Hinter den Kulissen

Von der Frau, die neben den Stars sitzt

Jenni Zylka moderiert seit zwölf Jahren Pressekonferenzen. Über ihre Arbeit hat sie nicht nur Zutritt zu diversen VIP-Lounges und kann mit Stars wie George Clooney auf Tuchfühlung gehen, sondern kennt auch deren Marotten.

Foto: Reto Klar

In diesem Jahr kommt Liam Neeson. Höchstwahrscheinlich. Drauf verlassen kann man sich bis zum Schluss nicht, schließlich werden auch smarte, viel beschäftigte Iren ab und an mal krank, bei dem Wetter auf der Grünen Insel. Aber vielleicht trinkt er ja einen Schampus mit, wenn er kommt. Als Moderatorin der Pressekonferenzen darf man sich nämlich vor dem Einmarsch aufs Podium in der VIP-Lounge herumdrücken, die entzückenderweise aus Tradition von althergebrachten Champagnermarken gesponsert wird und in der zuvorkommende, französische Kellner mit einem weiß behandschuhten Arm auf dem Rücken aufs Eleganteste hin und her huschen: Dü Champagne, Madame? – Wi, wi! Beaucoup! Immer!

Ein finsterer Regisseur

In jener VIP-Lounge wartet man auf die Entourage der Stars, deren Anblick stets hektische Flecken auf allen möglichen Wangen entstehen lässt: Als George Clooney da war, zählte ich nicht weniger als sieben Handy-Kurznachrichten von eher sporadisch bekannten, ehemaligen Kolleginnen und Freundinnen von Freundinnen, die nur mal fragen wollten, wie es denn so gewesen sei neben George. Eine wollte wissen, ob man unauffällig an ihm habe riechen können. Jau, smste ich brav zurück, roch gut, der Mann, nach Botox irgendwie. Ich konnte allerdings außer einem in schüchternem Schulenglisch vorgebrachten „Guten Tag Mr.Clooney, ich moderiere die Pressekonferenz, würden Sie mir bitte folgen?“ nicht wirklich viel Frivoles an den lausbübischen Ü-50-Jährigen loswerden. Was hätte ich auf die Schnelle auch sagen sollen? Dass ich mir auch mal fast eine Villa am Comer See gekauft hätte?

Je bekannter die Gäste sind, desto mehr rutscht man nämlich hernach, bei der eigentlichen Pressekonferenz, in die Frontalunterricht-Lehrer-Position: Wenn die Bude voll ist und sich die Kollegen vor dem Podium schon seit Minuten die Finger wundschnipsen, oder, wie auch schon beobachtet, ihre Fragen tonlos vorher üben, muss man sie nur noch drannehmen. Und zuhören, wie Denzel Washington murmelt, dass er leider nicht sagen kann, wie ihm Berlin gefällt, weil er erst seit einer halben Stunde und dazu extrem gejetlagt in der Stadt ist. Es gibt Pressekollegen mit einem starken Gerechtigkeitsempfinden, die aus Prinzip jedem, der auf dem Podium sitzt, eine Frage stellen wollen und mir damit dankenswerterweise die Arbeit abnehmen. Dann gibt es die Landsleute, die ihre Fragen in der Sprache der Gäste stellen, was den beeindruckend schnellen Simultandolmetschern in ihren Kabinen manchmal das Leben schwermacht. Einem in Stakkato abgefeuerten Zwiegespräch in einem osteuropäischen Dialekt ist schwer Einhalt zu gebieten.

Nach der siebten Antwort lächeln

Vor Jahren saßen einmal acht Kurzfilmregisseure auf dem Podium, jeder aus einem anderen Land. Ich hatte mir brav für jeden eine zum Film passende Frage ausgedacht, in der richtigen Annahme, dass keiner von den beiden mitleidigen, kurzfilminteressierten Journalisten im Publikum dazwischengehen würde, und wog im Hinterkopf immer die Zeit ab: ungefähr 35 Minuten, bis die Konferenz vorbei ist; acht Fragen mit Fragen- und Antwort-Übersetzung, das könnte klappen. Leider fiel allen nach der siebten Frage auf, dass sich für den achten Regisseur, einen finster dreinblickenden, dunkelbärtigen jungen Mann aus einem unbekannten Land, kein Simultanübersetzer fand. Es war einfach keiner bestellt worden, und da der Mann weder Deutsch noch Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch oder eine andere Urlaubsreisensprache beherrschte, in der man noch hätte ein wenig radebrechen können – esse pelicula bueno? Esse Berlinale bueno? –, musste ich nach der siebten Antwort lächelnd abbrechen und den stummen Fremden aus Absurdistan schulterzuckend zusammen mit den anderen vom Podium führen, sehense, dit is Berlin. Dafür durfte er noch ein bisschen in der VIP-Lounge sitzen, und Champagner bestellen kann man schließlich auch gestisch. Wir haben sogar international angestoßen.

Es gibt Kollegen, die zu jeder Pressekonferenz gehen und bei denen man sich als Moderatorin Sorgen macht, wenn sie nicht dasitzen – krank? Keine Akkreditierung mehr bekommen, weil das heimische Magazin/der heimische Sender wegen der doofen Medienkrise sparen muss? Die kennt man selbstredend namentlich und kann sie in souveräner Polit-Pressekonferenz-Moderatoren-Manier persönlich aufrufen. Dann gibt es Kollegen, die sich, nach langem Sitzen in den Kinosälen, auch mal recken und strecken wollen und sich wundern, wieso sie dafür gleich das Saalmikrofon zugesteckt bekommen. Es gibt die, die das Mikro einfach behalten, obwohl man sich gerechterweise an eine Frage pro Nase halten soll, wenn richtig was los ist. Es gibt Fotografen, die still und leise in der ersten Reihe einnicken, weil sie seit dem frühen Morgen arbeiten und sich die ganze Zeit in sauerstofflosen Räumen aufhalten. Man würde sich manchmal am liebsten dazulegen.

Was fehlt, sind die Zigaretten

In den zwölf Jahren meiner Tätigkeit habe ich noch nie eine Romanze zwischen jemandem auf dem Podium und jemandem davor erlebt, wie bei „Notting Hill“, in dem Hugh Grant als angeblicher „Horse and Hound“-Reporter ganz am Ende doch noch die Kurve kriegt und Julia Roberts sagt, dass er sie liebt, und alle ihre Starallüren mitmachen will. Das ist sehr schade, ich würde das auf jeden Fall unterstützen. Einmal hat Natalie, der französische Sidekick von Harald Schmidt, zwar George Clooney vom Zuschauerraum aus gefragt, ob er sie gestern im Restaurant gesehen habe, sie habe am Nebentisch gesessen. Aber meines Wissens ist nichts daraus geworden, er hat doch jetzt diese Italienerin.

Manchmal wundert man sich über die fehlende Kritisierfreude im Zuschauersaal, wenn man den Film selbst unmöglich fand, aber seine Meinung – als Moderatorin und damit Gastgeberin – zurückhalten muss. Ich glaube, dass im Ganzen weniger gemurrt und ernsthaft diskutiert wird, liegt am Rauchverbot. Wenn man sich die Pressekonferenzen aus den 60ern und 70ern anguckt, dann qualmte jeder, egal ob er Schlöndorff oder Enno Patales anraunzte, dabei mindestens eine Zigarette. Vielleicht nehme ich mir zu Liam Neeson einfach mal eine Packung Tabak mit auf die Bühne.