Wettbewerb - „Rage"

Eine Halbsatire - langweilig und moralinsauer

| Lesedauer: 2 Minuten
Elmar Krekeler

Foto: AP

In diesem Film wird viel geredet: Über Moral und Altern, über Mode und Schönheit, darüber wie die Modeindustrie funktioniert und wie sie sich verändert hat, über Gott und die verderbte Welt. Leider ermüdet das auf die Dauer.

Und nun, nach teuren Genrefilmen im Wettbewerb, weniger teuren Familiendramen, Poltitthrillern und ordentllich abgefilmter Literatur, zu etwas gänzlich anderem. Das wenigstens ist Sally Potters Mysterythrillerkomödienaufklärungsfilm „Rage“, und es sieht folgendermaßen aus: Ein greller Hintergrund, mal blau, mal grün, mal rot, mal gelb. Davor liegen halb, hängen schräg im Bild oder sitzen sorgfältig geschminkte Menschen und antworten einem geheimnisvollen Videoblogger namens Michelangelo, den wir nie zu Gesicht bekommen, auf Fragen, die wir nie hören. Sie reden und reden. Über Moral und Altern, über Mode und Schönheit, darüber wie die Modeindustrie funktioniert und wie sie sich verändert hat, über Gott und die verderbte Welt. Von draußen hört man hämmernde Musik, und manchmal skandiert da wer was.

Sieben Tage, tippt Michelangelo in sauberen Lettern auf die Leinwand, sitzt er in den Kulissen einer Modeshow und hört zu. Sie sind alle da: Die Familienmodebetriebsvorsitzende, die sich geradezu melancholisch an die Zeiten erinnert, in denen sie noch jede einzelne Reißverschlussnäherin kannte. Die skrupellose Heuschrecke. Der aufstrebende Immigrant. Der in allen Schützengräben dieser Welt abgebrühte Fotograf. Das Gesicht des Jahres namens Salatblatt. Die abgezockte Modekritikerin. Der durchgeknallte Modemacher. Der aufstrebende Praktikant. Das androgyn-astralschöne Celebrity Model namens Minx. Der Leibwächter mit besonderen Ansichten. Ein Detektiv, der seinen Shakespeare gelernt hat. Und die Frau, die Säume unsichtbar näht und unsichtbar bleiben will.

Mehrere Menschen sterben in „Rage“. Aber das sehen wir nicht. Wir sind in New York, das sehen wir auch nicht. Und die Kollektionsgala, um die sich alles dreht, die sehen wir schon gar nicht. Ein bisschen wirkt Sally Potters perfekt besetztes (Judi Dench, Steve Buscemi, Jude Law), aber nicht immer perfekt gespieltes Redende-Köpfe-Drama wie die Doppelfolge einer Pop-Version von Alexander Kluges Intellektuellen-Nachtprogrammen. Ein bisschen so ermüdend ist es leider auch. Immerhin ist es deutlich unterhaltsamer. Aber längst nicht so erhellend. Man lernt aus Sally Potters sehr fein gedrechseltem Pseudodokumentarlustspielkrimi noch weniger über die Modebranche als aus Tom Tykwers „The International“ übers Bankensystem. Das ist eine Dreiviertelstunde ganz lustig. Dann hat man das sichere Gefühl bloß in einer moralinsauren Halbsatire gelandet zu sein, die eine elende Szene von Ausbeutern und Ausgebeuteten gleich noch ein zweites Mal ausbeutet. „Schrei“ heißt dieser Film. Es schreit aber niemand. Insofern spiegelt Sally Potter die komplette bisherige Berlinale. Sie nimmt sich was vor. Und dann verspielt sie es. Dann doch lieber gleich Michael Moore.