"Coriolanus"

Ralph Fiennes zeigt Shakespeare brutal

In "Coriolanus" von und mit Ralph Fiennes geht es um einen Krieger, der kein Politker werden kann, und ohne Vorwand tötet. Ein Film wie eine Faust.

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Ralph Fiennes, Vanessa Redgrave und Gerald Butler stellten auf der Berlinale die Shakespeare-Adaption "Coriolanus" vor.

Video: Reuters
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Könnte inzwischen überall sein. Das Volk erhebt sich. Es hat kein Brot, wie andernorts – in Ägypten, im Iran, in Burma –, zu einer anderen Zeit – heute oder morgen – das Volk keine Arbeitsplätze, keine Zukunft hat. Ein Mann tritt ihm entgegen. Hochmütig. Uniformiert. Ein Soldat. Ein stolzer Kerl mit brutalem Blick inmitten von vernarbter Gesichtshaut.

Die Armee marschiert auf in schwarzen Panzern, hinter Schilden. Das Volk spuckt. Der Mann schaut verächtlich. Die Soldaten schlagen. Der Mann heißt Gaius Martius. Das Volk sind die Römer. Das Stück, in dem sie spielen, heißt „Coriolanus“. Ralph Fiennes hat es nun endlich aus dem Abseits des Theaterspielplanes geholt und auf bezwingend logische Weise dahin gebracht, wo es vielleicht am ehesten hingehört: auf die Leinwand.

Ein Männerding, ein Staatsstück

Ein später Shakespeare. Keine Rede mehr von Romantik im Text, kein Hauch von Liebe. Es ist ein Männerding, ein Staatsstück, ein kantiges Spiel um Macht und Krieg, Demokratie und Diktatur und ein wankelmütiges Volk. Und um einen Tribunen, der es nicht schafft, sich beliebt zu machen, der sich verrennt, verbannt wird, in der Irre verreckt. Von einem Rom auf dem Weg zur Weltmacht handelt „Coriolanus“, das im Innern zerrissen zu werden droht zwischen Patriziern und Plebejern, sich im Äußern gegen Angriffe der aufbegehrenden, unterdrückten Volsker unter Tullius Aufidius erwehren muss (wie – vergleichen wirs mal – Putin der Tschetschenen).

Gaius Martius ist Roms General. Blutig ist er, ein Krieger, so zeigt ihn Ralph Fiennes in jeder seiner Bewegungen, jeder seiner Reden. Aus Blutbädern geht er neugeboren hervor. Narben trägt er wie ein Banner vor sich her. Sein Leben riskiert er für das Reich. Das muss doch reichen. Er muss sich dem Volk doch nicht andienen.

Coriolanus soll Politiker werden

Seine Mutter (Vanessa Redgrave) verlangt aber den Kompromiss von ihm, will an die Macht. Sie hat ihn zum Krieger geformt, jetzt will sie ihn zum Politiker formen. Er soll Konsul werden. In der Galauniform aber, im Fernsehstudio, unterm Volk gehorcht ihm sein Körper nicht mehr, verweigert sich dem Kompromiss. Wie Fiennes das macht, wie er die Energie in Coriolanus da fehlgeleitet, ausgestellt, explodieren lässt, ist schon jetzt ein Höhepunkt der Berlinale.

Man hört Shakespeare (eine Wohltat nach all dem angekauten amerikanischen Englisch). Man sieht aber Belgrad, ein überzeitliches Bürgerkriegsgebiet. Eine zeitlose Parabel hat Fiennes aus „Coriolanus“ gemacht, die sich jeglicher direkter politischer Botschafterei wohltuend enthält, einen Film wie eine Faust.