Berlinale 2012

Drei Berliner konkurrieren im Wettbewerb

Im Wettbewerb der Berlinale treten drei Berliner Regisseure gegeneinander an. Morgenpost Online traf die Konkurrenten Matthias Glasner, Christian Petzold und Hans-Christian Schmid zum Interview.

Foto: David Heerde

In diesem Jahr ist der deutsche Film im Wettbewerb der Berlinale mit drei Filmen vertreten: „Gnade“ von Matthias Glasner (47), „Barbara“ von Christian Petzold (51) und „Was bleibt“ von Hans-Christian Schmid (46). Alle drei sind fast gleichaltrig, alle drei Berliner Regisseure. Und: Alle drei stellen in diesem Jahr bereits ihren fünften Film auf der Berlinale vor. Bevor sie gegeneinander konkurrieren, hat Peter Zander sie an einen Tisch gebracht.

Morgenpost Online: Kennen Sie sich eigentlich untereinander?

Christian Petzold: Eigentlich ist es so, dass man sich als Regisseur ganz selten kennt. Letztes Jahr habe ich mit Christian Hochhäusler und Dominik Graf eine TV-Trilogie gedreht, da gab es einen intensiven Austausch. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass man sich sonst eigentlich gar nicht groß kennt. Man begegnet sich auf Empfängen, das ist es in der Regel.

Matthias Glasner: Ich dachte immer, ihr von der Berliner Schule macht das. Ich habe euch immer darum beneidet.

Christian Petzold: Das ist hübsch, was von außen immer so als Berliner Schule bezeichnet wird. Das wissen andere oft besser als wir selber, wer da wie dazugehört.

Hans-Christian Schmid: Wir haben so etwas mal versucht, als ich noch in München war, nach der Filmhochschule. Treffen am 1. Montag im Monat. Hat nie geklappt.

Morgenpost Online: Gibt es denn den Wunsch, besser vernetzt zu sein, oder lebt man ganz gern in seinem Elfenbeinturm?

Christian Petzold: Dass man mehr miteinander über das Filmemachen, auch: über das Filmeschauen spricht, das würde ich mir schon wünschen. So wie wir das halt in der Berliner Schule machen.

Hans-Christian Schmid: Berlin bietet auf alle Fälle die Möglichkeit dazu, die Szene ist ziemlich offen. Auch die Filmakademie ist eine Plattform.

Morgenpost Online: Sie sind alle drei Berlinale-Dauergäste. Fühlt man sich da heimisch oder muss man auch mal auf andere A-Festivals?

Christian Petzold: Wenn du einen Film vorstellst, hat ein Festival nicht mehr so die Identität. Dann machst du Pressearbeit und kriegst eigentlich nichts anderes mit. Das ist völlig austauschbar. Ala Zuschauer kann ich was über Festivals sagen, aber als Beteiligter steckst du in einer Blase.

Hans-Christian Schmid: Für mich gibt’s drei unterschiedliche Berlinalen. Entweder hast du einen Film dort laufen. Oder du kannst nur schauen, das ist am schönsten. Oder du bist in der Vorbereitung eines Films und führst darüber Verhandlungen. Das kriegt man ja nicht so mit. Aber ich glaube, die meisten kommen deswegen.

Matthias Glasner: Ich finde es schön, dass die Berlinale ein Zuhause ist. Aber manchmal sollte man doch dieses Wärmegefühl aufgeben und rausgehen. Es ist aber auch so: Wenn du einmal auf ein Festival kommst, kommen auch andere Einladungen. Mit „Der freie Wille“ etwa bin ich nach der Berlinale ein Jahr lang von einem Festival zum anderen gereist.

Hans-Christian Schmid: Man verliert dann aber auch ein Jahr. Auf Festivaltour kannst du keine neuen Filme entwickeln, das geht nicht.

Christian Petzold: Und du hast ja kein Einkommen, wenn du nichts Neues machst. Du wirst eingeladen, wohnst in luxuriösen Hotels – und bekommst Sinnlosigkeitsgefühle.

Matthias Glasner: Tom Tykwer hat mal die These aufgestellt, jeder Regisseur hätte nur sieben gute Jahre.

Hans-Christian Schmid: Dann wäre mit einer Festivaltour ja eins schon weg!

Morgenpost Online: Kommt jetzt wieder die Kritik, auf der Berlinale sind die „üblichen Verdächtigen“?

Christian Petzold: Wenn John Ford seinen 17. Western gemacht hätte, würd ich ihm das auch nicht vorwerfen. Okay, wir sind drei Männer plus minus 50, die identische Jeans tragen. Darüber müsste man nachdenken.

Hans-Christian Schmid: Das sind gewachsene Beziehungen, in Cannes ist das nicht anders. Jeder neue Lars von Trier läuft dort, wenn er schwach ist, ärgere ich mich und denke, der hat eine Carte blanche. Ich gehe aber mal davon aus, dass die Berlinale unsere Filme sieht und prüft, ob sie es wert sind.

Morgenpost Online: Sie gehören einer Generation an, die – darf man das so sagen? – quasi mit der Berlinale groß geworden ist. In den alten de-Hadeln-Berlinalen wurden deutsche Regisseure dagegen noch förmlich verrissen, da zeigte man seine neuen Filme tunlichst nicht in Berlin.

Christian Petzold: Na, ich weiß nicht. Was Romuald Karmakar mit „Die Nacht singt ihre Lieder“ und Dominik Graf mit „Der Felsen“ erlebt haben, das war auch in der Kosslick-Ära eine schlimme Sache. Die wurden von einer Meute regelrecht vernichtet. Das passiert immer noch.

Matthias Glasner: Davor hat man immer Angst.

Morgenpost Online: Auch heute noch?

Matthias Glasner: Auch heute noch. Als „Der freie Wille“ lief, habe ich echt Angst gehabt, was da passieren kann. In einem so großen Saal wie dem Berlinale-Palast entsteht schon ein riesiger Druck.

Hans-Christian Schmid: Und doch, trotz oder gerade wegen aller Sorge und Ungewissheit, ist der Moment der Premiere einzigartig.

Morgenpost Online: Spüren Sie denn auch einen Konkurrenzdruck untereinander?

Christian Petzold: Nein, überhaupt nicht. Es ist gut für das deutsche Kino, wenn alle Filme gut sind.

Matthias Glasner: Ich geb dir völlig recht. Trotzdem würde ich lieber mich gewinnen sehen als euch beide.

Christian Petzold: Natürlich werden die deutschen Filme besonders beäugt. Das ist wie beim Fußball: Als Erich Ribbeck Nationaltrainer war, hab ich immer zu den anderen gehalten. Muss ich jetzt echt mal gestehen. Das war so ein fürchterlicher Fußball, da fühlte ich mich nicht repräsentiert. Du fieberst ja nicht mit der deutschen Mannschaft, weil du deutschnational bist, sondern weil die etwas mit deinem eigenen Leben zu tun hat. Ich hab Fußball gespielt in den siebzigern, da machte Brandt seinen Kniefall und Deutschland wurde Europameister. Da hat man seine Mannschaft geliebt. Später kam dann der Ribbeck. Das ist wie der deutsche Film in den neunzigern: Das waren entsetzliche Jahre für unser Kino, da ging man nicht gern ins Kino, weil die Filme mit deinem eigenen Leben nichts zu tun hatten. Gar nichts.

Matthias Glasner: Wenn der Fußball so ist, wie er jetzt ist, dann guckt man wohlwollend drauf und sieht über Schwächen hinweg. Aber wenn der deutsche Film schwach ist, dann sieht man auch vor allem die Schwächen. „Der Felsen“ von Dominik Graf war einer meiner großen Berlinale-Erlebnisse, wie der zerpflückt wurde, das habe ich nie verstanden. Da hätte ich mich fast mit Armin Rohde geschlagen, als der in der 8Hyatt-Bar über den gelästert hat.

Morgenpost Online: Der Berlinale wird ja immer vorgeworfen, sie gehe zu sehr in die Breite. Freut man sich da, im Wettbewerb zu laufen, oder hat man Angst, in der Flut der Filme unterzugehen?

Hans-Christian Schmid: Für die Zuschauer finde ich schade, dass sie auch nicht annähernd die Möglichkeit haben, das ganze Angebot auszuschöpfen. Aber das ist eben der Preis für die Vielfalt.

Christian Petzold: Die Unübersichtlichkeit ist richtig. Das ist doch wie die Stadt selber: Die ist so zentrumslos, da gibt es lauter Kieze nebeneinander. Von mir aus kann die Berlinale in alle Richtungen hinausmäandern.

Matthias Glasner: Wir dürfen uns nicht beschweren. Im Wettbewerb haben wir die Aufmerksamkeit. Aber es ist schon so, im Panorama, wo ich meine ersten drei Filme gezeigt habe, wirst du jetzt weniger wahrgenommen. Heute gehen schon viele Filme unter.

Morgenpost Online: Helmut Dielt hat gerade in einem Interview mit mir über die Berlinale geätzt: „Das macht Sinn, wenn Sie ein Nazi- oder ein Stasi-Thema haben oder sonst was Tiefschürfendes, wie manche Berliner Kollegen das machen.“ Fühlen Sie sich angegriffen?

Christian Petzold: Das Politische, ja, das ist ein bisschen das Problem bei der Berlinale. Dass man glaubt, mit gewissen Botschaften andere Defizite aufzuwiegen.

Morgenpost Online: Mit dem „Tiefschürfenden“ meint Dietl aber natürlich Werke wie die Ihren.

Hans-Christian Schmid: Wenn ein Film wie „Zettl“ die Alternative ist, dann habe ich überhaupt kein Problem damit, ein tiefschürfender Berlinale-Regisseur zu sein.

Morgenpost Online: Dietl hat als Outsider einen Berlin-Film gemacht, Sie sind mit Ihren neuen Filmen alle nach außen gegangen, in die Provinz, ja bis in den hohen Norden.

Matthias Glasner: Wenn ich all unsere Filme betrachte, machen wir doch eigentlich alle keine Berlin-Filme.

Christian Petzold: „Gespenster“. Mein einziger.

Matthias Glasner: Ist aber schon interessant. Wir leben alle, drehen aber nicht hier.

Hans-Christian Schmid: Nur weil das hier eine offenbar weltweit angesagte Kapitale ist, muss mein nächster Film jetzt nicht auch hier spielen. Und die Zerrissenheit der Stadt lässt sich ohnehin nur schwer darstellen.

Christian Petzold: Berlin-Filme müssen Zugereiste machen, die von weit her kommen.

Hans-Christian Schmid: Sind wir doch auch alle.

Christian Petzold: Aber schon zu lange hier.

Morgenpost Online: In Zeiten von Downloads, Beamer, Plasmabildschirmen: Ist Kino, sind Festivals noch das richtige Format für Filme?

Matthias Glasner: Ich hab auch meinen Beamer. Ich sammle auch gern, was man nicht so kriegen kann. Aber all das ersetzt nicht das Live-Erlebnis. Das sind man ja schon in der Musikindustrie, dass die CDs verschwinden, aber die Livekonzerte wieder interessanter werden.

Christian Petzold: Es gibt ja inzwischen schon Internetfestivals. Das ist so ziemlich das Einsamste, was man sich vorstellen kann. Warum gehen die Leute denn auf Festivals oder ins Kino? Wegen des Gemeinschaftsgefühls. Weil sie danach lechzen, sich mit Menschen übers Kino zu unterhalten.

Hans-Christian Schmid: Deshalb sind gerade heute Festivals so wichtig. Am Ende der Verwertungskette stehen dann ja eh Downloads, Youtube undsoweiter.

Christian Petzold: Ganz kulturoptimistisch: Downloads werden nicht die Zukunft sein.

Matthias Glasner: Glaubst du oder hoffst du das?

Christian Petzold: Ich beobachte das an meinen eigenen Kindern. Alles, was man runterlädt, das braucht man nicht, frei nach Godard. Die laden alles runter, schauen sichs dann aber nicht an. Das sind nur Datenmengen, da gibt es nichts zu sehen.