Sektion Generation

Das junge Gesicht der Berlinale

So sieht Kino für junge Cineasten aus: Vater und Tochter stehen in einer Art Mondlandschaft, irgendwo in der Nähe des Grand Canyons. Hunderte von Meilen haben sie auf ihrem Trip nach Kalifornien bereits hinter sich gebracht, doch warum ist Mum nicht dabei? Als sie die Wahrheit erfährt, misst das Mädchen den Vater mit kühlen Blicken. Warum hat ihr keiner gesagt, dass die Mutter mit einem Nervenzusammenbruch in der Klinik liegt? Mit zwölf, so findet Greta, hat sie Anspruch darauf, ernst genommen zu werden.

Mit ihrer Haltung darf die Heldin des bewegten und bewegenden Roadmovies „Arcadia" als Idealbesetzung für den Berlinale-Kinderfilmwettbewerb „Kplus" gelten. Ein bisschen wie Greta stellen sich die Macher sicher auch ihre jungen Besucher vor: als risikobereite Cineasten, die Lust auf Kino-Abenteuer haben. „Filme können Leben verändern, nicht nur für ihre mutigen Protagonisten“, sagt Maryanne Redpath, Chefin der Sektion Generation. Den selbst gesteckten Anspruch kann die Australierin mit einem runden Programm in ihren beiden Wettbewerben ,,Kplus“ für Zuschauer von vier bis 13 und ,,14plus“ für Jugendliche einlösen. Bei der Berlinale sind im Haus der Kulturen der Welt und anderen Kinos 58 Kurz- und Langfilme aus 32 Ländern zu sehen.

Weltweit ist die Berlinale das einzige A-Festival, das sich eine eigene Sektion für Kinder und Jugendliche leistet. „Das ist unser Privileg, das gibt uns einen besonderen Stand in der Branche“, so Redpath. Auch wegen ihres politischen Profils entscheiden sich viele Filmemacher für die Berlinale-Sektion Generation: So etwa der türkische Regisseur Reis Celik, der sein brisantes Kammerspiel ,,Night of Silence“ (Lal Gece) über die Zwangsheirat eines jungen Mädchens mit einem alten Mann eben nicht in Cannes, sondern lieber in Berlin im Wettbewerb „14plus“ zeigt.

Anders als kleinere Kinder- und Jugendfilmfestivals will die Generation keinen vorrangig pädagogischen Auftrag erfüllen. Das trägt der Sektion auch immer mal wieder Kritik von besorgten Erwachsenen ein: Sie reagieren irritiert, wenn sie merken, dass „Kplus“- und „14plus“-Filme nicht nur Heile-Welt-Kino bieten. Natürlich ist es eine große Herausforderung, wenn sich Berliner Kinder mit dem Schicksal eines bolivianischen Schuhputzerjungen wie Tito auseinandersetzen müssen. In „Pacha“ bewegt er sich zwischen der brutalen Realität, in der es Straßenkämpfe gibt, und einer von Inka-Mythen durchwobenen Traumebene. Aber: „Unsere junge Zuschauer sind enttäuscht, wenn wir sie nicht herausfordern“, so Redpath.

„Pacha“ empfehlen die „Kplus-Macher“ für Kinder ab 13 Jahren, „Arcadia“ ab 12. Auf solche Altersempfehlungen im Programmheft sollten Eltern achten: Einige Filme seien ein Spaß für die jüngsten Zuschauer, andere wären für Kinder dieses Alters eine zu große Herausforderung, sagt die Sektionschefin. Für ältere Kinder seien diese Filme aber perfekt.

Unbedingt sehenswert, spannend und unterhaltsam für Kinofans ab sieben ist der indische Film „Gattu“ über einen Jungen, der den eigentlich unbesiegbaren Drachen Kali vom Himmel holen will. Oder das Animationsabenteuer „Zarafa“, das von der Freundschaft zwischen dem jungen Maki und einer Giraffe sowie ihrer Reise von Afrika nach Paris erzählt.

Der Dokumentarfilm boomt, was auch der „Kplus“-Eröffnungsfilm zeigt: „Die Kinder vom Napf“ (ab 6) berichtet vom Leben Schweizer Bergbauernkinder, für die schon der Weg zur Schule zum Abenteuer wird. Ein Leben, das aus der Zeit gefallen scheint. Die filmische Reise in die Alpen ist lohnend, verlangt aber die Bereitschaft, sich auf ein ruhiges Tempo einzulassen. In Gesprächen mit den Protagonisten und der Regisseurin können die jungen Zuschauer – wie nach den meisten Vorführungen von „Kplus“ und „14plus“ – Fragen loswerden.

? Viele Entdeckungen warten auch im Wettbewerb „14plus“, der seit Jahren neben den Jugendlichen viele Erwachsene anlockt: „14plus“ macht mit aufregend inszenierten Coming-of-Age-Geschichten und anderen relevanten Themen zumeist junger Regisseure auf sich aufmerksam. Beim „14plus“-Auftaktfilm „Electrick Children“ ist es die US-Independant-Regisseurin Rebecca Thomas, deren Heldin Rachel, 15, aus der Enge einer Mormonenkolonie in Utah ausbricht und ins Nachtleben von Las Vegas abtaucht. Rachel ist schwanger – und überzeugt von einer unbefleckten Empfängnis. Das Mädchen wird in diesem von biblischen Motiven durchzogenen Film ihren Josef finden – unter vielen hervorragenden Darstellern ist Rory Culkin, der jüngste Bruder von Macaulay Culkin (Kevin – Allein zu Haus).?

In der Reihe der „14plus“-Filme, die meist ohne Altersempfehlungen auskommen, gibt es diesmal zwei Beiträge, die erst ab 16 freigegeben sind. Dazu gehört der chilenische „Joven & Alocada“ (Young & Wild). Hier geht es um das Doppelleben von Daniela, die in einer dogmatischen Evangelisten-Sekte aufwächst und unbemerkt von der Mutter ein tabuloses Liebesleben führt. Natürlich sind die expliziten Sexszenen kein Selbstzweck, vielmehr stellt Regisseurin Marialy Rivas eindringlich die Frage, ob und was am Ende bleibt, wenn man zu viel liebt. So öffnet die Sektion Fenster zu neuen Welten, zeigt, wie Kinder und Jugendliche rund um den Globus leben, fühlen, lieben und leiden.

Marianne Redpath freut sich derweil nach den langen Monaten der Vorbereitung vor allem auf einen Moment: Wenn am Freitag Abend beide Wettbewerbe gestartet sind ,,und es endlich los geht“.