Schauspiel-Star

Bei der Berlinale gehört Nina Hoss zum Inventar

Sie war Shooting Star, Bären-Siegerin und Jurorin. In diesem Jahr stellt Nina Hoss den Film "Barbara" von ihrem Lieblingsregisseur Christian Petzold vor. Mit Morgenpost Online sprach sie über einzigartige Künstlerbeziehungen und ihre Chance auf einen weiteren Bären.

Foto: Reto Klar

Kaum ein Jahr vergeht, ohne dass Nina Hoss bei der Berlinale eine Funktion übernimmt. In diesem Jahr ist sie wieder einmal im Wettbewerb vertreten, wieder einmal in einem Film von Christian Petzold, „Barbara“. Für dessen „Yella“ erhielt sie vor fünf Jahren einen Silbernen Bären. In diesem Jahr aber muss die Schauspielerin ihre Festival-Aktivitäten massiv einschränken: Sie ist gerade in den Schlussproben zu Stephan Kimmigs „Kirschgarten“-Inszenierung, die am 24.Februar, nur fünf Tage nach der Berlinale, Premiere im Deutschen Theater hat.

Morgenpost Online: Frau Hoss, Sie sind Dauergast auf der Berlinale. Wenn Sie dort mal keinen Film präsentieren können, beruft man Sie in die Jury.

Nina Hoss: Ja, verrückt, oder? Das ist schon wie ein Zuhause. Ich fühle mich dem Festival richtig verbunden. Es ist ja so: Ich habe angefangen zu drehen und bin im Jahr 2000 zum Shooting Star ernannt worden. Das war mein erster Auftritt dort. Und ab da ging es los. Dann kamen Christian Petzolds Filme. Und wenn es mal keinen Film gab, war ich für Amnesty International in der Jury und dann schließlich in der wichtigsten, der Internationalen Jury.

Morgenpost Online: … Sie haben auch mal einen Silbernen Bären bekommen, das dürfen Sie ruhig auch erwähnen...

Nina Hoss: Und das war eine wahnsinnige Überraschung. Ich war mir wirklich sicher, den bekommt Marianne Faithful. Ich habe jedenfalls das Gefühl, die Berlinale aus allen Blickwinkeln erleben zu dürfen. Ich kenne sie jetzt von allen Seiten und es wird nie langweilig – im Gegenteil.

Morgenpost Online: Ist man weniger aufgeregt, wenn man schon mal einen Bären gewonnen hat? Ist das dann gar nicht mehr so wichtig?

Nina Hoss: Wenn man schon mal einen bekommen hat, rechnet man nicht mehr so damit. Aber wichtig ist das immer. Über einen Bären, über Preise kann man sich immer wieder freuen. Durch meine eigene Tätigkeit in der Jury weiß ich ja nun, wie das läuft. Und ich darf sagen: Man wird wirklich absolut allein gelassen mit der Entscheidung.

Morgenpost Online: Keine Einflussnahme seitens des Festivaldirektors? Es gab ja schon erstaunlich viele Silberne Bären für deutsche Schauspieler in den vergangenen Jahren…

Nina Hoss: Nein, gar nichts in dieser Art. Man hat schon Beisitzer, aber nur, um sie über Regularien zu befragen. Wir haben ja vergangenes Jahr dem iranischen Film „Nader und Simin“ nicht nur den Goldenen Bären verliehen, sondern auch Silberne Bären für das weibliche und das männliche Schauspieler-Ensemble. Da war schon die Frage, geht das überhaupt. Dafür sind die da. Sie reden aber gar nicht rein.

Morgenpost Online: Also wäre auch in diesem Jahr wieder ein Bär für Sie drin?

Nina Hoss: Alles ist möglich. Aber darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich freu mich nur wahnsinnig, dass Christians Film wieder im Wettbewerb läuft.

Morgenpost Online: „Barbara“ ist Ihr fünfter gemeinsamer Film mit Christian Petzold. Was ist so einzigartig an dieser Künstlerbeziehung, dass Sie immer wieder zusammen arbeiten?

Nina Hoss: Ich empfinde das einfach als großes Glück, wenn man auf Partner trifft, bei denen man merkt, man ist noch lange nicht „fertig“ miteinander; man hat, noch während man in einer Arbeit steckt, schon die nächste Idee miteinander. Auch wenn wir nicht drehen, ist bei uns immer ein Dialog über Filme. So kommen wir immer wieder darauf, dass man doch dies oder das machen müsste. Wir haben uns über die Filme gemeinsam sehr entwickelt. Und solange wir zwei uns nicht eines Tages in die Haare kriegen, wird das weiter gehen. Weil wir immer wieder neugierig aufeinander sind.

Morgenpost Online: Wissen Sie jetzt schon, was Sie von einander wollen, ohne kommunizieren zu müssen?

Nina Hoss: Natürlich. Ich kann inzwischen manches an seiner Körpersprache ablesen. Ich weiß jetzt schon, wenn er eigentlich zu höflich ist, es direkt zu sagen, dass er aber keinesfalls zufrieden ist. Ich denke, er merkt auch, wenn ich noch nicht so zufrieden bin. Es ist jetzt aber nicht so, dass wir gar nicht ohne einander könnten. Er hat ja auch „Gespenster“ ohne mich gedreht, und ich spiele Theater. Man „trennt“ sich und kommt mit anderen Erfahrungen wieder zusammen. Das macht uns nur noch neugieriger aufeinander, das versuchen wir dann auch in die Arbeit einzubringen. Wir haben beide keine Lust, irgendwo stehen zu bleiben und nur noch das Hoss-Petzold-Ding zu machen.

Morgenpost Online: Er soll Sie für sich bei einer Talkshow entdeckt haben.

Nina Hoss: Ja, das sagt er so. Das muss ich ihm wohl glauben. Ich weiß aber nicht, welche das gewesen sein soll. Das war ganz früh, zu „Das Mädchen Rosemarie“, da war ich ja wirklich in allen Talkshows. Und er meint, ich hätte mich da mit Würde durchgeschlagen und das hätte ihn fasziniert, dass jemand Neues und Junges, der so durch einen Presserummel getrieben wird, so bei sich bleibt.

Morgenpost Online: Er war sich aber erst nicht so sicher. Weil Sie blond waren…

Nina Hoss: Das muss auch während unseres ersten Films „Toter Mann“ noch so gewesen sein. Ich merke so was nicht, ich mach mir darüber keine Gedanken. Er hatte vielleicht Angst vor dem Blondinen-Klischee. Ich hoffe, den Eindruck habe ich revidiert. Aber anfangs ist man sich ja nie sicher in einer neuen Zusammenarbeit: Man hat eine Vorstellung von einander. Aber richtig kennen lernt man sich erst in der Arbeit. Das kann aufgehen, muss aber nicht.

Morgenpost Online: Gab es das schon mal bei Ihnen, dass etwas nicht aufgeht? Dass man gar nicht kann mit einem Regisseur?

Nina Hoss: Sicher.

Morgenpost Online: Zieht man das dann durch?

Nina Hoss: Muss man ja meist. Das macht dann nicht so viel Spaß. Manchmal hat man aber doch das Glück, dass das Endergebnis dann gar nicht so schlimm ausfällt, wie man es befürchtet hat. Aber die Wegstrecke ist dann einfach nicht so schön. Ein französischer Kollege hat das mal in ein schönes Bild gefasst: Er sagte, es gibt Regisseure, bei denen kann man ganz viel in seinen Koffer reinpacken, weil man auf etwas Neues kommt, weil man durch die Fantasie eines anderen angeregt wird. Und manche rauben diesen Koffer einfach aus. Dann bist du am Ende ziemlich entleert. Andererseits: Aus schlechten Erfahrungen lernt man ja auch einiges.

Morgenpost Online: Sie arbeiten auch am Theater immer wieder mit bestimmten Regisseuren zusammen. Brauchen Sie Familiäres in der Arbeit?

Nina Hoss: Ach, das ist eine zu romantische Ansicht von unserem Beruf. Wir Schauspieler können es uns ja selten genug aussuchen, mit wem wir zusammen arbeiten. Das geht ja eher über Angebot und Nachfrage. Ich habe auch gar nicht so das Bedürfnis, dass ich mich zu Hause fühlen müsste. Im Gegenteil: In der Hinsicht bin ich auch eine Abenteuerin, ich stürze mich gern in Neues, Unbekanntes. Allerdings, wenn sich eine gute Arbeitspartnerschaft bildet, warum sollte man die dann aufgeben?

Morgenpost Online: Auch Ihre Figuren brechen gern in neue Gefilde ein. Bringen Sie sich da eigentlich ein? Haben Sie bei Petzold-Filmen Einfluss auf Ihre Figuren?

Nina Hoss: Ich schreib jetzt nicht am Drehbuch mit. Aber bei Christian ist es schon so, dass er mir in einer frühen Phase erzählt, welche Geschichte er im Kopf hat. Unseren neuen Film hat er mir irgendwann zwischen „Toter Mann“ und „Wolfsburg“ erzählt, ist also schon Jahre her. Und wenn es dann konkret wird, erzählt er mir, wie weit er ist. Dann machen wir, das ist schon fast ein Ritual, lange Spaziergänge, und ich stelle Fragen. Und so entwickelt sich das dann.

Morgenpost Online: Ihre Filmfiguren bei Petzold heißen Yella, Leyla, zwei Mal Laura und jetzt Barbara. Ganz schön viele „a“s. Wie viel Nina steckt denn in diesen Figuren?

Nina Hoss: Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich glaube, gar nicht so viel. Es ist wohl eher so, dass Christian ein Bild von mir hat – von dem ich manchmal denke, das bin ich doch gar nicht. Aber das genau macht mich neugierig: Was sieht er denn da in mir? Manchmal denke ich mir, er schreibt mehr über sich und ich bin das Medium. Aber er denkt wahrscheinlich, er schreibt über mich.

Morgenpost Online: Wenn Sie mal nicht drehen, spielen Sie Theater. Machen Sie eigentlich nie Pause?

Nina Hoss: Doch. Vor „Barbara“ habe ich ein paar Wochen echt gar nichts gemacht. Ansonsten brauche ich das, in dichter Abfolge.

Morgenpost Online: Jetzt schon wieder: Sie stellen Ihren Film auf der Berlinale vor und haben nebenbei Schlussproben zum „Kirschgarten“.

Nina Hoss: Ja, das ist wirklich Pech. Da kann ich gerade mal zur Premiere kommen, das liegt geschickterweise am Wochenende. Aber ab Montag ist dann Probe angesagt. Das heißt, in diesem Jahr werde ich mal nicht viel vom Festival mitbekommen.