Eröffnung

Die Berlinale ist ein riesiger Spielplatz

Mit dem für zehn Oscars nominierten US-Western "True Grit" werden am Abend die 61. Internationalen Filmfestspiele Berlin eröffnet. Für Morgenpost Online beschreibt US-Journalist Eric Hansen seine Eindrücke der Berlinale und die Faszination des Filmfests gegenüber der Konkurrenz.

Foto: REUTERS

Das Problem mit der Berlinale ist Cannes.

Ob Regisseur, Filmstar oder Filmfan, jeder will lieber nach Cannes. Selbst die Berliner wollen lieber nach Cannes. Auch ich wollte dahin, als ich in den frühen Neunzigern als amerikanischer Korrespondent der Filmfachzeitschrift „Variety“ angeheuert wurde. Ich lebte aber zufällig nicht Paris, sondern in München – und da wurde ich eben nach Berlin geschickt.

Vielleicht war das der Grund, warum meine ersten Eindrücke vom Festival nichts mit Film zu tun hatten, sondern mit der Farbe des Winterhimmels: grau. Und mit der Farbe des halbaufgetauten, wieder gefrorenen Schnees auf den Bürgersteigen: grau. Wie die Farbe der Festivalbesucher selbst: grau.

Doch dann passierte etwas Seltsames. Ich entdeckte das an der Berlinale, was Cannes nicht hat.

Ich übernachtete in der leeren Wohnung eines Freundes eines Freundes. Typische Berliner Studentenwohnung: abgewetzte Holzdielen, Tapete aus Vorkriegszeiten, Möbel Marke Sperrmüll, alles zusammengewürfelt. Dafür Bücher. Viele Bücher. Vor allem: Eine ganze Wand voller Bücher über das Kino. Filmlexika, obskure Werke über Filmtheorie, prachtvolle, nostalgische Bildbände über Marlene und Wenders und Bunuel und Hitchcock. „Das ist aber ein Zufall“, berichtete ich meinem Freund am Telefon. „Ist der Typ, der hier wohnt, Regisseur oder nur Filmstudent?“

„Wie?“ war die Antwort. „Er hat mit Film nichts zu tun. Er ist Taxifahrer.“

Es war wie eine hübsche Frau in der U-Bahn, aber grau eingemummelt, ein grimmiger Ausdruck im Gesicht, man würde sie ja ansprechen, wenn man nicht so viel Angst vor ihr hätte. Dann merkt man, dass unter ihrem Mantelsaum bunte Strumpfhosen hervorgucken, und man denkt: „vielleicht ist das eine Frau, die doch Spaß macht“, und bis man sich endlich dazu durchringt, sie doch anzusprechen, steigt sie aus, und jetzt muss man immer wieder diese Linie fahren, bis man sie wiedersieht.

Auch mir blieb nichts anderes übrig, als jedes Jahr zurück zu kehren. Und immer mehr Farbkleckse fielen auf.

Anfangs ging es auch mir um die Filme, ob die kleinen, exotischen Entdeckungen wie „Das Hochzeitsbankett“, der den Regisseur Ang Lee berühmt machte, oder die oscarverdächtigen Produktionen wie „Rain Man“; und natürlich um die Weltstars, die wider Erwarten tatsächlich auftauchten, von Gary Cooper, Sophia Loren und Jean Gabin bis hin zu Leonardo DiCaprio, Kate Winslet und Russell Crowe; ganz zu schweigen von den rauschenden Partys, die Journalisten wie uns dazu verleiteten, die Hälfte unserer Zeit auf der aussichtslosen Jagd nach Einladungen zu verschwenden.

Der ganz normale Wahnsinn sah wie folgt aus: Weil man als Journalist früher leicht an Freikarten herankam, war man zwei Wochen lang der beliebteste Mann Berlins – also stellte man sich morgens in eine unendliche Journalistenschlange mit einer langen Wunschliste von etlichen schönen Frauen, die man flüchtig kennt, und hatte man am Ende Karten ergattert und rief die Damen an, hieß es unisono: „Was, das ist tagsüber? Das ist aber schlecht“.

Doch sehr bald geriet all das in den Hintergrund. Das wirklich Interessante spielte sich am Rande des eigentlichen Festivals ab: Keine Richtung, kein Thema, kein Mut habe dieses Festival, raunte es in der Stadt. Die Filmauswahl sei zu halbherzig, zu unübersichtlich, überhaupt würden all die falschen Filme angenommen und die richtigen verworfen, wenn das so weiter ginge, hänge selbst das kleine Toronto-Filmfestival Berlin noch ab, nee, nee, diese Berlinale würde die größte Enttäuschung in der Geschichte der Berlinale werden, peinlich so was.

Nur wer meckert, kann auch lieben

Oder das Gemauschel um den Festivalleiter. Über Moritz de Hadeln wurde in der Presse und hinter vorgehaltener Hand gemeckert, dass sich die Balken biegen: Er könne kaum Englisch, er könne kaum Deutsch, er habe keinen Stil, er habe kein Feingefühl, und überhaupt, wo bleibt der Glamour? Auf de Hadelns Berlinale trug kein Mensch Smoking wie in Cannes, alle tauchten in Jeans auf.

Als de Hadeln 2001 abgesägt wurde, war es mit dem Neuen, Dieter Kosslick, nicht anders: Oberflächlich, schmierig, glatt sei er, mit seinem ewigen Lächeln. Heute drehe sich alles nur noch um Hollywoodstars und auf dem roten Teppich tragen alle Smoking. Wo bleiben die Jeans? Wo bleibt die Kunst? Die Tatsache, dass die Berlinale ihren Rang als zweitwichtigster Filmfestival der Welt vor allem diesen beiden Männern zu verdanken hat, spielt bei ihren Kritikern keine Rolle.

Irgendwann verstand ich: Die Berliner haben einfach Spaß dran. Es ist ihr ureigenes Festival, es gehört zur Familie, und sie lassen sich die Deutungshoheit nicht wegnehmen.

Von Anfang an machte die Berlinale all das durch, was der durchschnittliche (West-)Berliner durchmachte. Sie wurde nicht von Berliner Filmfans ins Leben gerufen, sondern von der amerikanischen Militärregierung. Die ersten zwanzig Jahre waren ein zäher Kampf, das Festival von der amerikanischen, deutschen und kirchlichen Obrigkeit loszulösen, damit man auch mal skandalträchtige Werke zeigen konnte, wie der 1964 verbotene schwedische Provokationssteifen „491“. Noch 1970 war der Vietnamfilm „o.k.“ von Michael Verhoeven so umstritten, dass die Jury zurücktrat; der erste Film aus der Sowjetunion wurde erst 1974 gezeigt, der erste DDR-Film ein Jahr später. Bis in die 60er war nicht klar, dass Berlin der Standort der „Berlinale“ bleiben würde. Für die Berliner ist die Berlinale eine Bühne.

Sie ist eine Bühne für Journalisten, der einfach mal in der Nähe eines Stars sein wollen. Die dummen Fragen der Presse auf der Berlinale sind Legende. Julia Roberts will 1996 ihren Film promoten, muss aber ihren Bruder in Schutz nehmen, als ein Journalist sie fragt, „Warum sind Sie so schön und Ihr Bruder so hässlich?“ Manfred Krug wird 1994 auf einer Pressekonferenz so sehr von kritischen Fragen malträtiert, dass er die versammelten Journalisten nur noch beschimpft.

Sie ist eine Bühne für die aalglatten Gauner, die Berlin wie ein Magnet anzieht: Immer wieder erschienen zwielichtige Veranstaltungen am Rande des Festivals, die behaupten, etwas mit der Berlinale zu tun haben, aber nie ganz erklären können, was genau. Vor der Benefizveranstaltung „Cinema for Peace“ hat Festivalleiter Dieter Kosslick immer wieder gewarnt, zum Beispiel letztes Jahr in der „B.Z.“: Es sei unklar, wo das gesammelte Geld hinfließt.

Die Berlinale ist eine Bühne für den jungen, Möchtegern-Filmemacher (und sind nicht alle jungen Leute Möchtegern-Filmemacher?), der eine Einladung zur Party der Sektion „Internationale Forum des jungen Films“ in der Volksbühne ergattert, wo die ganz coolen Untergrund-Filmkünstlern so tun, als ob sie es nicht nötig hätten, hier Kontakte zu knüpfen, und dabei gleichzeitig versuchen, Kontakte zu knüpfen, bis sie am frühen Morgen erkennen müssen, es gibt keine wirklich gute Kontakte hier, denn das Forum ist eine Sektion für Anfänger, und ab jetzt geht es nur noch darum, irgendeine Möchtegern-Schauspielerin abzuschleppen.

Jeder Berliner ist Filmavandgardist

Und vor allem ist sie ist eine Bühne für den ganz normalen Berliner. Kommt die Berlinale, gibt es für ihn kein Thema der Welt, das so interessant ist wie ein Prostituierten-Fußballteam, Tierrechte in chinesischen Zoos und die Wiederentdeckung mongolischer Kochtraditionen, und siehe da – für den einzigen Film der Welt über genau diese Themen gibt es noch Karten, und der wurde auch noch von einem blinden Regisseur aus Usbekistan gedreht. Jedes Jahr kriechen sie aus ihren Billig-WGs, aus ihren Chefsekretärinnen- und Streetworkerbüros, aus der Stabi, wo sie seit 15 Jahren an ihrem Magister über die Symbolik in der Filmkunst der Dadaisten arbeiten, blinzeln kurz in die Sonne, fragen sich, wann der Frühling kommt und wenden sich dann erleichtert dem nächsten dunklen Kinosaal zu – um noch einmal der Welt und sich selbst zu beweisen, dass sie im Grunde ihres Herzens selber Filmemacher sind, und zwar die besseren, die kreativeren, die avantgardistischeren, wenn auch nur im Geiste.

Die Berlinale – mit fast einer Viertelmillion verkauften Eintrittskarten das größte Publikumsfestival der Welt – ist kein Filmfestival, sie ist ein riesiger Spielplatz eigens für die Einwohner dieser Stadt.

Später, als ich für ein anderes Medienfachblatt, „The Hollywood Reporter“, auch mal Cannes besuchen durfte, war es genauso wie ich es mir vorstellte: die Stars, der Strand, die Sonne, die Partys… sie waren alle da.

Aber sonst keiner.

Nach ein paar Tagen fragte ich einen erfahrenen Kollegen, „Wo sind denn die Franzosen?“

Seine Antwort: „Dürfen Franzosen überhaupt hier rein?“

Cannes ist so elitär wie der Sonnenkönig. Da gibt es kein Publikum, nur Profis und Presse.

Das ist es, was Berlin hat, was Cannes nicht hat: Die Berliner.

Autor Eric T. Hansen wurde 1960 in den USA geboren, lebt in Berlin. Er hat für „The Hollywood Reporter“ und „Variety“ geschrieben, war auf RadioEins mit seiner Kolumne „Planet Berlin“ zu hören und schreibt Bücher, jüngst „Nörgeln! Des Deutschen größte Lust“.