Berlinale

Warum Jurorin Nina Hoss auf die Bühne verzichtete

Wenn der letzte Wettbewerbsfilm gelaufen ist, berät die internationale Jury über die besten Filme des Festivals. Mit dabei ist Nina Hoss. Morgenpost Online sprach mit Ihr über die Arbeit als Jurorin, ihre Jurykollegen und den bereits gewonnen silbernen Bären.

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Morgenpost Online: Frau Hoss, zwei, drei Filme täglich – macht das noch Spaß oder stellen sich allmählich Erschöpfungserscheinungen ein?

Nina Hoss: Nein, nein, das macht schon Spaß. Sogar mit jedem Tag mehr. Morgens um neun im Kino sitzen, das ist schon etwas hart. Ich muss auch nicht auf jeder Party rumtanzen. Aber dieses Filmpensum, da gerät man in einen echten Rausch, man versinkt richtig in diesem Festival. Ich darf ja jetzt nichts Spezielles zu einzelnen Filmen sagen.

Morgenpost Online: Nein, das ist Ihnen als Jurorin strikt untersagt.

Nina Hoss: Aber so viel darf ich sagen: Das Jury-Amt ist eine unglaubliche Erfahrung. Ich hatte ja das Glück, dass ich das schon einmal auf dem Filmfestival in Locarno machen durfte. Du sitzt da in den Filmen und lernst so viel. Vermutlich mache ich ja irgendwie Ihren Job: Ich muss mir bei jedem Film genau Gedanken machen, was ich davon halte. Da reicht nicht nur Daumen rauf oder runter, ich muss schon konkret wissen, was ich sagen werde in unseren Sitzungen. Also denkt man viel präziser über das Filmemachen nach, als es sonst von einem gefordert wird.

Morgenpost Online: Sie achten also nicht vor allem, wie man denken könnte, auf Schauspielkollegen.

Nina Hoss: Nein, jetzt nicht. Sonst eigentlich auch nicht, wenn ich ehrlich bin. Wenn mich ein Film fasziniert, dann ist das immer ein Zusammenspiel von Regie, Kamera, Schauspielern. Natürlich, wenn ein Schauspiel besonders gefällt, dann achte ich darauf, warum das so ist. Oder was mir gar nicht gefällt.

Morgenpost Online: Das heißt: Sie ziehen da durchaus auch Nutzen für sich selbst, lernen für die eigene Filmarbeit dazu?

Nina Hoss: Und ob. Man kann etwa studieren, wie viel es an Schauspiel braucht, wie wenig man eigentlich wollen muss als Darsteller. Die vermeintlich einfachsten, unaufwendigsten Charaktere sind manchmal die, die dich am meisten berühren.

Morgenpost Online: Wie ist denn der Teamgeist in der diesjährigen Jury?

Nina Hoss: Gut. Wir sind sehr unterschiedlich, kommen ja auch aus ganz unterschiedlichen Ecken. Aber ich glaube, wir begegnen der Arbeit mit großem Respekt. Wir haben bislang keinen Film abgeurteilt, wir setzen uns sehr genau mit den Beiträgen auseinander.

Morgenpost Online: Wird auch mal gestritten? Das gab es ja auch schon in Jurys.

Nina Hoss: Das passiert am Ende bestimmt. Ja, das glaube ich schon. Wir haben ja auch sehr unterschiedliche Geschmäcker. Aber wenn wir streiten werden, dann wohl nur um die Sache. Wir sind eine ganz liebe Truppe.

Morgenpost Online: Und wie macht sich Isabella Rossellini als Stammeshäuptling?

Nina Hoss: Sehr gut. Sie hört jedem zu, fordert auch jeden heraus in seiner Meinung. Sie hat zu jedem Film sehr Konkretes zu sagen. Und macht sich viele Gedanken, wie sie uns am besten anführt. Aber sie ist überhaupt keine Despotin, das sieht man ja auch sofort. Sie ist eine wunderbare Frau, sehr intelligent und sehr neugierig. Auch davon lerne ich viel.

Morgenpost Online: Für „Yella“ bekamen Sie vor vier Jahren selber einen Silbernen Bären. Wie war das damals für Sie?

Nina Hoss: Das war – auch wenn mir das keiner glaubt – eine echte Überraschung. Ich wusste es wirklich nicht. Ich war mir sicher, den kriegt Marianne Faithful für „Irina Palm“. Und wenn nicht sie, dann Marion Cotillard für „La vie en rose“, wofür sie dann ja auch den Oscar bekam. Ich war mir sicher, ich spiele keine Rolle – aber dass „Yella“ was kriegen würde, habe ich schon gehofft. Deshalb bin ich auch zur Preisverleihung gegangen, ich wollte unbedingt dabei sein, und niemand hat mir was gesteckt. Es hat mich also kalt erwischt. Oder vielmehr heiß. Ich war völlig perplex.

Morgenpost Online: Und jetzt, da Sie selbst in der Jury sind …

Nina Hoss: … weiß ich noch mal mehr zu schätzen, durch welche Diskussionen die damals durchgegangen sind, bis sie sich geeinigt haben. Und da gab es ja starke Frauen! Vielleicht, wer weiß, war ich auch nur ein Kompromiss; das erfährt man ja nie. Aber immerhin: Du bist im Gespräch gewesen – und das bei dieser Jury damals. Willem Dafoe, Mario Adorf, Gael García Bernal. Wenn man einen Preis von solchen Kollegen bekommt, das weiß ich hoch zu schätzen. Ich freue mich von daher jetzt schon auf die Gesichter all derer, die in diesem Jahr gewinnen werden.

Morgenpost Online : Sie haben vor der Berlinale viel Theater gespielt: in Berlin und in Zürich. Nächste Woche stehen wieder viele Vorstellungen an. War das der Preis, um überhaupt das Jury-Amt zu übernehmen?

Nina Hoss: O ja, ich musste das regelrecht freischaufeln. Eine Theaterproduktion musste ich sogar ganz absagen. Das ist mir sehr schwergefallen. Aber das war es mir wert. Das wollte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Ich habe gesagt: Das muss jetzt einfach gehen. Wenn mir da einer einen Stein in den Weg legt, dann steh ich da und würge. (lacht)

Morgenpost Online : Viele Juroren brauchen danach erst mal Verschnaufzeit. Bei Ihnen geht es gleich am Montag weiter.

Nina Hoss: Ich bin ein sehr energetischer Mensch. Ich habe viel Energie. Und es macht mir ja auch Spaß, was ich mache. Wobei ich nicht sagen will, dass es nicht ruhig etwas entzerrter sein könnte. Noch am Freitag vor der Berlinale hatte ich Premiere mit „Medea“ und dann drei Vorstellungen; dann komme ich hierher und gucke mir schon den ersten Film an. Zwei Tage eher ankommen, das wäre auch schon was gewesen. Aber letztlich bin ich so dankbar, auch dass ich diese Medea spielen kann, die ja so ganz anders ist als die, die ich am Deutschen Theater gespielt habe.

Morgenpost Online : Ein Stuhl blieb frei in dieser Jury. Jafar Panahi durfte ja nicht aus dem Iran anreisen. Ist das ein seltsames Gefühl, zu wissen, es hätte eigentlich noch einer dabei sein müssen?

Nina Hoss: Es ist ein seltsames, aber gleichzeitig auch ein gutes Gefühl. Gut insofern, weil wir auf diese Weise darauf aufmerksam machen, dass dieser Mann nicht ersetzbar ist. Dieser Platz muss frei bleiben. Und Panahi fehlt auch. Es wäre sicher eine sehr, sehr interessante Stimme gewesen in unserer Jury, gerade weil er ein so poetischer Filmemacher ist. Aber es ist ein wichtiges Zeichen, dass wir den Platz immer frei halten und an ihn denken.

Morgenpost Online : Glauben, hoffen Sie, dass das auch ein Signal ist, das Wirkung zeigen könnte?

Nina Hoss: Das ist vielleicht zu groß gedacht. Aber wer weiß, vielleicht ist es wie mit den kleinen Wassertropfen, die den Stein auf Dauer doch erweichen. Je mehr Zeichen wir setzen, desto mehr bewegt sich. Und dass sich was bewegen kann, das sehen wir ja nun. Unfassbar, was gerade in Tunesien und Ägypten passiert.