Berlinale

Sandra Bullock entdeckt die Kämpferin in sich

Sandra Bullocks neuer Film "Extrem laut und unglaublich nah" läuft im Berlinale-Wettbewerb außer Konkurrenz. Morgenpost Online sprach mit der Schauspielerin über das Trauma des 11. Septembers und ihre Pause nach dem Ehe-Aus.

Foto: AFP

Selbst für das skandalerprobte Hollywood war es außergewöhnlich, was Sandra Bullock vor zwei Jahren passierte. Ein Star war sie schon lange. Nur die oberste Weihe, der Oscar fehlte noch. Den bekam sie für "The Blind Side". Zu Tränen gerührt dankte sie ihrem Ehemann. Kurz darauf der Schock: Affären ihres Gatten wurden bekannt. Bullock schmiss ihn raus. Beendete die fünfjährige Ehe. Adoptierte ein Kind. Und verschwand für fast zwei Jahre. Nun hat sie zum ersten Mal wieder gearbeitet. Am heutigen Freitag ist sie in Stephen Daldrys "Extrem laut und unglaublich nah" zu sehen: als Mutter, die ihren Mann am 11. September 2001 in den Twin Towers verlor. Peter Beddies hat mit der deutschstämmigen Schauspielerin gesprochen.

Morgenpost Online: Schön, Sie wieder mal zu sehen. Ist es erlaubt zu fragen, wie es Ihnen geht?

Sandra Bullock: Danke der Nachfrage. Sehr gut. Sie werden sicher verstehen, dass ich über meinen Ex-Mann nicht reden kann, aber ansonsten: Alles gut. Manchmal tun einem solche heftigen Einschnitte ins Leben gut. Man merkt es nur nicht sofort.

Morgenpost Online: Haben Sie in der letzten Zeit etwas an sich entdeckt, dass Sie noch nicht wussten?

Sandra Bullock: Ja, in der Tat. Ich habe - auch wenn es ordentlich nach Klischee klingt - die Kämpferin in mir entdeckt. Ob nun im Privaten oder im Beruf, ich habe früher wohl zu oft und zu schnell aufgegeben. Das wird mir sicher nicht wieder passieren.

Morgenpost Online: Hat Ihr Regisseur Stephen Daldry das auch zu spüren bekommen?

Sandra Bullock: Oh nein. Wenn ich von den beruflichen Kämpfen spreche, dann deshalb, weil ich für Filme bekannt wurde, für die ich nicht zu Unrecht den Beinamen "America's Sweetheart" bekommen habe, dass ich mich künftig aber nicht mit den erstbesten Gags oder Ideen für Romantik zufrieden geben werde. Mir steht der Sinn gerade sehr nach Einmischung. Die Leute sollen wissen, warum ich welche Filme mache.

Morgenpost Online: War es eine bewusste Entscheidung, im ersten Film nach der Pause eine Mutter zu spielen?

Sandra Bullock: Sie meinen: Jetzt bin ich eine Mutter, jetzt spiele ich eine Mutter? Nein. Es hat mir natürlich geschmeichelt, dass Stephen Daldry mich fragte. Schauen Sie sich an, was er alles schon gedreht hat. Aber ich hätte ganz bestimmt nicht mitgespielt, wenn die Rolle eindimensional gewesen wäre. Es ist schön, diese Mutter zu sehen, von der die Zuschauer denken, sie wäre eine Egoistin und würde sich nicht um ihren Sohn kümmern. Aber dann gibt es den Kniff, den ich noch nicht verraten möchte. Und plötzlich steht sie in einem ganz anderen Licht da. Das fand ich toll.

Morgenpost Online: Der Film kreist um das Datum 11. September 2001. Darum, wie man Trauer verarbeitet. Es gibt schon jede Menge interessanter Dokumentationen zu diesem Thema.

Sandra Bullock: Ich weiß. Stephen hatte sie besorgt und wir haben uns einige davon angeschaut. Menschen, die Angehörige verloren hatten oder die selbst überlebt haben. Das sind ergreifende Geschichten.

Morgenpost Online: Sie kannten die noch nicht?

Sandra Bullock: Nein. Ich weiß, dass es diese Filme gibt und dass sie überall auf der Welt gezeigt werden. In den USA berührt das aber Teile des Persönlichkeitsrechts. Dieser Tag löst in den meisten von uns immer noch Wut und Trauer aus. Stephen hat mir Dokumaterial gezeigt, wie Menschen letzte Nachrichten an ihre Liebsten auf Anrufbeantwortern hinterlassen haben. Als wir das hörten, hatten die meisten von uns Tränen in den Augen. Oje, mir kommen schon wieder Tränen, wenn ich nur daran denke. Ich bin sehr nah am Wasser gebaut, wie man so schön sagt.

Morgenpost Online: Jeder von uns weiß noch, was er am 11. September gemacht hat.

Sandra Bullock: (lange Pause) Ja, das geht mir auch so. Ich war an diesem Tag mit meiner kleinen Schwester und ihrem Mann in der Nähe der Twin Towers. Wir wollten den Geburtstag meines Schwagers feiern. Das ist immer noch total irreal, wenn ich diese Bilder in meinem Kopf aufrufe. Wir sahen, wie die Flugzeuge in die Türme flogen. Wir waren zuerst wie alle paralysiert. Aber dann sind wir hingefahren und haben geschaut, wo wir helfen können.

Morgenpost Online: Aber es gibt keine Bilder von Ihnen von diesem Tag, oder? Amerika mag solche Geschichten doch sehr gern.

Sandra Bullock: Nein, zum Glück gibt es diese Bilder nicht. Das wäre mir auch nicht recht gewesen. Was hätten Sie gezeigt? Menschen, in graue Dämpfe gehüllt und eh kaum zu sehen, die Verletzte und auch Leichen durch die Gegend tragen. Entschuldigung, da kommen mir gleich wieder die Tränen.

Morgenpost Online: Wir können auch über andere....

Sandra Bullock: ...nein, nein, das ist schon in Ordnung. Was glauben Sie denn, was los war, als ich im März mitbekam, dass die Dreifach-Katastrophe in Japan geschah? Ich stand sofort unter Wasser. Wahrscheinlich ein Reflex, um Stress abzubauen. Ging mir schon immer so. Oft standen die Menschen dann um mich herum und haben gefragt, was passiert ist. Nichts! Ich musste nur einfach heulen. Aber was den 11. September angeht: Ich war froh, dass ich an diesem Tag keine Extra-Behandlung bekommen habe, wie man sie Schauspielern oft angedeihen lässt. Ich war froh, da zu sein und helfen zu können. Wenn es davon Fotos gäbe, wäre bestimmt der Verdacht aufgekommen, dass die Bullock das bloß macht, um eine gute Presse zu bekommen.

Morgenpost Online: Diese letzten Anrufe, die Stephen Daldry zur Vorbereitung abspielte, bestanden die hauptsächlich aus Panik und Schreien?

Sandra Bullock: Das könnte man denken. Aber das Gegenteil war der Fall. Diese Menschen haben bei ihren Liebsten angerufen und die meiste Zeit ist einfach Stille. Am Anfang dachte ich noch, das wäre eine technische Störung. Aber Stephen hat mir erklärt, dass sich diese Menschen in diesem Moment, auch wenn keiner an der anderen Leitung war, geborgen fühlten. Das war für sie der letzte Kontakt zu Heimat und Familie, bevor sie gestorben sind. In den meisten Fällen war ein letztes Mal "Ich liebe Dich" zu hören. Und dann kam das große Schweigen. Und zugleich ein großer Frieden. Das war sehr ergreifend, das zu hören. Und zugleich extrem verstörend.

Morgenpost Online: Wo immer auf der Welt Not entsteht, dauert es nicht lange, bis Sie Geld geben.

Sandra Bullock: Ja, das stimmt. Ob nun auf Haiti oder in Japan oder, oder. Ich gebe sehr gern Geld. Früher habe ich immer gedacht, ich könnte das irgendwie verheimlichen.

Morgenpost Online: Warum?

Sandra Bullock: Weil ich mich nicht wichtiger nehmen will, als ich bin. Das Leben war - bis auf wenige Ausnahmen - sehr gut zu mir. Ich habe mehr Geld verdient, als ich jemals ausgeben kann. Ich könnte jetzt in Saus und Braus leben. Aber mir ist schon früh anerzogen worden, dass man mit Geld nicht um sich wirft.

Morgenpost Online: Klingt sehr deutsch.

Sandra Bullock: Tja, zwölf Jahre lassen sich nicht verleugnen. Aber es ist nicht nur die deutsche Seite in mir. Da man in den USA - was Geld angeht - recht wenig verstecken kann, habe ich aufgehört, mein Engagement verstecken zu wollen. Ja, ich helfe gern. Und ich hoffe, dass ich anderen Menschen damit ein Vorbild sein kann!

Morgenpost Online: Warum sind Sie kein Vorbild und kommen endlich mal nach Deutschland, um da einen Film zu drehen?

Sandra Bullock: Ach, das wird mir wohl ewig anhängen. Es stimmt, ich hatte mal Kontakt zu einem deutschen Regisseur. Es sah wirklich so aus, dass ich in Deutschland einen Film drehen könnte. Aber dann wurden wir uns nicht einig, in welche Richtung das gehen sollte. Also wurde nichts daraus.

Morgenpost Online: Und die anderen?

Sandra Bullock: Welche anderen?

Morgenpost Online: All die anderen Projekte, die man Ihnen in den letzten Jahren angeboten haben muss.

Sandra Bullock: Da war nicht ein einziges Angebot aus Deutschland. Ich schwöre es. Dabei würde ich gern mal in Deutschland drehen. Immer her mit den Angeboten.

Morgenpost Online: Würden Sie sich zutrauen, auf Deutsch zu drehen?

Sandra Bullock: Da ich den Ehrgeiz meiner Mutter geerbt habe, würde ich mir das zutrauen. Aber ich bräuchte etwas Vorbereitungszeit. Momentan würde ich sehr nach einer Fränkin klingen, die zu lange in den Staaten war. Aber mit einem guten Stimmen-Trainer würde ich das sicher hinbekommen. Aber ich muss das wohl nicht machen.

Morgenpost Online: Wieso?

Sandra Bullock: Weil Ihr Deutschen mit Eurem Nachwuchs nicht besonders pfleglich umgeht. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in den USA einen Anruf von Tom Tykwer bekomme, die ist recht gering. Aber all die tollen jungen Leute, die in Deutschland Film studieren und dann nach Amerika kommen, das ist gigantisch. Ihr solltet da wirklich vorsichtig sein, dass Euch die ganzen guten Leute nicht weglaufen.