Berlinale-Reporter

Darum ist die Berlinale ein Publikumsfestival

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Heike Dietrich

Die Berlinale ist ein Publikumsfestival - das wird jenseits des Potsdamer Platzes ganz deutlich. 270.000 Karten wurden 2009 verkauft - weniger werden es auch in diesem Jahr nicht sein. Bei den Premieren etwa der Panorama-Reihe kommen Darsteller, Regisseure und Zuschauer sich so nah wie nirgends sonst. Ein Nachmittag im Kino International.

Lassen Sie sich nichts vormachen. Die eigentliche Berlinale erleben nur die normalen Zuschauer. Bevorzugt in den Nicht-Wettbewerbs-Sektionen wie dem Panorama. Nicht das „Ich-halte-einen-Pass-hoch-und-bin-im-Kino“-Gefühl. Die Zuschauer bekommen das echte Berlinale-Gefühl.

Zu dem gehört einfach das Schlangestehen und Hoffen auf Eintrittskarten. Dabei können die Zuschauer viel erfahren, wie die Berlinale gemacht wird. Etwa wie das Kino International sich vorbereitet auf eine Premiere, zum Beispiel „Father of Invention“ am späten Montagnachmittag.

Durch die Foyerdecke des Kinos an der Karl-Marx-Allee in Mitte dringt um 14.30 Uhr noch die Filmmusik des laufenden italienischen Films „Mine Vaganti“. Gegen 15.15 Uhr wird es ein wenig hektisch. Irgendein Technikproblem führt zu einem kurzen Wortgefecht zwischen Angestellten des Kinos und einem herbeigerufenen Techniker.

Zugleich werden draußen im Vorraum die Leute in der Warteschlange vor der Vorverkaufskasse zusammengeschoben. In der Mitte des Raumes wird ein Stück abgesperrt – der rote Teppich muss zugeschnitten und geklebt werden. Um 17 Uhr werden zwei Filmpartnerinnen von Kevin Spacey mit dem Regisseur Trent Cooper zur Premiere des Panorama-Filmes erwartet. Zwei Lehrerinnen erklären ihrer Kindergruppe, wie die Berlinale funktioniert. Jedenfalls theoretisch - denn die Filme dürfen sie hier nicht sehen, die sind erst ab 18 Jahren freigegeben.

Das Foyer füllt sich gegen 16 Uhr. Die Erwachsenen warten vor der Absperrkordel auf Einlass. Niemand will zu spät kommen, nach Beginn des Filmes wird niemand mehr hineingelassen.

Lautes Stimmengewirr, noch können nicht alle sicher sein, Zugang zu der Premiere zu bekommen. Draußen am roten Teppich bauen sich Fotografen auf. So nah kommt man den Stars nur jenseits des Potsdamer Platzes. Hier müssen sie mitten durch die Zuschauer hindurch, im wahrsten Sinne zum Anfassen nah.

Kurz darauf drängen sich die Wartenden die Treppen hoch, um im Obergeschoss erneut vor verschlossenen Türen zu warten. 12 Minuten vor Beginn der Vorstellung werden die ersten ungeduldig: "Jetzt könnten sie den Saal aber auch wirklich aufmachen", sagt eine Frau.

Binnen Minuten füllt sich der Saal bis auf den letzten Platz. Im mittleren Block sind die hinteren drei Reihen für das Filmteam reserviert - rechts, links, davor sitzen Zuschauer. Wer schnell ist, nimmt einen dieser Plätze. Leute stürzen in den Saal, stolpern über Taschen, wählen hektisch die mutmaßlich besten Plätze aus.

Als die zwei Darsteller und ihr Regisseur schließlich vor den silberfarbenen Vorhang des Kinosaals treten, werden sie mit Applaus begrüßt. Das gibt es eigentlich nur in echten Vorstellungen, selten in solchen für Akkreditierte.

Auch die Macher der Filme erhalten etwas: direktes Feedback. Langen Applaus gibt es, als Cooper einen Gruß von Spacey ausrichtet, der wegen Dreharbeiten verhindert ist. Und immer wieder lacht das Publikum, wenn Spacey als gescheiterter Erfinder auf der Leinwand erscheint.

Diese Art Kino zu erleben, ?ist es den Berlinale-Liebhabern wert, so lange zu warten. Viele nehmen sich dafür viel Zeit. Wie etwa Andrea Kullmann (38) aus Wiesbaden. Sie kommt jedes Jahr, um zwei bis drei Filme am Tag zu sehen. "Ich habe eigentlich immer viel zu wenig Zeit. Aber wenn man gut organisiert ist, dann geht das. Es ist einfach ein tolles Publikumsfestival.