Berlinale

Es ist so schön in der Berlinale-Schlange

Sie kommen aus China, aus Japan, aus Paris - oder auch aus Berlin-Zehlendorf angereist und wollen nur das eine - Filme sehen. Weder der anhaltende Schnee noch die Schlangen vor den Kassen können die Berlinale-Freunde stoppen. Geduldig warten täglich Tausende auf Kinokarten - und sie kaufen, was sie kriegen können.

Vivian Chen (10) schaut ein wenig verunsichert auf die vier Schlangen, in denen mehr als 200 Menschen warten, bis an die Eingangstür der Potsdamer Platz Arkaden. Es ist ihre Berlinale, sie hat die Mutter überredet, von Zürich nach Berlin zu kommen. Carol (40), seit elf Jahren in der Schweiz, möchte Filme aus der alten Heimat sehen, aus China. Wenn die beiden je drankommen sollten.

Herr Moto (35) aus Japan in der nächsten Schlange kennt das. Seit acht Jahren ist er in Berlin, und ebenso oft war er auf der Berlinale. 60 Euro will er für Filmtickets ausgeben, aber meist wird es doch immer mehr als geplant. Er wartet geduldig. Herr Moto ist Koch und weiß, dass gute Dinge Weile haben.

Außerdem gehört für Berlinale-Fans das Schlangestehen dazu. Und so liest Laura Reiling (20, Schlange vorne links, Mitte) konzentriert, während sie Schritt für Schritt vorwärts rückt. Die Literaturstudentin vertieft sich in das Schicksal von "Jane Eyre" - die musste auch lange warten bis zum Happy-End. Für Laura heißt Glück heute: Karten für "Jud Süß - Film ohne Gewissen", "Howl" und - "natürlich!" den Thriller "The Ghost Writer" von Roman Polanski.

Schlangestehen gehört dazu

Draußen vor der Tür redet sich eine verfrorene Fernsehfrau aus Italien vor der Kamera warm. Die ersten Filmkritiker machen schon Zigarettenpause vor dem Hotel Grand Hyatt und kritisieren schon mal. Die Ticketschlangen wachsen weiter.

Karolina Podeska (30) von der Filmschule in Danzig wartet schon länger, als ihre Filme dauern werden - sie will in die Kurzfilmreihe und in den neuen Polanski - "natürlich!" Sie hat nur vier Tage in Berlin, 96 Stunden - eine davon steht sie bereits in dieser Schlange an.

Frédéric Mercier (30) sieht aus wie ein Adelsmann, der sich in einem alten Schwarz-Weiß-Film als Edel-Clochard verkleiden muss, weil er aus irgendwelchen Gründen nur so die Hauptdarstellerin erobern kann. Nur der schwere Rucksack passt nicht dazu, Mercier kommt gerade aus Paris: "Ich weiß erst seit gestern, dass ich es zur Berlinale schaffe."

"Hauptsache Filme"

In Paris schreibt er über alte Filme, arbeitet für den "Movie Channel". Zur Erholung sieht er sich jetzt in Berlin neue an: "Ganz egal welche: Hauptsache, Filme!" Seine Ticket-Beute: Einmal "San qiang pai an jing qi" (für alle, die das nicht auf Anhieb verstehen: Der Film heißt "A Woman, a Gun, a Noodle Shop"), Martin Scorseses "Shutter Island" und "Blutsfreundschaft" mit Helmut Berger. Damit ist er erst einmal einen Tag beschäftigt, danach sieht er weiter.

Lena Stahl (30) und Johanna Thalmann (28) stehen inzwischen eine Stunde an. Die Berliner Filmstudentinnen sind akkreditiert und müssen dennoch wie alle anderen anstehen. Lena erklärt: "Wir holen heute die Tickets, die meine Mutter will."

Sie selbst haben sich für die Berlinale einen minutiösen Plan aufgezeichnet, mit verschiedenen Farben - vier bis fünf Filme am Tag kann man doch locker schaffen (den neuen Polanski natürlich auch), dazu abends noch die eine oder andere Party.

Polizisten gegen Vordrängler

Ein Polizist, diskret, trotz Uniform, schreitet langsam die Reihen ab. Es hat ein paar Beschwerden gegeben, die üblichen bei einem Großereignis, etwa über Vordrängler. Für die echten Berlinale-Fans hier, die geduldig und sogar gut gelaunt Schlange stehen, sind Drängler natürlich "Das Böse", dagegen ist der schwärzeste Filmschurke Sympathieträger. Der klaut ihnen wenigstens nicht die Kinoplätze.

Marie-France Enette (49) hat auch wieder Hoffnung, heute noch bis zur Kasse zu kommen: "Ich war früher schon häufiger bei der Berlinale." Allerdings jetzt einige Jahre nicht mehr - das mit den Schlangen hatte sie inzwischen vergessen. Zu Hause in Straßburg arbeitet die Juristin für die städtische Sozialhilfe, betreut 12- bis 18-jährige Jungs. Hier in Berlin will sie nur die Eintrittskarten ins Zauberland Film.

Sie hat Erfolg, wie viele aus der Warteschlange. Sie haben lange darauf gewartet, sie haben Widrigkeiten überstanden - wie die Unentschiedenen, die noch mit dem Ticketverkäufer über die Filmhandlung diskutieren wollten. Doch dann kam doch das Happy-End: Sie haben ihre Karten.