"Die Eiserne Lady"

Warum Meryl Streep nie Merkel spielen würde

Ihre Rolle als die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher könnte Meryl Streep erneut einen Oscar einbringen. Sicher ist ihr schon jetzt der Goldene Ehrenbär der Berlinale. Ein Gespräch über die "eiserne Lady", Merkel und Demenz.

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Ihre Darstellung der einstigen britischen Premierministerin Margaret Thatcher in "Die Eiserne Lady“ könnte Meryl Streep in zwei Wochen erneut einen Oscar einbringen. Es wäre ihr dritter bei nun schon 17 Nominierungen. Jetzt aber ist sie erst einmal in Berlin: Dort hat ihr die Berlinale eine Hommage gewidmet. Wenn „Die Eiserne Lady“ ihre Deutschlandpremiere feiert, wird ihr der Goldene Ehrenbär verliehen. Peter Beddies hat zuvor mit der 62-Jährigen gesprochen.

Morgenpost Online: Mit den Ehrungen für das Lebenswerk ist das immer so eine Sache. Auf der einen Seite sicher schön. Auf der anderen steht auch dahinter, dass die Zeit langsam abläuft.

Meryl Streep: Ach wissen Sie, ich stecke in einem ganz anderen Dilemma. Es steht zwar überall, dass ich zu den meistprämierten Schauspielern gehöre. Aber ich habe auch die meisten Nominierungen, ohne danach den Preis bekommen zu haben. Deshalb bin ich immer froh, wenn ich einen Preis bekomme, ohne vorher diese Hürde überspringen zu müssen.

Morgenpost Online: Bei der Berlinale waren Sie noch nicht allzu oft, oder?

Meryl Streep: Ich bin bisher auf sehr wenigen Festivals eingeladen gewesen. Vielleicht sind meine Filme nicht so sehr festivaltauglich. An meinen letzten Besuch in Berlin kann ich mich noch gut erinnern. Die Stimmung war toll, alle mochten unseren Film „The Hours“ sehr, und ich habe mich in Berlin absolut wohlgefühlt.

Morgenpost Online: Damals haben Sie eine Berlinale-Kamera bekommen. Wissen Sie, wo die bei Ihnen zu Hause steht?

Meryl Streep: Nein, da haben Sie mich auf dem falschen Fuß erwischt. Vielleicht, wenn ich eines Tages mal so alt werden sollte wie Margaret Thatcher und nur noch in der Erinnerung lebe, kann ich solche Fragen beantworten. Und was das drohende Alter angeht, da bitte ich Sie, in 20 Jahren noch mal nachzufragen.

Morgenpost Online: Stimmt es, dass Sie die Thatcher gar nicht spielen wollten?

Meryl Streep: Meine erste Reaktion war natürlich ein Nein. Wie vermessen muss man denn bitte sein, wenn man als amerikanische Schauspielerin nach Europa geht, um eine englische Legende zu verkörpern? Damit bin ich jetzt durch, und Sie müssen keine Angst haben, dass ich eines Tages mal Angela Merkel spielen möchte.

Morgenpost Online: Könnte sein, dass Angela Merkel das mit Bedauern hört.

Meryl Streep: Tut mir leid. Ich finde, dass sie – aus der Ferne gesehen – eine extrem starke Frau ist. Aber sollte mal in vielen Jahren jemand aus ihrer Geschichte einen Film machen wollen, gibt es garantiert tolle deutsche Schauspielerinnen.

Morgenpost Online: Wer hat Sie denn überredet, doch „Die eiserne Lady“ zu spielen?

Meryl Streep: Meine Regisseurin Phyllida Lloyd. Wir hatten schon bei „Mamma Mia“ einen sehr guten Draht zueinander. Sie hat mich daran erinnert, dass ich ihr mal erzählt hatte, einen Film machen zu wollen über das zu Ende gehende Leben. Und darüber, wie es ist, wenn man Dinge verliert. Hier in diesem Fall sind es gleich zwei Dinge. Margaret Thatcher verliert die Macht und den Ehemann. Das zu verkraften ist in der Tat schwer. Wenn man dann noch krank ist, fällt es einem noch viel schwerer.

Morgenpost Online: Gibt es etwas, das Sie vor den Dreharbeiten nicht gewusst haben über die Thatcher?

Meryl Streep: Es gibt einen Fakt, der mich wirklich überrascht hat. Man kennt all die Dinge über ihren Aufstieg, wie sie sich als junge Frau behaupten musste. Aber wie sehr sie in ihrer Familie verankert war – und dieser Begriff ist genau so gemeint – das hat mich total überrascht. Komme, was wolle, hat sie für ihre Familie Frühstück und Abendessen vorbereitet.

Morgenpost Online: Margaret Thatcher musste an ihrer Stimme arbeiten. Sie hat versucht, sie tiefer klingen zu lassen. Damit sie wie ein Mann wirkt?

Meryl Streep: Nein, das würde ich nicht sagen. Sie musste an ihrer Stimme arbeiten – im Film wirkt das ein bisschen wie „The King's Speech“. Aber so war es wirklich – um besser gehört zu werden. Ihre Stimme war zu Beginn etwas zu hoch. Sicher hat ihr das auch eine gewisse Autorität eingebracht. Darauf wird sie es auch abgesehen haben. Aber männlicher? Nein, auf keinen Fall!

Morgenpost Online: Was glauben Sie, worüber sie am Ende gestürzt ist?

Meryl Streep: Ganz einfach: Ihre Stärke ist ihr zum Hindernis geworden. Obwohl sie mit vielen ihrer Entscheidungen von heute aus gesehen recht hatte, hätte sie damals Kompromisse eingehen müssen. Das hat sie nicht getan. Sie ist lieber von der politischen Bühne abgetreten. Aber erwarten wir nicht genau das von unseren politischen Führern? Dass sie Visionen haben, dass sie entschlossen kämpfen?

Morgenpost Online: Es kommen einem viele Begriffe in den Kopf, wenn man an Margaret Thatcher denkt. Aber bemerkenswerter Weise nie das Wort Glück.

Meryl Streep: Schade, dass wir sie nicht selbst fragen können. Sie würde sicher bestätigen, dass sie sehr oft glücklich war. Aber sie hat Glück anders definiert. Es hatte zu tun mit Pflicht und Disziplin und so weiter. Vielleicht würde sie nicht das Wort Glück benutzen. Sie würde sicher sagen, dass sie ein erfülltes Leben hatte.

Morgenpost Online: Ist es nicht heikel, sie als 86-jährige, an Demenz leidende Frau zu zeigen?

Meryl Streep: Das hätten wir sicher nie gemacht, wenn diese Information nicht frei verfügbar gewesen wäre. Thatchers Tochter hat es in einem Buch über ihre kranke Mutter geschrieben. Wir haben angefragt, ob wir mit der Familie reden könnten. Daraufhin bekamen wir die Antwort, dass kein Interesse an einem Treffen besteht, dass wir auch keinen Zugang zu Margaret Thatcher bekommen. Und dass sich die Familie zu diesem Film nicht positionieren wird.

Morgenpost Online: Fanden Sie das ungerecht?

Meryl Streep: Das muss die Familie entscheiden, nicht ich. Ich finde es nur eigenartig, wenn wir Altersdemenz zu einem Tabu machen. Es gab in England reichlich Kritik, dass wir sie so zeigen. Aber überlegen Sie bitte mal, was gewesen wäre, wenn Thatcher lungenkrank gewesen wäre, und ich hätte die ganze Zeit gehustet. Niemand hätte auch nur ein Wort darüber verloren.

Morgenpost Online: Gehört Demenz zu den Krankheiten, vor denen Sie sich fürchten?

Meryl Streep: Auf jeden Fall. Nehmen Sie ein Zimmer mit zehn Personen, zehn glücklichen, gesunden Menschen. In ein paar Jahren, das sagt die Statistik, werden sieben von ihnen dement sein. Meine Eltern waren beide am Ende ihres Lebens dement. Und so interessiert mich natürlich, was mit einem Menschen passiert, wenn er an Demenz leidet. Und ich stelle mir die Frage, was aus mir eines Tages wird.

Morgenpost Online: Wenn man sich selbst als 86-Jährige im Spiegel sieht, wie groß ist der Schrecken?

Meryl Streep: Sehr groß, sollte man eigentlich denken. Immerhin bin ich von dem Alter noch mehr als 20 Jahre entfernt. Aber mir kam das ganz natürlich vor. Es gibt ein Foto von mir, ich muss zehn Jahre alt gewesen sein, auf dem ich alt aussehe. Ich weiß noch genau, wie ich den Augenbrauenstift meiner Mutter genommen und jede noch so kleine Falte in meinem Gesicht nachgezogen habe. Dann habe ich meine Mutter gebeten, das zu fotografieren. Uns ist beiden aufgefallen, dass ich exakt wie meine Großmutter ausgesehen habe. Was mich glücklich gemacht hat, denn meine Oma habe ich immer verehrt und geliebt.

Morgenpost Online: Vielleicht winkt für diese Alters-Rolle ja ein Oscar.

Meryl Streep: Nicht schon wieder dieses Thema, bitte! Darüber kann ich mir Gedanken machen, wenn ich bei der Oscarverleihung sitze und mein Name aufgerufen wird und ich denke: „Mist, schon wieder keine Rede vorbereitet!“ Deshalb wirke ich bei diesen Verleihungen immer ein bisschen chaotisch.