Komische Oper

Koskys „La Bohème“: Künstleroper voller Selbstinszenierungen

Liebespaar ohne Zukunft: Barrie Kosky zeigt Puccinis „La Bohème“ an der Komischen Oper als Künstleroper voller Selbstinszenierungen.

Rodolfo (Jonathan Tetelman) und Mimi (Nadja Mchantaf) in „La Bohème" an der Komischen Oper.

Rodolfo (Jonathan Tetelman) und Mimi (Nadja Mchantaf) in „La Bohème" an der Komischen Oper.

Foto: Gregor Fischer / dpa

Berlin. Als Regisseur macht es Barrie Kosky seinem Publikum gar nicht immer leicht, auch wenn viele das glauben. Seine „La Bohème“-Inszenierung hat verstörende Momente, die so gar nicht in die vertraut-sentimentalen Puccini-Lesarten passen, wonach die todkranke Mimi letztlich doch von großer Liebe umhüllt dahinsiecht. Diese Sichtweise verweigert Kosky. Jenseits der Jubelstürme am Ende der Premiere wirkte das Publikum in der Komischen Oper gespalten.

Koskys „Bohème“ muss man vom Ende her erzählen, um das Geschehen zu begreifen. Die junge Mimi kehrt im vierten Bild in die Mansarde zu ihrem Poeten Rodolfo zurück. Sie hat ein schönes weißes Kleid an. Die jungen Bohemiens wissen, dass ihr Ende naht. Mimi bekommt Handschuhe für ihre kalten Hände. Man will das Letzte für sie opfern. Der Philosoph Colline singt mit übergroßer Wehmut seine Mantel-Arie „Vecchia zimarra, senti“, bevor er das Kleidungsstück ins Pfandhaus bringen will. Er lässt den alten Mantel in den Flur fallen. Mimi setzt sich auf einen Stuhl, um für ein letztes Foto zu posieren. Der Tod wird kunstvoll inszeniert. Aber einer nach dem anderen verlässt die Mansarde, als klar wird, dass der Tod etwas Reales, Plötzliches, Unwiderrufbares ist. Die tote Mimi bleibt allein auf dem Stuhl sitzen.

Es ist eine Selbstausbeutung bis in das Intimste

Eine großartige Künstleroper ist Kosky gelungen. Die Bohème grenzt sich zur bürgerlichen Realität ab, indem sie alles im Leben selbst zur Kunst macht. Alles ist eine Art Selbstinszenierung. Und Selbstausbeutung bis ins Intimste. Wer muss nicht sofort ans heutige Reality-TV und die junge C-Promi-Liga denken, die mehr oder weniger auch nur Überlebenskünstler sind. Kosky siedelt seine Inszenierung im Paris um 1850 an, also in jener Zeit, als Henri Murgers „Scènes de la vie de bohème“, die die Vorlage für Puccinis Oper bildeten, entstand. Als Schlüssel hat sich der Regisseur die damals benutzte Daguerreotypie, eine Frühform der Fotografie, gewählt. Im Bühnenhintergrund hat Rufus Didwiszus übergroße metallische Trägerplatten, die das Vergängliche offenbaren, aufgehängt. Die jungen Künstler hantieren die ganze Zeit über mit einer altmodischen Standkamera. Wer sie bedient, tritt einige Schritte zurück von der Bildkomposition, sprich dem Leben.

Die Darstellung der Selbstdarstellung bleibt das Manko im ersten Bild, in dem die kreativen Jungs in ihrem Mansarden-Fotostudio überdreht herumtollen. Das können nur Schauspieler glaubwürdig leisten, aber keine Opernsänger. Das zweite Bild im Quartier Latin ist typisch Kosky. Gefühlt tausend Menschen tummeln sich auf der Drehbühne. Kellner, Gäste, Kokotten, Kinder, falsche Nonnen, alle drei Geschlechter in Kombination, schneller Sex auf dem Pissoir ist möglich. Die Hauptdarsteller, voran die Femme fatale Musette, wirken geradezu normal in der Szenerie.

Nadja Mchantaf gab ihr Rollendebüt als Mimi

Nadja Mchantaf ist ein bemerkenswertes Rollendebüt als Mimi gelungen. Sie versucht, die bereits kränkelnde Frau mit leisen Zwischentönen einzuführen. Was gegen das gern klangmächtig aufbrausende Orchester unter Leitung von Jordan de Souza schwer ist. Zum Ende hin entfaltet sie ihren lyrischen Sopran mit berührender Warmherzigkeit. Jonathan Tetelman, ihr Rodolfo, kann seinen kraftvollen Tenor zumal in den Spitzentönen zuführen. Er kommt gut über den Orchestergraben, aber nach Liebe klingt es nicht. Beeindruckend sind Günter Papendell als Marcello und Vera-Lotte Böcker als Musetta, ein Liebespaar, das sich in der ewigen Selbstdarstellung nicht finden kann.

Komische Oper, Behrenstr. 55–56. Tel. 47 997 400 Termine: 2., 6. und 14.2.; 17., 22. und 30.3. 2019

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