Berlinale-Wettbewerb

Großartiger Berlinale-Auftakt mit "True Grit"

Der lakonische Western der Coen-Brüder "True Grit" eröffnet die diesjährige Berlinale. Der Film, mit Oscarpreisträger Jeff Bridges in der Hauptrolle, erzählt Sehnsucht und vom Ende des Wilden Westens.

Der Wilde Westen ist das letzte Reservat, in dem der Mann noch Mann sein darf. In dem das Recht des Stärkeren gilt. Kein Gesetz und erst recht keine Frau schränken den lonesome cowboy ein. Der Preis dieser unermesslichen Freiheit ist die Einsamkeit. Jeder Lucky-Luke-Comic bringt dieses Lebensgefühl in seinem Schlussbild auf den Punkt: Da reitet der Cowboy mit seinem einzigen wahren Gefährten, seinem Pferd, in den Sonnenuntergang und stimmt sein ewiges Lied an. Aber oweh. Das Bild ist falsch. Auch da draußen ist der Mann nicht mehr Mann. Auch hier muss er sich was vorschreiben lassen. Das ist das Lied, das die Coen-Brüder anstimmen in ihrem lakonischen Western „True Grit“, der gestern fulminant die Berlinale eröffnet hat.

Hier gibt es gleich zwei Vertreter dieser absonderlichen Spezies Mann. Rooster Cogburn, ein alter, heruntergekommener, versoffener Marshall, und LaBoeuf, ein junger, eitler, aufschneiderischer Texas Ranger. In einer herrlichen Szene spielen die beiden mit ihren Colts, wer zieht schneller, wer schießt besser. Immer wieder. Das ewige Jungens-Spiel und Phallus-Gehabe, wer hat den größeren, von allen Psychotherapeuten milde belächelt, dass aber noch heute funktioniert, nur jetzt nach PS und Muskelmasse bewertet. Aber da ist auch noch ein 14-jähriges Mädchen, ein Backfisch, das die beiden genervt in ihrem Spiel unterbricht. Das ist im Grunde schon die Rohhandlung dieses Films. Und die raffinierte Perspektivverschiebung. Wir sehen den Western nämlich weder durch das Auge des Marshalls noch durch die des jungen Haudraufs. Sondern durchgängig und konsequent aus dem Blickwinkel dieses Teenagers, das erstaunt in diese Männerwelt schaut.

Mädchen, bleib zuhause: Das bekommt sie anfangs oft zu hören. Aber das Zuhause ist aus den Fugen geraten, der eigene Vater wurde kaltblütig erschossen, von seinem eigenen Hilfsarbeiter, den der Vater gnädig aufgenommen hat. Der ist nun mit Papas Habe verschwunden. Und das Mädchen, das eigentlich nur in die Stadt kommt, um die Leiche zu identifizieren und mit nach Hause zu nehmen, sie bleibt im Ort. Und will, ganz archaisch, wie in der klassisch-antiken Tragödie, Rache nehmen. Sie sucht dafür einen, von dem sie glaubt, dass er echten Schneid, true grit, hat. Und sie gerät an jenen alten Marshall, der tatsächlich völlig abgebrannt ist, aber jedes Kopfgeld annimmt. Allerdings taucht auch noch dieser junge Ranger auf, der dem Mörder ebenfalls für ein anderes Delikt (und für andere Auftraggeber) auf den Spuren ist. Eine Dreieckszwangsbeziehung. Das Mädchen will ohne den Ranger los, der Ranger ohne das Mädchen, der Alte am liebsten alleine. Aber zu dritt nehmen sie die Fährte des Flüchtigen auf.

Der Dude und der Duke

Den Film hat es schon einmal gegeben, 1969. „Der Marshal“ hieß er damals bei uns, und John Wayne spielte die Hauptrolle. Das war ein echter Besetzungscoup. Es ist zwar eine Legende, dass Wayne immer nur die aufrechten Helden gespielt hat. Aber natürlich war er eine Legende, ein american icon. Dass ausgerechnet der „Duke“ einen versoffenen Zyniker spielte, hatte eine enorme Fallhöhe. Sie brachte ihm seinen einzigen Oscar ein, von dem viele sagten, es wäre der für sein Lebenswerk gewesen.

Bei Joel und Ethan Coen wird dieser Marshall von Jeff Bridges verkörpert. Der setzt sich voll in diese Rolle ein. Er grummelt und brummelt, dass man kaum etwas versteht. Der zeigt sich ständig ungewaschen und mit fettigem Haar, und in seiner ersten Szene sehen wir ihn nicht, wir hören ihn nur fluchen. Auf dem Plumpsklo. Das hat nicht ganz dieselbe Fallhöhe. Seit Jahren spielt Jeff Bridges eigentlich immer wieder genau diese Rolle, einen etwas neben sich stehenden, verpeilten Typ, wie sein „Dude“ 1998 in „The Big Lebowski“. Übrigens auch das ein Coen-Film, der letzte, den die beiden auf der Berlinale gezeigt haben. Auch Bridges' jüngster großer Film „Crazy Heart“ war nichts anderes als eine Variation darauf, da gab er einen abgehalfterter Countrysänger – und bekam dafür im vergangenen Jahr seinen ersten Oscar.

Man könnte sie jetzt also vergleichen, den Duke und den Dude. Man könnte feststellen, dass Wayne seine Augenklappe links trug und Bridges jetzt rechts. Dass der alte Film von Henry Hathaway im Herbst im farbenbunten Colorado gedreht wurde und der neue im Winter im kargen, verstaubten Texas. Aber beide nie in Arkansas, wo die Handlung eigentlich spielt.

Doch um derlei Vergleiche geht es nicht. Die Coens hatten nicht vor, ein Remake zu drehen, sondern das zugrunde liegende Buch von Charles Portis. Das liest sich tatsächlich wie ein Script der Coens, mit seinem lakonischen, leicht sarkastischen Ton und dem Hang zu drastischen Szenen. Die Coens haben das Buch etwas getreuer verfilmt als einst Hathaway, sie haben auch das Ende absichtsvoll dunkler gelassen. Nicht nur die Männer kriegen hier ihr Fett weg, auch das Mädchen wird für seinen Rachedurst ein Leben lang bezahlen. „No Country for old Men“, hieß der vorletzte Film der Coens. Das könnte auch über diesem Spätwestern stehen: In diesem Land werden die Männer nicht alt. Er könnte freilich auch genau andersrum lauten: No country for young girls.

„Der Marshall“ war einst eine Reaktion auf das, was der Spaghetti-Western in den Sechzigern aus dem amerikanischsten aller Western gemacht hat – die Rettung der eignen Spezies unter neuen Vorzeichen. Der neue „True Grit“-Film dagegen könnte, nach all den Spätwestern und Schwanengesängen, so was wie ein Neuanfang sein, ein neuer Blick auf dieses uralte, scheinbar ausgelutschte Genre – aus den naiven, unschuldigen Augen dieses unglaublichen Mädchens. Jüngere Western schmierten, wie „Todeszug nach Yuma“, an der Kasse ab oder kamen, wie „Appaloosa“, bei uns nur auf DVD heraus. Ausgerechnet die Coens, berühmt und beliebt für ihre schrägen Filme mit ihrem sonderbaren Personal, die nie auch nur im Verdacht standen, Mainstream zu machen, ausgerechnet sie scheinen dem Genre nun neuen Auftrieb zu geben. In den USA, wo „True Grit“ bereits angelaufen ist (in Deutschland startet er in zwei Wochen), hat er bereits 90 Millionen Dollar eingespielt. Mehr als jeder andere Coen-Brüder-Film. Und mehr noch: Sie befreien den Western aus seinem angestammten Terrain, dem reinen Männerkino. „True Grit ist auch ein Frauenfilm.

Man hätte sich für die Berlinale keinen schöneren Eröffnungsfilm wünschen können. In „True Grit“ kräuselt sich sanft der Schnee; so wie man das auch auf jeder Berlinale getrost erwarten darf. Auf einer Glocke ist einmal ein großes „B“ eingebrannt; das erinnert nicht von ungefähr an den Buchstaben, der auch stadtweit die Berlinale-Plakate ziert. Irgendwann reitet sogar ein Mann, welch bizarres Bild, von Kopf bis Fuß in ein Bärenfell gehüllt durch die Landschaft. So einer müsste auch am Ende, bei der Bärenvergabe, aufs Podium des Berlinalepalastes. Jetzt zu Beginn stehen mit dem Marshal Jeff Bridges und den Gebrüdern Coen gleich drei große Namen auf dem roten Teppich. Nur Matt Damon, der Ranger, konnte nicht kommen.

Eine Allegorie aufs Festivalgetriebe

Aber vielleicht sagt uns „True Grit“ ja viel mehr über das Festival, als man denken könnte. Vielleicht liefert er uns sogar eine Allegorie auf den Festivalbetrieb selbst. Dürfen sich nicht auch die Leiter der großen A-Filmfestivals in Cannes und Berlin wie die letzten Cowboys fühlen, die einsam und stolz durch ihre Prärie, das Filmwesen ziehen? Und müssen nicht auch sie sich immer mehr von frechem jungem Gemüse die Bedingungen diktieren lassen? Jene „Bezahlfestivals“ aus Dubai, Abu Dhabi und wie sie alle heißen, die die Filmverleiher nicht mit großen Preisen, aber mit vielen Dollars locken? Sagen sie nicht in Zukunft, wo es lang geht?

„True Grit“, das Buch, und „True Grit“, der neue Film erzählen viel von der Sehnsucht, aber auch vom Ende des Wilden Westens. Am Ende ist die kleine Mattie erwachsen, und die Cowboys treten nur noch in Wildwestshows auf. Immerhin: Sie sitzen noch im Sattel und irgendwie machen sie auch noch ihren Job. Auch in dieser Hinsicht ist „True Grit“ der ideale Berlinale-Auftakt: Damit kann sich das Festival vergewissern, dass die Zeiten zwar schwerer geworden sind, aber die Schlacht noch nicht verloren ist.

Wiederholungen Friedrichstadtpalast, Freitag, 11 und 15 Uhr.