Berlinale-Interview

Jeff Goldblum und der Hundeflüsterer

Auf der Berlinale präsentiert Jeff Goldblum seinen neuen Film „Ein Leben für ein Leben – Adam Resurrected". Es geht um einen Mann, der den Holocaust nur überlebt, weil er sich vom KZ-Kommandanten als Hund halten lässt. Eiegntlich möchte Goldblum im Intervbiew mit Morgenpost Online über "Ihre wunderschöne Stadt" sprechen. Aber dann geht es doch um den Film.

Die Tür des Penthouse im „Maritim“ Hotel öffnet sich, besser gesagt hier öffnet der Star noch selbst die Tür und lädt gleich ein zu einem tollen Blick über Berlin. Jeff Goldblum, knapp zwei Meter groß, maßgeschneiderter dunkler Anzug, randlose Brille, zeigt auf das Panorama und meint: „Wollen wir nicht lieber über Ihre wunderschöne Stadt reden?“ Natürlich könnte man darüber reden. Doch wir müssen über „Ein Leben für ein Leben“ sprechen, dort spielt er einen KZ-Häftling, der nur überlebt, weil beim Lagerkommandanten als Hund lebt.

Morgenpost Online: Jetzt loben Sie alle für diese Rolle. Aber als man Ihnen die Rolle zum ersten Mal anbot, haben Sie nicht erwidert: Ich soll einen Hund spielen? Ihr spinnt ja wohl!

Jeff Goldblum: Nun ja, ganz so drastisch waren meine Einwände sicher nicht. Aber ich gebe Ihnen recht: Ich hatte meine Zweifel.

Morgenpost Online: Obwohl, wer schon mal eine Fliege gespielt hat ...

Jeff Goldblum: Vielen Dank, dass Sie mich daran erinnern! Aber es war damals bei der „Fliege“ wirklich ein schönes Arbeiten mit David Cronenberg. Es macht ja generell Spaß, mit Film-Besessenen zu arbeiten. Aber, was man bei der „Fliege“ nicht vergessen darf, mal ganz abgesehen davon, dass es ein reiner Unterhaltungsfilm war, es kamen auch etliche Spezialeffekte zum Einsatz. Die hatten wir hier nun überhaupt nicht. Und davor hatte ich schon einen gehörigen Respekt. So eine Herausforderung gab es in meiner Karriere bisher noch nicht.

Morgenpost Online: Sie haben das Buch von Yoram Kaniuk gelesen. Was für einen Menschen haben Sie kennengelernt?

Jeff Goldblum: Jemanden, der ein wenig wie dieser Adam Stein ist, seine eigene Erfindung. Er steckt voller Fantasie, aber auch voller Überraschungen. Er provoziert gern. Mir hat es sehr geholfen, dass ich mit ihm ein wenig Zeit verbringen konnte.

Morgenpost Online: In der Geschichte geht es nicht vordergründig darum, dass Sie einen Menschen spielen, der gezwungen wird, sich wie ein Hund zu verhalten. Aber wenn diese Szenen nicht hundertprozentig gelungen wären...

Jeff Goldblum: ... dann hätten wir den Rest auch vergessen können. Deshalb habe ich auch damit begonnen, mich einzulesen, mit Schäferhunden vertraut zu machen. Ich habe mit Jane Gibson gearbeitet. Sie hat sich darauf spezialisiert, das zu interpretieren, was Hunde ausdrücken mit ihrem Bellen und ihrer Mimik. Dann war ich bei einem Menschen, den man den „Hundeflüsterer“ nennt.

Morgenpost Online: Gab es ein richtiges Hundecasting?

Jeff Goldblum: Na klar, das mussten wir machen. Irgendwann hatten wir dann unseren Hund gefunden, ein deutscher Schäferhund, trainiert von einem Deutschen. Was für mich etwas kompliziert war, denn der Hund hört nur auf deutsche Befehle.

Morgenpost Online: Nach den Dreharbeiten, vor denen Sie ja schon ein Jahr Vorbereitungen hatten, war die Arbeit noch nicht vorbei. Sie mussten über den Film sprechen.

Jeff Goldblum: In diesem Fall würde ich gern sagen, dass ich darüber reden darf. Vor und während der Dreharbeiten war ich hier in Berlin, habe mit Überlebenden des Holocaust gesprochen, bin in Sachsenhausen gewesen. Ich habe versucht überall dorthin zu gehen, wo auch Adam Stein gewesen sein könnte.

Morgenpost Online: Inwiefern ist es etwas Besonderes, den Film auf der Berlinale?

Jeff Goldblum: Das ist, obwohl es in erster Linie kein deutscher Film ist, sondern eine deutsch-israelisch-amerikanische Produktion, ein wenig wie Heimkommen. Wir hatten das Projekt auf der Berlinale vor zwei Jahren vorgestellt. Und jetzt kommen wir wieder hier her. Ich finde das wunderbar. Außerdem beginnt der Film in Berlin. Wir haben hier gedreht. Ich habe eine wunderbare Zeit hier verbracht.

Morgenpost Online: Wenn man Monate in Berlin verbringt, an einem historischen Stoff arbeitet, ...

Jeff Goldblum: ... selbst Jude ist. Das dürfen Sie nicht vergessen zu sagen. Ja, dann unternimmt man schon die eine oder andere gedankliche Zeitreise. Wenn man in einem historischen Bau sitzt und überlegt: Wäre jetzt 1943, dann könnte ich nicht so frei hier sitzen. Dann würde ich gerade gejagt werden und um mein Leben kämpfen. Zum Glück ist es nur ein Experiment, das nur im Kopf abläuft. Aber ich war manchmal sehr froh, dass mich niemand in dieser doch sehr grüblerischen Phase gesehen hat.

Morgenpost Online: Es sind etliche sehr gute Schauspieler in „Ein Leben für ein Leben“ zu sehen, wie Joachim Król oder Juliane Köhler.

Jeff Goldblum: Wissen Sie, was mir bei den Dreharbeiten aufgefallen ist? Wir Amerikaner können manchmal so arrogante Bastarde sein. Nehmen Sie Joachim Król zum Beispiel, der hier sensationell spielt. Oder Moritz Bleibtreu oder Juliane Köhler. All die Jahre haben wir diese tollen Schauspieler einfach übersehen.

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