Wettbewerb - "Ricky"

Trash von einem dicken Putto, der am Himmel flog

Der letzte Berlinale-Film von Francois Ozon war ein Trashkitchmelodram. Der neue, „Ricky" ist - ...? Ja, was ist er? In junge fliegt mit Chicken-Wings-Flügeln durch die Luft, die anderen Menschen starren in die Gegend, die Hauptdarstellerin ist wunderschön ungeschminkt. Es bleibt Kopfschütteln.

Foto: ddp / DDP

Wenn Sie demnächst durch den nächstgelegenen Park gehen und neben oder über Ihnen ein Vogel mit den Flügeln schlägt, schauen Sie lieber genauer hin, bevor Sie auf die Tauben schimpfen. Es könnte ja auch ein Baby sein, dass da über Ihnen herumflattert. Ich bin verrückt, denken Sie? Mitnichten. Nicht verrückter jeden-falls als Sie, nachdem Sie "Ricky", den neuen Film des ehemaligen Wunderkindes und Extremfrauenverstehers Francois Ozon, gesehen haben.

Als Sozialarbeiter des französischen Kinos war Ozon bisher nicht wirklich aufgefallen. "Ricky", nach einer magischen Unterschichtserzählung von Rose Tremain, sieht anfangs so aus, als wollte er sich tatsächlich auf die Stelle bewerben. Das hält nicht lange vor. Dann wird klar, dass er mühelos da anschließt, wo er mit seinem Trashkitschmelodram "Angel" auf der Berlinale vor zwei Jahren aufgehört hatte. Wenigstens was den Ver-rücktheitsgrad angeht.

Katie (ungeschminkt schön: Alexandra Lamy) ist allein erziehende Mutter, arbeitet in einer Chemiefabrik, fährt morgens ihre Tochter mit dem Roller in die Schule und ist in ihrer tristen Hochhausbude mit den hässli-chen Blumentapeten an den Wänden unendlich einsam. Bis sie Paco (Sergi Lopez) begegnet und sie in der Betriebstoilette übereinander herfallen. Paco, der haarige, animalische Spanier zieht – zum matten Erstaunen von Tochter Lisa – umgehend ein, Katie wird umgehend schwanger und gebiert umgehend (von Schwanger-schaft sieht man nichts) einen verhältnismäßig fetten Sohn, der mit all den üblichen Baumängeln ausgeliefert wird, die normale Eltern schon in den Wahnsinn treiben (Dauerhunger, Schlaflosigkeit, Groteskgestinke, Ge-schrei), zusätzlich beginnen ihm im Zweizahnalter Flügel aus dem Rücken zu wachsen, die am Anfang original wie Chickenwings aussehen und mit denen er dann später durch den Supermarkt flattert.

Es ist immer November in diesem Film, irgendwie olivgrün und nasskalt. Immer wieder starrt Ozon in Katies ungeschminktes Gesicht. Immer wieder starrt er überhaupt auf diese graugrüne Welt. Ganz lang tut er das. Ganz langsam. Und während man mitstarrt in diese Welt am unteren Rand, fragt man sich immer drängender, was Ozon eigentlich erzählen will. Als Sozialdrama taugt "Ricky" nicht. Als Märchen nicht und nicht als Hu-moreske. Als Engelsgeschichte kaum. Als skurrile Flying-Putto-Freak-Show ebenso wenig. Als Hommage an die heroische Mutterschaft? Dazu hätte es keines geflügelten Wesens bedurft. Als Wochenbettfantasie? Als Elternschaftgroteske? Als religiös grundierte Himmelfahrts- und Erlösergeschichte? Am Ende jedenfalls – wenn man vor Kopfschütteln schon ganz müd ist – ist es Sommer, Katie geht halb ins Wasser, sieht ihren Ricky als präpotenten Knaben noch einmal vor sich herum tanzen, und alle haben sie sich wieder lieb. Nur Katie guckt in den Himmel. Ihrem dicken Putto hinterher.

Schade, dass es für Bullshit keine Windeln gibt.

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