Berlinale-Trophäe

Armin Mueller-Stahl mit Goldenem Ehrenbär geehrt

Er gilt als einer der wenigen deutschen Schauspieler mit Weltruhm. Nun - einen Monat nach seinem 80. Geburtstag - ist Armin Mueller-Stahl mit den Goldenen Ehrenbär der Berlinale für sein Lebenswerk geehrt worden.

Kerzengerade steht er da. Die Augen fast prüfend in die applaudierende Menge gerichtet. Den Goldenen Bären fest in der Hand, nicht wie eine Trophäe, die es wild zu schwenken, eher ein Schmuckstück, das es sorgsam zu bewahren gilt. Dieser Mann hat Haltung, keine Frage, und wie er sie auch in den emotionalsten Momenten zu bewahren versucht, obwohl seine Augen zu glänzen scheinen und der Körper ein bisschen nachgiebig, nachgerade weich – das ist schon sehr rührend. Und passt zu seiner samtenen Stimme, die sich ihren Weg zu bahnen versucht und dann doch warme Dankesworte findet.

Armin Mueller-Stahl hat am späten Freitagabend im Berlinale-Palast den Goldenen Ehrenbären der Berlinale für sein Lebenswerk erhalten – und es scheint genau der richtige Zeitpunkt zu sein für einen, der im Herbst seines Lebens auf dem Zenit seines Könnens steht.

Armin Mueller-Stahl ist im Dezember 80 Jahre alt geworden, und es gibt keine Information, die unwichtiger wäre, diesen großen deutschen Schauspieler, Musiker, Maler und Dichter zu charakterisieren. Eher sind es seine meist zerrissenen Figuren, die er zum Leben gebracht hat: grüblerisch und unnachgiebig, stolz und stoisch, warmherzig und ja, auch brutal, todernst und zuweilen latent komisch. Thomas Mann („Die Manns – Ein Jahrhundertroman“) und Jean Buddenbrook („Die Buddenbrooks“), Graf von Kaltenborn („Der Unhold“) und Herrn von Bohm („Lola“), den Franzosen Pierre (Frank Beyers „Fünf Patronenhülsen“), diesen leidenschaftlichen Interbrigadisten, und den New Yorker Taxifahrer Helmut Grokenberger, einen ehemaligen Clown aus der DDR, der in Jim Jarmuschs Episodenfilm „Night on Earth“ lange vor den Ansagen der Deutschen Bahn vermittelte, wie sich grausames Englisch anhört.

Und natürlich sind es die Orte, seine Lebens- und Arbeitsstationen, die diesen aufrecht stehenden Mann mit dem schlohweißen Haar und den, ja, stahl-blauen Augen charakterisieren: Ostpreußen (Geburt), Ost-Berlin (Volksbühne, Defa), München (Neuer Deutscher Film), Europa (Filme mit Patrice Chéreau und Istvan Szabo), schließlich die weite Welt (Hollywood), die er mit jenem Film eroberte, der im Anschluss an die Preisverleihung gezeigt wurde: „Music Box“ von Costa-Gavras, wo er einen in den USA lebenden Ungarn spielt, der angeblich während des Nationalsozialismus jüdische Mitbürger ermordet haben soll. Was für ein passender Film: Ungarn, USA, das Nazi-Deutschland finden sich in seiner wieder einmal sehr zwiespältigen Figur, Teile seiner eigenen Lebensstationen. Gedreht dazu im Schicksalsjahr 1989, in dem sich nicht nur für Armin Mueller-Stahl eine neue Tür öffnete. 1990 gab es für den Film den Goldenen Bären.


Typisch: Berlin und ganz besonders die Berlinale hat für Mueller-Stahl immer eine Tür offen. 1992 erhielt er den Silbernen Bären für seine Darstellung des Barons Kaspar Joachim von Utz in George Sluizers wundervollem Drama „Utz“. 1997 folgte quasi als Generalprobe für Freitagabend die Berlinale-Kamera für sein Lebenswerk. 2007 dann aus denselben Gründen ein Deutscher Filmpreis. 2008 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, und seit 2010 darf man offiziell auf ihm herumtrampeln: Er hat einen Stern auf dem „Boulevard der Stars“ am Potsdamer Platz. Hier, im Filmhaus, gab er auch am Donnerstag bei einem Podiumsgespräch Auskunft über seine Arbeit und schaute auf seine umfangreiche Karriere mit mehr als 70 Kinofilmen zurück. Freitagmittag trug er sich im Roten Rathaus ins Gästebuch der Stadt Berlin ein, und Samstagabend wird er zu den 1600 Ehrengästen der Berlinale-Abschlussgala gehören.

Dann steht er nicht mehr im Mittelpunkt, und das wird ihm ganz recht sein. Denn er ist lieber stiller Beobachter als glanzvoller Star, lieber Räsoneur als Rampensau. Trotzdem kann er sich freuen, wenn er den Menschen etwas gegeben hat. „Ich lache wie ein Kind, wenn die Leute glücklich sind“, sagt er. Wie an diesem Abend, wo sich erst im Laufe des Applauses das Kind in Armin Mueller-Stahl gegenüber dem kerzengeraden Mann mit Haltung durchsetzen kann. „Ich bin gerührt“, sagt es. Glaubt man sofort.