Berlinale 2011

Türkische Männer sind gar keine Machos

Seyfi Teomans Wettbewerbsbeitrag "Unsere große Verzweiflung" zeigt Typen, die gern kochen, gehemmt sind und Tischfußball spielen.

Gegen türkische Männer, man muss es ja zugeben, gibt es doch einige Vorbehalte. Zumindest, was ihr Verhältnis zu Frauen angeht. Auf der nach oben offenen Macho-Skala rangieren sie unter mehr oder weniger übel meinenden Klischiermeistern nur einen Hauch hinter Spaniern und Italienern.

Alles Quatsch. Das lernen wir aus "Our Grand Despair", dem wenigstens dahingehend revolutionären Film des Regisseurs Seyfi Teoman, der aus relativ unerfindlichen Gründen im Wettbewerb läuft. Der alleinstehende türkische Mann im besten Alter ist ganz anders. Feinfühlig, zart. Er hält etwas auf Freundschaft und seine Bude penibel in Ordnung. Er kocht gern, er ist ein Frauenversteher. Sogar Gedichte schreibt er für seine Angebetete. Von Testosteronübersäuerung keine Spur.

Zwei Freunde mit Jahresringen um die Hüften

Aus der angekündigten großen Hoffnung ist trotzdem nur ein kleiner Film geworden. Ender und Cetin sind die Hoffenden. Zwei Freunde mit Jahresringen um die Hüften und unter den Augen, die sich zwar nicht das Bett, aber den kompletten Rest ihres Lebens teilen. Es gab da mal Frauen, jetzt aber nicht mehr. Jetzt wohnen sie seit gefühlt Jahrzehnten in einer Zweier-Wohngemeinschaft in Ankara. Die ging schleichend in eine Alten-WG über, da kam Nihal.

Ein feengleiches Wesen, das gerade seine Eltern bei einem Autounfall verloren hat. Ihr Bruder, Freund von Ender/Cetin, bringt sie bei den beiden unter, es ist noch ein Zimmer frei, er muss wieder zurück nach Berlin. Und so ist sie da. Sie trauert ein bisschen. Ender/Cetin – was zu erwarten war – verlieben sich sterblich, trauen sich aber nicht. So geht der Film dahin.

Es wird gern gekocht. Nihal betrügt die beiden mit einem ganz schlimmen Poeten. Es gibt ein paar schöne Momente, schöne Konstellationen, Blicke. Und schöne Stadtansichten von Ankara. Gefühlt nach Jahrzehnten Film ist die Fee dann verschwunden. Ender/Cetin stellen ein Tischfußballspiel in ihr Zimmer. Alten-WG, here we come. Wer hätte das von türkischen Männern gedacht?