Berlinale

"Iron Sky" ist eine irrwitzige Nazi-Trash-Invasion

Eine hanebüchene Filmidee: Die Nazis verbergen sich auf der dunklen Seite des Mondes und planen einen Vergeltungsschlag gegen die Erde. Viel Klamauk und unbeholfene Spezialeffekte, aber auch liebevolle Details sorgen auf der Berlinale für überraschende Euphorie.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Wer sagt denn, dass sich Charlie Chaplins Meisterwerk "Der Große Diktator" über Adolf Hitler lustig machte? Ein bisschen umgeschnitten und aus dem Werk wird ein sehr kurzer Kurzfilm, in dem der Führer liebevoll einen Erdball streichelt. Was soll der schon Böses wollen? Propaganda, wie sie im Buche steht.

Aber die funktioniert natürlich nur, wenn man hinterm Mond lebt, wie die Nazis in der Science Fiction Parodie "Iron Sky", die am Wochenende in Berlin Weltpremiere hatte und in 93 Minuten soviel Irrsinn und Getöse unterbringt, dass man zwischenzeitlich ganz vergisst, auf der hochseriösen Berlinale zu sein.

Die hanebüchene Grundidee: Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs sind sich die Nazis mit fliegenden Untertassen Richtung Mond geflüchtet und leben seitdem auf der dunklen Seite des Mondes, abgeschottet von der Welt und mit einem neuen Führer namens Kortzfleisch (den Udo Kier schön schmierig desolat spielt). Dort erbauten sie den Stützpunkt "Schwarze Sonne" und entwickeln einen Raumschiffkoloss, die "Götterdämmerung", für den geplanten Vergeltungsschlag gegen die Erde.

Ansonsten ist man technisch recht rückständig und hängt alten Idealen an, den arischen Nachwuchs der Kolonie unterrichtet die naive Blondine Renate Richter (Julia Dietze) nicht nur im richtigen Gruß ("Heil Kortzfleisch!"), sondern auch in Englisch, damit sich die Mondnazis nach der Rückkehr mit dem Erdpöbel verständigen können.

Als sie im Jahr 2018 zufällig von einer amerikanischen Mondmission entdeckt werden, sehen Hintermondler ihre Zeit gekommen. Nachrichtenübermittlungsoberführer Klaus Adler (Kinodauernazi Götz Otto), der sich schon als den nächsten GröFaZ sieht, fliegt mit seiner blonden Verlobten Renate und dem kurzerhand albinisierten US-Astronauten Washington (Christopher Kirby) zur Erde, wo das blonde Fascho-Gretchen aber schnell feststellt, dass die Nazi-Ideologie Humbug ist und nun alles dafür tut, die Götterdämmerung aufzuhalten.

Während anderswo schwerwiegende Dramen und Filmkunst hochgehalten werden, gelingt im Panorama einem Räuberstück der Befreiungsschlag. Diese Nazi-Trash-Invasion muss wohl die Art Kino sein, von der Filmrebell Klaus Lemke sprach, als er aus Protest gegen die Berlinale-Auswahl zur Eröffnung auf dem Roten Teppich den blanken Hintern präsentierte.

Die krude Science-Fiction-Parodie ist bevölkert von drastisch überzeichneten Figuren und scheut vor Klamauk nicht zurück, nicht jeder Witz zündet und viele Spezialeffekte sind sympathisch unbeholfen. Aber die Naziwelt hinterm Mond wimmelt auch von unzähligen liebevollen Details, das Hauptquartier hat die Form eines Hakenkreuzes, die Computer sind noch groß wie Einfamilienhäuser, und es bedarf nur eines kleinen Smartphones als Bordcomputer, um die "Götterdämmerung" zum Fliegen zu bringen.

Warten auf die Wunderwaffe

Der finnische Regisseur Timo Vuorensola und seine Truppe sind Nerds im besten Sinne: Mit Wonne zitieren und parodieren sie sich durch die Filmgeschichte, vergreifen sich an Nazimythen wie den als Wunderwaffen kolportierten Reichsflugscheiben oder der angeblichen Nazi-Polarstation Neuschwabenland. Die Mondjugend trägt wagnerianische Namen wie Siegfried und Brunhilde, und am Ende droht der Meteoritenblitzkrieg alles in Schutt in Asche zu legen. Das ist der Wahnwitz, den man sich von Dani Levys "Mein Führer" erhofft hatte.

Offensichtlich musste erst ein Finne kommen, um den Deutschen zu zeigen, wie man sich wirklich über Nazis lustig macht - und den Rest der Welt gleich dazu. Jeder kriegt sein Fett weg, vor allem die Vereinigten Staaten von Amerika, die wohl in sechs Jahren von einer Sarah Palin nicht unähnlichen Frau regiert werden, die für ihren Wahlkampf ("Yes, I Can") dringend einen Kick braucht und unverhohlen Naziparolen und einen Weltallkrieg in Kauf nimmt, um zu zeigen, wer hier die Größte ist.

Ganz neu ist die Idee freilich nicht. Bereits Ende der 1960er-Jahre fingen B-Filmer in Amerika und Europa an, sich mit Nazis nicht mehr ernsthaft auseinander zu setzten, sondern in bewusst trashigen Filmen, so genannten Naziploitation, mit viel sagenden Titeln wie "They Saved Hitler's Brain" oder "Ilsa -She Wolf of the SS" mit Tabubrüchen und Klischees zu spielen.

Vom Untergrundphänomen zum Internetkult

Es ist immer ein Undergroundphänomen für einschlägige Großstadtvideotheken geblieben. Auf "Iron Sky" haben nichtsdestotrotz mehr als acht Millionen Youtube-Fans gewartet, die Timo Vuorensolas ersten Film, die ohne Budget entstandene Star-Wars-Parodie "Star Wreck" zum Internetkult geklickt haben. An seinem nun ersten professionell produzierten Spielfilm arbeitete er seit 2006, noch vor der Weltpremiere auf der Berlinale hatte der Film über 100.000 Fans auf Facebook.

Entsprechend euphorisch wurde "Iron Sky" nun in Berlin gefeiert. Es ist die Revolution von unten, der Angriff der Internetnerds. Jahrelang wollte kein Studio das Projekt auch nur mit spitzen Fingern anfassen aus Angst vor politischer Unkorrektheit. Und so wurde die 7,5 Millionen Euro teure deutsch-finnisch-australische Koproduktion nur zu Teilen durch klassische Filmförderung finanziert, über 600.000 Euro kamen durch Crowdfunding, also unzählige Kleinbeiträge der Fans, zustande. "Iron Sky" könnte so Vorreiter werden, wie künftig Filme gemacht, finanziert und vermarktet werden - wenn man den Geschmack der Masse trifft.

Die Aktion hat im Netz für so viel Furore gesorgt, dass auch andere davon profitieren wollten. Letztes Jahr tauchte ein unlizenziertes iPad-Spiel zum Film auf. Statt die Macher zu verklagen, kündigten die Über-Selbstdarsteller von "Iron Sky" öffentlichkeitswirksam eine Kooperation mit den Ideenklauern an: "Mondnazis verhandeln mit chinesischen Piraten".

Wiederholungen auf der Berlinale: Cubix 9, Montag, 17 Uhr; International, 17.2., 20 Uhr; Colosseum, 19.2., 22.30 Uhr