"Stand der Dinge"

Jim Rakete lichtet deutsche Filmemacher ab

Der Starfotograf hat ein Pantheon des Deutschen Films fotografiert. Pünktlich zur Berlinale wird „Stand der Dinge" in Berlin ausgestellt. Morgenpost Online hat mit ihm gesprochen.

Er ist der Star unter den deutschen Fotografen. Und der Fotograf der Stars. Jetzt hat Jim Rakete eine Art Pantheon des Deutschen Films abgelichtet: Hundert Filmemacher mit einem Requisit aus ihrem wichtigsten Film. Eine Auswahl wird nun erstmals in Berlin zu sehen sein, in der Kunsthalle Koidl ab 10. Februar. Pünktlich zum Berlinale-Start. Peter Zander hat mit dem Fotografen über seine Bilder und Kinoliebe gesprochen.

Morgenpost Online: Herr Rakete,Sie sind gerade 60 geworden. War das eine Zäsur?

Jim Rakete: Leider ja. Eine ganz dolle sogar. Plötzlich bekommt man tintenhandgeschriebene Briefe von ehemaligen Bundeskanzlern und berühmten Politikern, die einen vor Rührung auf die Knie zwingen. Das ist für mich beängstigend; ich misstraue allen Würdigungen, die sind eigentlich immer der Anfang davon, dass man nichts mehr machen darf.

Morgenpost Online: Können Sie sich noch an Ihr allererstes Kinoerlebnis erinnern?

Jim Rakete: Leider nein. Ich kann mich noch an mein erstes Foto erinnern, da war ich vier Jahre alt und habe eine Box vom Schrank genommen. Aber nicht an meinen ersten Film. Ich bin ohne Fernseher aufgewachsen, das muss also schon was Großes für mich gewesen sein. Aber ich weiß wirklich nicht mehr, was das war. Filme, die ich mag, habe ich immer ganz oft gesehen, und ich mag so viele Filme. Ich müsste das vielleicht anhand von Verabredungen rekonstruieren, das war immer ganz stark mit dem Kino verbunden. Aber ich sehe schon, wie Sie mit gläsernem Spaten das Thema freilegen…

Morgenpost Online: … was auf die Frage führen soll: Wie kinoverrückt ist Jim Rakete?

Jim Rakete: Ich habe leider nicht so viel Zeit, ins Kino zu gehen, wie ich gerne wollte. Aber ich gehe schon, so oft es geht. Es geht zum Beispiel gar nicht, dass ich jetzt „Black Swan“ noch nicht gesehen habe. Das muss sich sofort ändern.

Morgenpost Online: Gibt es eine spezielle Vorliebe für den Deutschen Film?

Jim Rakete: Da gibt es natürlich einige, die mich besonders interessieren. Das sind aber nicht unbedingt die, die den Fernsehredakteuren gefallen. Mir gefallen die, die entweder versuchen, auf eine stattliche Größe zu kommen in dem, was sie entwerfen, oder solche, die Geschichten erzählen, die ich normalerweise nicht erfahre. Ansonsten bin ich ein bisschen unzufrieden, weil man zu stark versucht, Stoffe zu entwickeln, die doch besser im Fernsehen aufgehoben sind. Dieses bilaterale Finanzierungssystem spüre ich immer, wenn ich Filme sehe. Da gibt es wenige Ausnahmen, wie Schmid, Wenders, Tykwer, da merkt man, die wollen Sachen machen, die größer sind als die 20-Uhr-Leiste im Fernsehen. Bei unserem unfassbaren Förderungssystem müssten wir eigentlich täglich erschlagen werden mit guten Ideen. Aber das ist, gemessen an dem tollen Personal beim deutschen Film, immer noch zu wenig.

Morgenpost Online: Ihr Kollege Antonin Corbijn hat es ja vorgemacht. Könnten auch Sie sich einmal vorstellen, bewegte Bilder zu schießen, einen Film zu drehen?

Jim Rakete: Ich habe schon ein Buch geschrieben, das verilmt werden sollte. Wir haben es weiter entwickelt, Dominik Graf und ich, vor etwa zehn Jahren.Das wäre auch fast was geworden, aber es war ein gewagter Stoff mit dem Titel „Der schwarze Schwan“. Als man begann, es ernsthaft zu diskutieren, war es schon Fernsehen. Und mit diesem Medium tue ich mich schwer. Wenn Leute Sachen sagen wie „unsere Zeitleiste“ oder „unser Zielpublikum“, bin ich schon raus aus der Nummer. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Ja, ich würde wahnsinnig gern mal einen Film drehen. Das rückt auch immer näher. Aber es wären sicherlich andere Stoffe, als bei Anton.

Morgenpost Online: Bevor Sie einen eigenen Film drehen, gibt es jetzt erst einmal eine Ausstellung von Ihnen. Sie haben 100 Filmemacher fotografiert.

Jim Rakete: Wir haben im Filmmuseum Frankfurt mal einen auf Film abgespeckten Teil meiner Serie „1/8 sec.“ ausgestellt. Und da gab es ganz angeregte Podiumsdiskussionen. Es schien, als sei Frankfurt der letzte Ort, an dem man noch über Kino redete. Wir haben dann eine kleine Stiftungskampagne für den Umbau angekurbelt und dabei überlegt, ob wir nicht ein Konvolut von Bildern starten sollten: eine Hall of Fame des Deutschen Films. Wir hatten dann recht schnell eine schöne Sammlung zusammen. Noch nie hat jemand versucht, die Persönlichkeiten unseres Kinos aus einem Guss zusammenzufügen. Alles in einem Jahr: Unser Spektrum reicht von Ken Adams, der am 5. Februar 90 wird, bis zu den Jungstars aus „Das weiße Band“.

Morgenpost Online: Die Idee ist, dass jeder sich mit je einem Requisit aus seinem bedeutendsten Film fotografieren lässt.

Jim Rakete: Und es ist irre, was dabei herauskam. Die junge Maria-Victoria Dragus aus „Das weiße Band“ kam zu mir im Ballettoutfit und tanzte mit einem weißen Band blind durch mein Studio, auf Spitze. Mario Adorf hat sich die Mütze von seinem Bruno aus „Nachts wenn der Teufel“ aufgesetzt. Volker Schlöndorff hat nicht nur die Blechtrommel mitgebracht, wirklich noch die originale aus dem Film, er hat sich auch noch auf der Berliner Straße in Babelsberg fotografieren lassen. Das sind ja gleich mehrere Geschichten. Manche mussten den Tiefen ihrer Seele recherchieren, welcher Film und welcher Gegenstand es denn gewesen ist. Was mich wirklich gerührt hat: Edgar Reitz schickte mir ein Bild von einem Projektor, den sein Vater ihm in Kriegstagen geschickt hat, der machte ihn zum Helden seines Viertels. Er hat sich von einem Kinovorführer Filmreste erbettelt, hat die zusammengeklebt und in der Garage projiziert. Das ist ja an sich schon rührend, wenn man dann aber noch die Filmographie durchgeht und in der dritten „Heimat“-Staffel plötzlich, wie der Protagonist eine Sinfonie aufführt mit einem ganzen Tableaux an Leinwänden, dann mag man ermessen, wie stark Edgar Reitz von diesem Moment entzündet war. Solche Elemente gibt es bei ganz Vielen.

Morgenpost Online: Und wenn ein Jim Rakete anruft, dann sagen alle Stars gleich zu?

Jim Rakete: Nicht alle. Es gab Leute, die haben mich ein wenig zu lange hingehalten, die sind deshalb nicht in der Sammlung. Ich frage niemanden ein zweites Mal um eine Gefälligkeit. Es gab aber nur zwei Absagen, und die habe ich mir hinter den Spiegel geklemmt, weil ich sie beide hinreißend fand. Sepp Bierbichler sagte, er kann das nicht brauchen, dass die Leute beim Bäcker wissen, wie er aussieht. Und Bruno Ganz entschuldigte sich, er sei nun mal mit Ruth Walz zusammen, eine großartige Theaterfotografin. Da muss man einfach Verständnis haben.

Morgenpost Online: Die Serie sollte ursprünglich im Juni die neuen Räume des Frankfurter Filmmuseums einweihen. Wieso dürfen wir sie jetzt doch schon vorab in Berlin sehen?

Jim Rakete: Dieses ehemalige Umspannwerk in Charlottenburg hat mir immer schon gefallen, wenn ich morgens daran vorbei radelte, dachte ich immer: Was für ein genialer Bau. Der hat die merkwürdige Eigenschaft, exakt 35 Meter lang zu sein, aber nur fünf Meter breit; und eine Seite ist nur Fenster. Einen solchen Raum habe ich noch nirgends auf der Welt gesehen. Ich wäre aber nie wie Roman Koidl auf die Idee gekommen, daraus eine Kunsthalle zu machen. Dort wollte ich immer schon mal was ausstellen. Und bei diesem Projekt wäre es doch wirklich schade gewesen, wenn wir jetzt nicht eine erste Kostprobe zur Berlinale gezeigt hätten. Die Berlinale hat mit dem Erstarken des deutschen Films doch ganz viel zu tun. Das ist meine Verbeugung vor dem Filmfestival. Die Frankfurter waren einverstanden. Und ich habe einen Luftsprung gemacht: Das ersetzt mir eine Generalprobe.

Morgenpost Online: Sind Sie denn ein starker Berlinale-Gänger?

Jim Rakete: Früher ja, unentwegt. Jetzt schaffe ich es leider nicht. Ich bin auch zu ungeduldig, um irgendwo anzustehen, das ist ein ganz großer Charakterfehler von mir. Retardierende Momente sind mir ein Gräuel.

Morgenpost Online: Digitale Momente auch. Sie sind einer der letzten, der noch analog fotografiert. Sind Sie ein Dinosaurier, gehören Sie einer aussterbenden Rasse an?

Jim Rakete: Nach mir kommt keiner mehr. Das kann man wohl wirklich sagen, ich bin der letzte der Mohikaner. Ich produzierte noch ein Original, das Fotonegativ. Ich schreibe auch noch Briefe lieber als E-mails. Ich mag Originale. Ich liebe auch Fehler. Die darf man nicht nachträglich retuschieren. Bei Reden heißt es: Es gilt das gesprochene Wort. Bei mir heißt es: Es gilt das fotografierte Bild. Das ist ein Statement. Ich habe aber allmählich Angst, dass ich bald keine Materialien mehr bekomme. Ich stürze mich immer darauf, wenn ich von welchem lese, und hamstere.