Film

"The King’s Speech" - ein Coup für die Berlinale

Der König ringt um die Sprache, stammelt, weint und kämpft um seine Position. Vom Stoff her könnte „The King’s Speech" eigentlich ein Historienschinken sein, doch Regisseur Tom Hooper zeichnet solch ein sensibles Portrait des royalen Stotterers, dass der Film sogar als Oscar-Anwärter gehandelt wird.

Man kann Geschichten immer wieder neu erzählen. Wenn man einen neuen Blickwinkel findet. Man kann das auf der Berlinale etwa morgen in Andres Veiels „Wer wenn nicht wir“ studieren, wo uns die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin noch einmal in ganz anderen Zusammenhängen gezeigt wird. Oder auch in „King’s Speech“, der heute als Berlinale Special im Friedrichstadtpalast läuft. Es geht hier, einmal mehr, um die große britische Monarchiekrise. Nein, nicht die nach Dianas Tod, sondern die von 1936. Als Edward VIII. aus Liebe zu einer Bürgerlichen – einer Amerikanerin, und schlimmer noch: einer doppelt Geschiedenen! – freiwillig abgedankt hat. Eine gewisse Madonna hat darüber gerade einen Film gedreht, „W.E.“, und die ersten drei Minuten auf dem European Film Market vorgestellt. Der Titel verrät schon, um wen es da geht: um Wallis, die Bürgerliche, und Edward, den Blaublütigen.

Dabei gibt es noch eine andere faszinierende Geschichte, die zumindest hierzulande gänzlich unbekannt ist. Denn als zweiter in der Thronfolge rückte plötzlich George VI. auf, Papa der noch heute amtierenden Elizabeth II. Er war das genaue Gegenteil seines Bruders: Er nahm seine Berufung ernst, er tat, wie später Tochter Lizzy, alles für „the firm“, das Königshaus. Aber er war nicht so attraktiv wie Edward, nicht so sportlich, alert und publikumstauglich. Weit schlimmer noch: Er stotterte. Und das just zu einer Zeit, als eine neue Erfindung zum ersten Massenmedium wurde: das Radio. Plötzlich ging es für einen König nicht mehr nur darum, beim Reiten nicht vom Pferd zu fallen. Er musste auch noch reden können.

Zugegeben, es ist schon eine Weile her, dass der Tonfilm erfunden wurde. Damals (übrigens just die Zeit, in der auch der Film spielt) ist noch viel damit experimentiert worden. Aber schon bald gab es, wie Gloria Swanson das in „Boulevard der Dämmerung“ so schön beklagt, nur noch Worte, Worte, Worte. Heutzutage wummert auch noch ständig Musik dazu und ausgefeilte Soundsysteme belärmen uns von hinten und im Kreis. Aber so einfach, so simpel ist ein Tonfilm schon lange nicht mehr zu seinem eigenen Thema geworden.

Man muss „The King’s Speech“ unbedingt im Original sehen, keinesfalls in der Synchronfassung. Denn was Colin Firth da macht als König, der sein Amt liebt und dem es doch zum Horror wird, das ist meisterlich. Firth gehört zu jenen Stars, die uns das Telefonbuch vorlesen könnten, allein weil sie eine so schöne, markante Stimme haben. Doch hier wird er eines seiner wichtigsten schauspielerischen Mittel beraubt bzw. muss dieses gegen sich selbst einsetzen. Er stammelt. Er heult. Er tobt. Und dann ist da noch Geoffrey Rush. Noch so ein Telefonbuch-Kandidat. Der aber darf hier Shakespeare-Verse rezitieren und deklamieren; der darf hier alles, was Firth versagt bleibt.

Das ist schon das ganze Drama auf den Punkt gebracht. Rush spielt einen verkrachten, in London lebenden Australier, Lionel Logue, der von einer großen Bühnenkarriere träumt, sich aber als Sprachlehrer durchschlagen muss. Bis eines Tages die Königin (Helena Bonham-Carter) bei ihm vorspricht. Und ihn bittet, ihren Mann zu heilen. Was für ein Kontrast: Da die mondänen, steiflippigen Windsors in ihren edlen Palästen. Dort der „Aussie“ in einer kargen Arbeiterwohnung, die kaum Mobiliar und schon gar keine Tapete kennt. Welch eine Erniedrigung, welch eine Demütigung für den Monarchen. Dieser Lionel Logue fängt nun an, ihn zu duzen, ihn „Bertie“ zu nennen wie sonst nur engste Familienmitglieder. Er zwingt ihn zu endlosen Sprechübungen, sucht gar in seiner Kindheit nach traumatischen Ursachen für die Sprechblockade. Und doch ist dieser Mann die letzte Hoffnung für das Königreich. Denn schon 1925, bei der Eröffnungsrede für die Empire-Ausstellung, hat der damalige Duke of York in einem vollen Wembley-Stadion versagt. Und nun soll er eine entscheidende Rede im Radio halten, die weltweit übertragen wird, und zum Kampf gegen Hitler aufrufen, der, ironisch genug, sein Volk durch seine Reden verhext hat.

Das Stottern, der Linguist, all das ist historisch verbürgt. Der Drehbuchautor David Seidler stotterte selbst als Kind, doch als er die BBC-Reden seines Königs hörte, sagte er sich: Wenn der das schafft, schaff’ ich es auch. Wie als Gelübde beschloss er, daraus einmal ein Theaterstück zu entwickeln. Er kam im Laufe der Zeit sogar an den Nachlass von Logue, dem Linguisten, und in Kontakt mit der verwitweten Queen Mum, die nur eine Bitte hatte: das Endergebnis nicht noch erleben zu müssen.

„The King’s Speech“ könnte einer dieser gediegenen Historienschinken sein, die von ihren pompösen Bildern und überladenden Kulissen in den Abgrund gezogen werden. Regisseur Tom Hooper kommt vom Fernsehen und bebildert das Drama erwartbar groß, aber weitgehend überraschungsfrei. Und doch fährt der Film zu wahrer Größe auf. Weil er sich selbst, den Tonfilm, zum Thema macht. Und weil er seinen Schauspielern einen Raum, einen Hof zur Entfaltung schenkt, den diese weidlich nutzen. Helena Bonham-Carter ist so trefflich und präsent als Königin, dass man am Ende vergisst, dass sie nur eine Nebenrolle spielt. Geoffrey Rush ist überhaupt immer gut und wird nur allzu selten in großen Parts herausgefordert. Und da ist Colin Firth, der ewige Mann in der zweiten Reihe, der immer den braven, aber langweiligen Liebhaber spielen darf. Mit Tom Fords Regiedebüt „A Single Man“ hat er sich endgültig ganz ins Bewusstsein vorgespielt, er hätte dafür beinahe den Oscar bekommen. Und für „King’s Speech“ könnte, ja muss es, wenn es eine Gerechtigkeit gibt, endlich so weit sein.

Der Film geht in elf Tagen als der große Favorit ins Oscar-Rennen; und es ist ein echter Coup für die Berlinale, dass sie den Film noch gewinnen konnte – auch wenn er schon in zahlreichen Ländern angelaufen ist und auch bei uns gleich morgen regulär in die Kinos kommt. Aber da kann Dieter Kosslick noch einmal ein paar veritable Stars aufbieten – und einen Film, der alles hat, was man sich von einem Historienfilm wünschen kann.

Schon bei „The Queen“ durfte man sich weidlich per Schlüssellochblick an einer Thronkrise ergötzen. Bei „King’s Speech“ ist die Krise weit größer, der Thrill politisch viel brisanter. Und hier wird noch klarer auf den Punkt gebracht, wie nah sich die Monarchie und das Kino sind. Bei Königen wie Filmstars geht es stets darum, eine Rolle zu spielen, einem Image zu entsprechen. Und rote Teppiche zu bewältigen.