Juliette Binoche

"Jedes Geschäft hat auch etwas von Prostitution"

Der Berlinale-Film "Das bessere Leben", in dem Juliette Binoche die Hauptrolle spielt, handelt von Prostitution. Im Interview spricht die Französin über Klischees, Männer- und Frauenrollen sowie zweideutige Angebote im Filmgeschäft.

Foto: dpa/ picture alliance / dpa/ picture alliance/picture alliance

In einem zugigen, eiskalten Café am Potsdamer Platz treffen wir Juliette Binoche. Dem französischen Filmstar ist an diesem Nachmittag das scheinbar Unmögliche gelungen: Sie ist gegen die Minustemperaturen thermosicher eingepackt und trotzdem très chic. Sie ist hier, um über ihren neuen Film „Das bessere Leben“ in der Sektion Panorama zu reden. Darin spielt die 47-jährige eine Journalistin, die zwei junge Prostituierte interviewt und dabei ihr eigenes, gut situiertes Leben in Frage stellt.

Morgenpost Online: Frau Binoche, es wird bisweilen gemunkelt, viele Stars würden die Berlinale wegen des Wetter meiden.

Juliette Binoche: Mich hält das nicht ab! Letztes Jahr war ich drei Wochen in der Antarktis, dagegen ist das hier gar nichts.

Morgenpost Online: In ihrem neuen Film über Prostitution sind Regie, Drehbuch und Produktion komplett in weiblicher Hand. Ist das Voraussetzung für einen solchen Stoff?

Binoche: Wenn der Film von einem Mann inszeniert worden wäre, hätte er sicher eine Menge Probleme damit gehabt. Ich habe schon den Eindruck, dass schwierige Themen von Regisseurinnen besser umgesetzt werden. Komplexe Zusammenhänge, weniger Schwarzweißdenken, was Gut und Böse angeht, all das können Frauen meist besser. Und bei diesem Thema finde ich den weiblichen Blickwinkel allemal interessanter. Mir hat gefallen, dass der Film keine Antworten gibt, auch wenn das manche provozierend finden. In meiner Rolle als Journalistin frage ich die Mädchen, was das Schlimmste in ihrem Job ist, und sie sagen: die Lügen. Das war für mich der entscheidende Moment: Es geht eben nicht darum, sich fremden Männern nackt hinzugeben oder Dinge tun zu müssen, die man nicht will. Es ist etwas viel Grundsätzlicheres – zu lügen –, das ihnen am schwersten fällt.

Morgenpost Online: Ganz persönlich: Glauben Sie, dass Frauen Männern überlegen sind?

Binoche: Inwiefern?

Morgenpost Online: Emotional, geistig…

Binoche: Haha! Warum? Fühlen Sie sich mickrig nach dem Film? Tut mir echt leid… Aber im Ernst: Das ist eine seltsame Frage, weil die Welt doch klar zeigt, dass Männer regieren.

Morgenpost Online: Der Film zeigt Männer zumindest nicht im besten Licht…

Binoche: Auch die Frauen kommen nicht gut weg, oder? Meine Figur ist ziemlich beurteilend und ziemlich unglücklich. Das ist doch wahre Gleichberechtigung: dass wir alle unsere dunklen Seiten zeigen dürfen. Aber natürlich gibt es den einen großen Unterschied: Frauen erschaffen neues Leben, sie gebären die Kinder. Das ist ein Mangel, den Männer dadurch zu kompensieren versuchen, dass sie sich überlegen fühlen. Soweit mein kleiner Exkurs in Freuds Theorien. Vielen Dank, Papi! Laut Freud fehlt uns Frauen auch etwas, der Schwanz, wir haben den Penisneid. Ist also alles eine Frage der Perspektive. Und natürlich ist körperliche Anziehung wichtig, aber letztlich geht es doch immer um eins: Liebe. Die gehört nichts und niemandem, es hat nichts mit Geschlechtern zu tun, wir alle fühlen sie.

Morgenpost Online: Ihre Filmfigur bildet sich schnell eine Meinung über diese jungen Frauen. Wie viel Urteil darf man sich als Schauspielerin über die eigene Figur erlauben?

Binoche: Überhaupt keins, das ist Teil der Vereinbarung. Man muss sich in jeden Menschen einfühlen können. In jedem steckt ein kleines Mädchen oder ein kleiner Junge, dem niemand zuhört. Wenn man zu diesem Kern, diesem Schmerz vordringt, kann man gar keine Vorurteile mehr haben.

Morgenpost Online: Hat Ihr Mitgefühl Grenzen?

Binoche: Ich versuche zumindest zu verstehen. Ich rede nicht von Verzeihen, ich habe inzwischen begriffen, dass es manchen Menschen unmöglich ist, zu vergessen und vergeben, wenn die Verletzung zu groß ist.

Morgenpost Online: Was haben Sie dabei über sich selbst gelernt?

Binoche: Das spielt sich nicht immer im Kopf ab. Schon die Tatsache, dass ich mich vor der Kamera entblöße, ist ein Moment, der mich verändert. Es ist eine Befreiung, weil man sich Gefühlen und Situationen stellt, die man vorher nicht hatte. Vor der Kamera sollte alles möglich sein. Natürlich masturbiere ich nicht wirklich vor der Kamera, aber jeder Moment sollte doch immer wahrhaftig sein. Das macht natürlich auch Angst, aber ich setzte mich dem gerne aus. Man darf sich als Schauspieler nicht darum scheren, was andere denken.

Morgenpost Online: Haben Sie keine Angst, sich vor der Kamera zu verlieren?

Binoche: Das will ich doch! Wenn ich mich nicht verlieren würde, hätte ich das Gefühl zu schummeln.

Morgenpost Online: Sollte Prostitution Ihrer Meinung nach verboten werden?

Binoche: Man muss den Menschen die Freiheit lassen, ihr Leben zu führen, wie sie wollen, man kann das nicht gesetzlich regeln. Aber wir müssen darüber reden und junge Mädchen aufklären, wie dieses System funktioniert. Es geht ums Verkaufen, darauf beruht unsere ganze Welt. Und sich das bewusst zu machen, ist die einzige Möglichkeit, um die eigene Grenze zu finden. Es geht bei Prostitution nicht immer gleich um Ausbeutung, viel passiert heute übers Internet und ohne eine dritte Person, für die das Mädchen anschafft. Aber auch wenn man es Escort oder Begleitservice nennt, am Ende verkaufen sie ihren Körper für Geld. Ich selbst würde es nie tun, aber ich würde mir nie anmaßen, darüber zu urteilen. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: seinen Körper dem auszusetzen, ist ungesund und schädlich. Ich bin mir sicher, wenn eine Prostituierte sagt, sie ist glücklich und zufrieden, dann will sie das vor allem selbst glauben. Das kleine Mädchen, das in jeder Frau steckt, hätte sich nie für dieses Leben entschieden.

Morgenpost Online: Wie viel haben Prostitution und das Filmgeschäft gemeinsam?

Binoche: Jedes Geschäft hat auch etwas von Prostitution. Film, Medien, Banken. Überall gibt es Hierarchien und Ausbeutung. Es ist schwierig, seine eigenen Grenzen zu ziehen. Die Gesellschaft hilft einem da jedenfalls nicht weiter.

Morgenpost Online: Wo sind Ihre eigenen Grenzen?

Binoche: Die musste ich sehr früh ziehen. Wenn man als Schauspielerin jung und frisch ist, umgeben von Produzenten und Regisseuren, die ihre Position ausnutzen, muss man sich sehr in Acht nehmen. Ich habe mich in diesen Situationen immer auf meine Intuition verlassen und Nein gesagt, wenn es notwendig war. Es ist ein sehr heikler Weg, aber auch interessant, weil man sich selbst sehr gut kennen lernt.

Morgenpost Online: All die Klischees, die wir von Produzenten und Besetzungscouches haben, sind wahr?

Binoche: Klischees kommen ja nicht von irgendwoher, sie haben immer einen wahren Kern. Es gibt tatsächlich viele Produzenten, die dicke Zigarren rauchen, ist Ihnen das noch nicht aufgefallen?

Morgenpost Online: Sind Ihnen zu Beginn Ihrer Karriere Rollen entgangen, weil sie sich nicht mit dem Produzenten oder Regisseur einlassen wollten?

Binoche: Nein. Die wollten mich immer erst hinterher. Aber dann war's zu spät.

Wiederholungen Cubix 9, 12.2., 14.30 Uhr; Friedrichstadtpalast, 17.2., 18 Uhr