noch auf Sparflamme züngelt, wieder neu zu entfachen. Aber hier wollen Maria und Niels eine „zweite Chance“ versuchen. Hierhin zieht das Hamburger Ehepaar mit seinem 12-jährigen Sohn, der davon alles andere als begeistert ist. Und obwohl Niels gerne Schneemobil fährt und Eisfischen geht, obwohl Maria fleißig die Sprache lernt und sogar im örtlichen Chor Sami-Gesänge mitsummt, Choräle der Ureinwohner – eine scheinbar vollkommen geglückte Akklimatisation und Integration– , trotzdem entfremdet sich die Familie in der Fremde noch weiter, vereisen die Gefühle.

Denn alle haben ein Geheimnis. Niels, der hier in der größten europäischen Erdölverflüssigungsanlage Karriere macht, fängt, nachdem er seine Hamburger Affäre beendet hat, hier gleich eine neue an. Der Sohn befreundet sich mit einem Klassenkameraden, der ihm das Schießen beibringt und auch sonst genau das ist, was man gemeinhin einen schlechten Einfluss nennt. Und Maria, die Krankenschwester, guckt, übermüdet nach einer Doppelschicht, etwas zu lange ins Polarlicht. Und überfährt etwas. Einen Hund vielleicht. Sie ist geschockt, steigt aber nicht aus. Sie fährt weiter. Sie erzählt es Niels. Jetzt schließt sie die Möglichkeit schon nicht mehr aus, es könne etwas anderes gewesen sein. Ein Mensch vielleicht. Niels fährt an die Stelle zurück. Er findet nichts. Aber bald wird ein Mädchen gefunden, das nur wenige Meter entfernt gestorben ist. Es ist die Tochter von Nachbarn; die Eltern singen beide in Marias Chor mit.

Matthias Glasner ist ein Provokateur. Der Berliner Regisseur sucht brisante Stoffe, oder vielleicht suchen die Stoffe auch ihn. Vor fünf Jahren spaltete „Der freie Wille“ – damals ebenfalls im Wettbewerb – die Berlinale, mit „This Is Love“ (2008) über Kinderprostitution setzte er noch eins drauf. Da ist Fahrerflucht im Vergleich fast ein undelikates Thema. Aber der Moment schockt natürlich trotzdem: Ausgerechnet die Schwester eines Sterbehospiz, die ihre Patienten nur in den Tod begleiten, aber nicht retten kann, ausgerechnet sie unterlässt Hilfeleistung, als sie einmal ein Leben bewahren könnte. Sie hat Angst, mag sich der Verantwortung nicht stellen. Weil ihr Leben zerstört wäre. Aber auch das ihrer Angehörigen.

Aber ist es das nicht längst? Immerzu scheint der Film auf eine Katastrophe zuzulaufen. Der Sohn, der mit der Knarre spielt und seine Eltern heimlich filmt, also alles weiß. Der Vater, der ausgerechnet seiner eifersüchtigen Geliebten in einem Helikopter zubrüllt, was passiert ist. Die Mutter, die bei ihrer jüngsten Sterbepatientin den beruflichen Panzer ablegt und sowieso jeden Moment droht, von ihren Gewissensbissen zermalmt zu werden. Wie im dänischen Oscar-Gewinner „In a Better World“ wartet man permanent auf die Eskalation, die schlimmstmögliche Wendung. Aber, das ist das Erstaunliche dieses Films: All diese Erwartungshaltungen werden grandios unterlaufen.

Schon rein ästhetisch macht Glasner alles andersrum, als man denken würde. Der neue Versuch, die zweite Chance wird ins ewige Dunkel der Polarnacht getaucht. Die erste halbe Stunde lang gibt es nicht einen Schimmer Tageslicht. Der Unfall passiert in einem Irrlicht. Sonnenstrahlen dringen erst durch den Vorhang, wenn die Patientin im Hospiz stirbt. Und je offensichtlicher die Familie an sich selbst und ihrer Schuld verzweifelt, desto heller, greller werden die Bilder.

Der deutsche Film positioniert sich bestens auf dieser Berlinale. Petzold, Hans-Schmid, Glasner, die ironischerweise alle Filme über Aufbrüche und Ausbrüche gedreht haben, sie alle zeigen sich von ihrer stärksten Seite. Jürgen Vogel, der mit Glasner eine eigene Produktionsfirma gegründet hat und in jedem seiner Filme spielt, ist in „Gnade“ einmal mehr mit einer ganz außergewöhnlichen Leistung zu erleben; Glasner fordert seinen Freund wohl am meisten heraus. Aber auch Birgit Minichmayr, Silberner-Bär-Siegerin 2009, weiß ihre kaltherzige Filmfigur doch so vielschichtig und nachvollziehbar wie möglich zu zeichnen. Jakub Bejnarowiczs großartige, weite, poetische Landschaftspanoramen bilden einen starken Kontrast zu diesen Figuren, die sich immer mehr in ihre Anoraks, Schals und Gewissensnöte verkriechen. Aber dann geschieht etwas Unerhörtes, etwas, das dieses genau beobachtete Familiendrama weit über Vergleichswerke hinausragen lässt. Der Film beginnt zu tauen, die Figuren werden zum Schmelzen gebracht. Und der Titel ist ganz wörtlich zu verstehen.

Der Unfalltod zwingt Niels und Maria, die bislang mehr neben- als miteinander gelebt haben, dazu, sich endlich auseinanderzusetzen. Am Ende entschließen sie sich, den Eltern der Toten alles zu beichten. Eine nur schwer zu ertragende Sequenz. Und hier nun das Unglaubliche, mit dem Glasner doch wieder spalten könnte: Die Eltern verzeihen. Keine Verwünschungen. Keine Rachegelüste. Keine Erinnerung an deutsche Ur-Schuld. Nur ein stilles, inneres Zerbrechen. Aber auch das: ein Verzeihen. Gnade ist eine ganz unorthodoxe Lektion im Vergeben, ohne jeglichen christlichen Überbau. Schuld kommt auch ohne Sühne aus.

Das bewegendste Finale seit langem

In der letzten Einstellung von „Gnade“ sind sie alle vereint zu sehen, die Täter und die Opfer, beim Feiern der Mittsommernacht. Im stärksten Licht, das der Norden zu bieten hat. Es ist dies kein ganz unbefangenes Fest, man schaut noch verstohlen aufeinander. Aber man lässt es die Mitfeiernden nicht anmerken. Das ist das bewegendste, nachdrücklichste, verstörendste Finale, das man lange im Kino erlebt hat und das mit dem Wort „Happy End“ nur höchst unzureichend beschrieben wäre. Vielleicht musste man deshalb bis ganz in den Norden ziehen, weil man sonst die Symbolik einer Erleuchtung nur schwer ertragen würde. Dieser Schluss ist eine Zumutung: Denn er wirft uns auf uns selbst zurück. Und auf die unbequeme Frage, ob wir auch eine solche Größe hätten – verzeihen zu können.

Wiederholungen: Freitag (17. Februar 2012), 12 u. 22.30 Uhr, Sonnabend 14.30 Uhr, 19.2., 15 Uhr, alle im Friedrichstadtpalast