Rolling Stones in Berlin

Mick Jaggers Ritt auf dem aufblasbaren Phallus

Seit 56 Jahren touren die Rolling Stones durch die Welt. Sie sind Legenden des Rock'n'Roll. Ihre großartigsten Momente.

Die Rolling Stones bei einem Konzert in der Waldbuehne in West Berlin im Jahr 1965.

Die Rolling Stones bei einem Konzert in der Waldbuehne in West Berlin im Jahr 1965.

Foto: Getty Images / Popperfoto/Getty Images

Berlin. Sie wollten immer nur spielen. Die Rolling Stones haben in ihrer 56 Jahre währenden Karriere großartige Platten veröffentlicht. Sie haben mit ihren Songs die 60er-, 70er- und 80er-Jahre geprägt. Doch erst auf der Bühne leben sie so richtig auf. Sie brauchen das Rampenlicht. Sie brauchen das Publikum. Wenn die dienstälteste Rockband aller Zeiten am heutigen Freitag im Olympiastadion Hof hält, wird es das 15. Gastspiel der Rolling Stones in dieser Stadt sein. Sie sind der lebende Beweis, dass Rock ’n’ Roll keine Frage des Alters ist.

Im Mai 1965 erschien „I Can’t Get No (Satisfaction)“. Drei Monate später, am 15. September, traten die Rolling Stones erstmals in West-Berlin auf. In der Waldbühne. Die Eintrittskarte kostete sechs D-Mark. Es war ihr einziges Berlin-Konzert in Originalbesetzung mit Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts, Bill Wyman und Brian Jones. Schon beim ersten Stück „Everybody Needs Somebody To Love“ stürmten Hunderte Fans die Bühne. Nach nur acht Liedern verschwanden sie wieder. Ohne Zugabe. Es dauerte keine halbe Stunde. Und in der Waldbühne brach die Hölle los. Sitzbänke und Laternen wurden demoliert, es gab 87 Verletzte, 17 demolierte S-Bahnzüge, einen Sachschaden von mehr als 400.000 D-Mark.

Prügeleien und Festnahmen im Jahr 1970

Fünf Jahre ließen sie sich Zeit für eine Rückkehr. Am 16. September 1970 spielten die Rolling Stones in der Deutschlandhalle, diesmal mit dem neuen Gitarristen Mick Taylor. „Jumpin’ Jack Flash“ stand am Anfang der Show. Im Verlauf des Abends ritt Jagger auf einem aufblasbaren Phallus. Fans wollten die Halle stürmen. Es kam zu Prügeleien und zu 50 Festnahmen. Mit „Brown Sugar“ eröffneten sie am 19. Oktober 1973 ihr neuerliches Deutschlandhallen-Konzert. Am 3. Mai 1976 standen sie wieder in der inzwischen abgerissenen Mehrzweckhalle auf der Bühne. Ohne größere Zwischenfälle.

Für ihren fünften West-Berlin-Abstecher kehrten die Rolling Stones am 8. Juni 1982 zurück in die Waldbühne. Alles blieb friedlich. Es war ein fast intimer Abend im mit 22.000 Fans ausverkauften Amphitheater, bei dem die Band ihr wohl außergewöhnlichstes Programm spielte. Vor dem vierten Stück „Shattered“ fragte Jagger ins Publikum: „Wer von euch war auch 1965 hier?“ Und als die Menge in zustimmenden Jubel ausbrach, konterte Jagger mit einem Grinsen: „I’m shattered!“ (Ich bin erschüttert). „Twenty Flight Rock“ von Eddie Cochran fand sich auf der Setlist, „Chantilly Lace“ von Big Bopper, aber auch Klassiker wie „Under My Thumb“, „Honky Tonk Women“ und „Miss You“.

Acht Jahre dauerte es, bevor sie am 6. Juni 1990 mit ihrer aufwendigen „Urban Jungle“-Show erstmals im Olympiastadion auftraten. Und im selben Jahr, am 13. und 14. August, ihre noch um einiges aufwendigere, 80 Meter breite „Steel Wheels“-Bühne am Jahrestag des Mauerbaus in der DDR, auf der Radrennbahn Weißensee, errichteten. 50.000 begeisterte Fans aus Ost und West feierten eine Band, die damals schon längst Legende war.

Der Ruf als beste Live-Band der Welt

Fortan war es das Olympiastadion, in dem die Stones zur Berlin-Audienz riefen. Wenn auch nicht immer ausverkauft, bestätigten sie doch ihren Ruf als beste Live-Band der Welt, am 17. August 1995 mit der „Voodoo Lounge“-Tour ebenso wie am 26. August 1998 („Bridges To Babylon“), am 15. Juni 2003 („Licks“-Tour), am 21. Juli 2006 („A Bigger Bang“). Und nun wieder mit ihrer „No Filter!“-Tour. Zweimal noch spielten sie in der Waldbühne, für eine Band dieses Kalibers eher ein Clubkonzert. Am 10. September 1998 mit einer kleinen Ausgabe der „Bridges To Babylon“-Show und am 10. Juni 2014 mit dem Programm „14 On Fire“. Bei „Midnight Rambler“ steuerte Gast Mick Taylor, der die Stones bereits 1975 wieder verlassen hatte, die Gitarrensoli bei.

Diese Band ist ein Phänomen. Mit den Rolling Stones hat die gesellschaftliche Umwälzung der 60er-Jahre begonnen, Dinge, die für Jugendliche heute selbstverständlich sind. Bei einem Konzert mit Mick Jagger (74), Keith Richards (74), Charlie Watts (77) und Ron Wood (71) lässt sich Rockgeschichte live erleben. Hier spielt das Original. Schon 1980 beschrieb das Magazin „Rolling Stone“ die Stones als „die Band, die sich weigert, zu sterben“. Das gilt noch heute. Der Himmel kann warten.

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