Berlinale Forum

Mit der Liebe ist es überaus schwierig

Der etwas andere Beitrag zum Valentinstag, auf der Berlinale: In „Beziehungsweisen" von Regisseur Calle Overweg treffen falsche Paare auf echte Paartherapeuten. Das ist ähnlich heftig wie seinerzeit in "Szenen einer Ehe".

Foto: Calle Overweg Filmproduktion

Am Abend in einer Berliner Pärchenwohnung: Heiko (Axel Hartwig) klampft so vor sich auf der Gitarre herum, seine Freundin Amelie (Anja Haverland) notiert sich etwas in ihr Buch. Die Atmosphäre ist abgekühlt. Eisige Blicke wirft sie Heiko zu, denn er hat sie betrogen, obwohl Amelie schwanger von ihm ist. Die beiden leben seit dem neben- aber nicht mehr miteinander. Doch plötzlich reicht es Heiko. Er schlägt neue Akkorde an, singt plötzlich: „Gib mir jetzt die Filzpantoffeln, ich rauch die letzte Tüte, ich brat dir braune Bratkartoffeln, weil ich dich jetzt behüte.“

Amelie schaut verzaubert auf, lächelt in Anbetracht ihres untreuen Barden. Liebe ist paradox und Zuneigung läuft spontan. Ihr Heiko trällert wie eine vierschrötige Brecht-Figur weiter: „Ob du mir glaubst oder nicht, man nennt mich den Halunken. Ich tue dir weh, du musst es ertragen, aber Himmel, wenn es sich auch nicht reimt, ich will mit dir leben.“ Und einen Augenblick lang entsteht die wunderbare Welt der Amelie.

Das ist nur eine der „Beziehungsweisen“, die der Regisseur Calle Overweg aus Berlin-Schöneberg in seinen gleichnamigen, dokumentarisch-gespielten Film genauer angeschaut hat. „Beziehungsweisen“ läuft zurzeit im Forum auf der Berlinale und versucht zu zeigen, wie es funktioniert, Gefühle zu formulieren. Das klingt kompliziert und ist es auch. Overweg fragt in seinem Film experimentell, was in einer Partnerschaft zur Sprache kommt und was doch lieber verschwiegen bleibt. Seine „Beziehungsweisen“ sprengen deshalb einen bislang abgeriegelten Gesprächsrahmen, in dem nur Vertraulichstes verhandelt wird: die Paartherapie.

Darin kommen ja bekanntlich jede Menge Beziehungskisten auf den Tisch, aber glücklicherweise sind es hier im Film einmal die von anderen Leuten. In diesem Sinne sind Seitensprünge, ungewollte Schwangerschaften, Eifersüchteleien und Gefühle wie Entfremdung, Wut, Zorn und Verzweiflung das tägliche Brot der Protagonisten. Jean Paul Sartres Zitat „die Hölle, das sind die anderen“, entfaltet in „Beziehungsweisen“ seine volle Tragweite, Kapitulationen von trauter Zweisamkeit erfolgen im Gespräch mit dem Dritten, dem Psychologen - es bleibt scheinbar nur die Flucht nach vorn.

Regisseur Overweg schickt sie alle zu Recht in Therapie. Er hat die Konstellation echter Psychologe und fiktiver Patient bewusst gewählt, um das sensible Thema der Beziehungsarbeit greifbar zu machen. Eine riskante „Versuchsanordnung“: Schauspieler sind in der faktischen Therapie-Sitzung gefangen und erörtern, objektivieren die ewige Wiederkehr des Streits und Neids für jedermann, machen in den gespielten Szenen plastisch, wie es zu Eifersucht kommt, warum sich der eine in jemand anderes verliebt oder fremdgeht. Im minimalistischen Setting eines à la „Dogville“ von Lars von Trier abgeklebten Raumes mit stark reduzierten Requisiten kommt so Individuelles und ganz Exemplarisches zur Sprache, Gefühle werden gezeigt - auch bei den Psychologen.

„Wir retten, was noch zu retten ist“ schwebt den Ratsuchenden da ziemlich unscharf vor - schon lange können die Paare nicht mehr mit- aber auch nicht ohne einander. Doch was ist, wenn es da schon gar nichts mehr gibt - keine Gefühle mehr da sind? Amelie zuckt zumindest merklich zusammen, als Paartherapeut Joachim Maier die zentrale Frage stellt.

Amelie ist im Film mit ihrem Partner Heiko zuständig für die typische Kollision von Selbstverwirklichung und Partnerschaftsplanung der so genannten „thirtysomethings“, während sich das zweite Paar - die Filmschaffenden und Workaholics Herrmann (Leopold Altenburg) und Dorothea (Abak Safaei-Rad) - seit der Geburt ihres zweiten Kindes nur noch streiten. Das tut das konservative und opernliebende Rentnerehepaar Siegfried (Gerhold Selle) und Eva (Fransiska Kleinert) auch sehr gern und oft, wenn es nicht gerade in vollkommener Entfremdung aneinander vorbei lebt. Seitensprünge und Selbstzweifel sind bei allen drei Pärchen epidemisch – auch die Diagnose lautet gleich: Hinter der Fassade lauert das Unglück im Eigenheim. Ingmar Bergman, der mit „Szenen einer Ehe“ ein vorwiegend auf der Dialogebene argumentierendes Beziehungsdrama verwirklicht hat, wird hier ein Denkmal gesetzt, denn Overweg protokolliert ebenso mit analytischem Scharfsinn die Alltagsprobleme der Paare.

Sehr lebensechte Momente, die zugleich abstrakte Modellsituationen sind, entstehen durch den speziellen Zugang eines dokumentarisch-gespielten Films. Sie sind tröstend, führen dem Zuschauer beispielhaft vor: Es geht uns doch allen so. Regisseur Overweg wahrt dabei die notwendige Portion Distanz zum brisanten Spiel.

„Privates soll privat bleiben“, erklärt er nach der Filmpremiere, „ich selbst möchte meine Beziehung nicht öffentlich ausgestellt sehen, das keinem anderen zumuten und auch nicht hinsehen, wenn andere durch echte Scheidungsjammertäler wandern.“ Seine Darsteller würden in diesem Sinne bekannte Problematiken verkörpern, ließen sich vollkommen frei darauf ein, im Gespräch nach Lösungen zu suchen.

Und so zetert, leidet, verträgt und streitet sich sein Figurenensemble glaubwürdig vor der Kamera, so, als hätte es die Rollenhaftigkeit der Charaktere vollkommen vergessen. Sie lassen ordentlich Dampf ab, wie Drehbuchautor Hermann, der seine Frau Dorothea vor der verdatterten Therapeutin Heidemarie Zunken-Kreplien anbrüllt: „Was kann er dir schon bieten?“ Bei den beiden fliegen sowieso die Fetzen, denn sie haben kleine Kinder, doch dann kommt auch noch jemand anderes hinzu. Auf dem Film-Set hätte sie sich in jemand anderen verliebt, wie sie in der Therapiesitzung gesteht. Hermann fragt den Tränen nahe: „Und wer ist das?“ Dorothea antwortet nüchtern: „Der Kameramann.“ Die Doku-Fiktion „Beziehungsweisen“ ist fast schon echtes Leben: Ziemlich gemein durch sich selbst erfüllende Prophezeiungen und Stereotypen.

Darum haben sich Heiko und Amelie auch gestritten und dann beim Versöhnungssex ein Kind gezeugt und Eva und Siegfried sind nie in der Semperoper in Dresden angekommen, sondern stecken im „deine-Schuld,-dass-wir-nicht-früher-losgefahren-sind“-Stau, ohne Kinder, dafür aber mit hochexplosivem Streitpotential an Bord. Auch Heiko, der untreue Barde, klimpert nach seinem spontanen Lied an Amelie noch unsicher herum, sagt vieldeutig: „Ja, ich weiß nicht, vielleicht muss der Schluss noch ein bisschen anders sein.“ Overweg lässt also alles offen. Niemand weiß, ob sie weiter miteinander leben werden – Amelie und Heiko sind ja auch das jüngste Paar.

Für die beiden anderen Generationen, also die, die sich schon etwas zusammen aufgebaut haben, zieht noch Marion Braun, Diplompsychologin und Psychoanalytikerin gegen Ende des Films „Beziehungsbilanz“. Die Expertin erklärt: „Schulden und gemeinsame Kinder sind oft das einzig Verbindende bei den Paaren, Liebe ist das Kriterium, das am schwersten den Bestand einer Beziehung gewährleisten kann“ und schiebt mit Blick auf das Rentnerehepaar vor sich noch hinterher: „Nichts ist so flüchtig wie Gefühle.“

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