"Barbara" im Berlinale-Wettbewerb

Die Angst der Nina Hoss, sich anzuvertrauen

Der erste von drei deutschen Filmen ist am Samstag im Wettbewerb der 62. Berlinale gestartet: Regisseur Christian Petzold beschreibt in "Barbara" das Leben einer jungen Ärztin in der DDR Anfang der 80er Jahre.

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Alle, die gern nach einem dominierenden Motiv bei der Berlinale suchen, können schon nach den ersten drei Tagen einen klaren Trend vermelden: Es geht ums Eingesperrtsein. Nina Hoss ist in Christian Petzolds „Barbara“ eine DDR-Ärztin, die einen Ausreiseantrag gestellt hat. Ein Kollege aus dem Westen liebt sie und will ihr die Flucht ermöglichen, und er liebt sie so sehr, dass er ihr sagt, er könne mit ihr auch im Osten glücklich werden; da sieht sie ihn erschrocken an und sagt „Hier kann man nicht glücklich sein“. Die Enge von Gaëlle in „A moi seule“ ist noch bedrückender, wurde sie doch als kleines Mädchen entführt und lebt seit acht Jahren in einem Kellerverlies. Und in „Cesare deve morire“, einem erstaunlich kraftvollen Film der über 80-jährigen Gebrüder Taviani, spielen reale Mörder und Drogenhändler in einem römischen Hochsicherheitsgefängnis Shakespeares „Julius Cäsar“.

Das Gefühl des Gefangenseins ließe sich noch in weiteren Filmen finden. Interessanterweise geht es häufig nicht so sehr um Wege zur Befreiung, sondern um das sich Einrichten in der Gefangenschaft, das Überwinden von Einsamkeit. „Barbara“, die nach ihrem Antrag erst eingesperrt und dann in die tiefste Provinz versetzt wurde, igelt sich zunächst völlig ein. Christian Petzold zeichnet ein unspektakulär bedrohliches Bild allgegenwärtiger Überwachung, von naseweißen IM-Nachbarn bis zum offen vor dem Haus stehenden Stasi-Wagen. Immer mehr schiebt sich jedoch eine andere Frage in den Vordergrund: Wie kann man in solch einer Atmosphäre Menschen vertrauen? Es gibt einen anderen Arzt in „Barbara“, gespielt von dem hervorragenden Ronald Zehrfeld (der Polizist aus „Im Angesicht des Verbrechens“), der nicht nur fähig und sympathisch, sondern auch vertrauenswürdig zu sein scheint. Aber soll sie sich ihm offenbaren?

„Barbara“ ist das „System Petzold“ in Perfektion. Christian Petzolds Art des Filmemachens ist unverwechselbar. Die beste Beschreibung ist wohl ökonomisch, es gibt keine Geste, kein Wort, eine Kamerabewegung zu viel. Jede Szene dauert keine Sekunde länger, als sie muss, und jede Szene ist ein eigener, kleiner Spannungsbogen für sich, der aufgebaut und aufgelöst wird, sozusagen lauter Mini-Geheimnisse innerhalb des großen Geheimnisses. Das ist vielleicht der Kern der Petzold-Filme, bei denen meistens wenig Spektakuläres geschieht, wo man aber trotzdem gebannt im Kinosessel sitzt.

„Barbara“ ist Petzolds erster „historischer“, sprich, nicht in der Gegenwart spielender Film. Wir schreiben das Jahr 1980, aber dies blendet der Film nicht einfach ein, man muss es sich aus der Ausstattung mit Trabis, Kohlenkellern und Radiomeldungen erfolgern. Überlegt man sich's, ist sein Stil des Verstehens ohne Worte und der Reserviertheit der Gefühle einer Gesinungsdiktatur wie der DDR sehr angemessen, und es ist auch eine gute Entscheidung, in die tiefste Provinz zu gehen, wo das System am piefigsten ist. Petzold hat sich auch von den doppelten, metaphysischen Ebenen seiner vorhergehenden Filme „Gespenster“ und „Yella“ wieder völlig verabschiedet, kaum ein Film von ihm kommt derart klar und geradlinig daher. Was aber, wenn man sich von der Hypnose seiner Erzählweise gefangen nehmen lässt, überhaupt nicht stört. Die Berlinale hat „Barbara“ völlig zu Recht den allerbesten Platz eingeräumt, den sie zu vergeben hat, die Galavorstellung am ersten Samstagabend.

Wiederholungen Friedrichstadtpalast, heute, 9.30 Uhr; Toni, Sonntag, 21.30 Uhr; Haus der Festspiele, 13.2., 20 Uhr.