Deutsche Oper

Auch Roboter erzählen Tenorwitze

Rolando Villazon verlegt an der Deutschen Oper seine „Fledermaus“ in die Zukunft. Bei der Premiere wird er als Regisseur ausgebuht

Das Raumschiff-Gefängnis der Zukunft: Anstaltsdirektor Frank (Markus Brück, l.) und Robotergehilfe Frosch (Florian Teichtmeister)

Das Raumschiff-Gefängnis der Zukunft: Anstaltsdirektor Frank (Markus Brück, l.) und Robotergehilfe Frosch (Florian Teichtmeister)

Foto: imago/Scherf

Die Premiere der neuen „Fledermaus“ an der Deutschen Oper lässt sich am besten vom Ende her beschreiben. Im großen Premierenjubel für Orchester, Chor und Darsteller betritt Rolando Villazon die Bühne, und ihm als Regisseur schlagen heftige Buhstürme entgegen. Aber der mit Bravos und Buhs vertraute Tenor verbeugt sich und geht. Dann kommt er allein auf die Bühne gestürmt, stellt sich vorn an die Rampe und setzt sich eine rote Clownnase auf. Die Ablehnung wird hörbar schwächer. Als er das dritte Mal die Bühne betritt, sind die Buhs verstummt. Der Mann ist ein Phänomen.

Villazons Temperament ist auf das Haus abgefärbt

Ein bisschen von seiner temperamentvollen Leichtigkeit ist auf die Deutsche Oper abgefärbt. Zweifellos ist die Johann-Strauß-Operette keine leichte Kost für das Opernhaus, dass ansonsten das Schwerste vom Schweren vorführt. Im Orchestergraben sorgt Donald Runnicles für fließenden Wohlklang und begleitet sorgsam die Sänger auf der riesigen Bühne. Manchmal werden sie auch einfach überdeckt. Insgesamt möchte man ans Orchester appellieren, doch auch einmal alle Fünfe gerade sein zu lassen und einen Hauch von Wiener Schmäh zuzulassen.

Bereits seit der Wiener Uraufführung 1874 ist man sich einig, dass die verwickelte Fledermausstory um Seitensprung und Rache unbefriedigend, dafür die Musik umso sprühender ist. Immer wieder wird der Hintersinn und die Sozialkritik der Operette beschworen, die es freizulegen gilt, aber wenn sich Berliner Regisseure wie Frank Castorf (in Hamburg) oder Hans Neuenfels (in Salzburg) auf Sex- und Gewalt-Abgründe einlassen, ist das Publikum unzufrieden. Rolando Villazon wählt als Frohnatur den geraden Weg der gefälligen Situationskomik. Gefängnisdirektor Frank bekommt bei ihm sogar einen Tenorwitz erzählt. Ein Tenor kommt in die Bibliothek und bestellt sich Pizza und ein Glas Wein. Ein Angestellter sagt ihm, er sei in einer Bibliothek. Daraufhin flüstert der Tenor, er hätte gerne Pizza und ein Glas Wein.

Orlofskys Ball findet in Ost-Berlin der 50er-Jahre statt

Eigentlich macht Villazon alles richtig: Er führt eine klare Geschichte vor, seine Sänger können sich entfalten, es gibt ausgefeilte Massenszenen und das Publikum hat einiges zu lachen. Villazon setzt bei seiner „Fledermaus“ auf die Drehbühne. Der erste Aufzug zeigt ein bürgerliches Wohnzimmer Ende des 19. Jahrhunderts. Etwas weitergedreht erscheint ein schmuddliger Kellerclub mit Sputnik-Bildern. Prinz Orlofskys Ball soll im Ost-Berlin der 50er-Jahre spielen, oder in dem, was sich der in Paris lebende Mexikaner Villazon darunter vorstellt. Es ist eine Ostblock-Welt voller Operetten-Uniformen, unter denen man gern Strapse trägt. Der dritte Aufzug offenbart das Gefängnis als etwas desolate Raumstation.

Die Operetten-Odyssee erinnert an Kubricks Kultfilm

Gespielt wird nicht nur Johann Strauß, sondern auch Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“. Es gibt Anspielungen auf Stanley Kubricks Kultfilm „2001: Odyssee im Weltraum“. Geklammert wird die Zeitreise durch einen Running Gag: In Reih und Glied marschieren Affe, Menschenaffe und Neandertaler über die Bühne.

Die Sänger haben es bei Villazon erwartungsgemäß gut, er lässt sie oft an der Rampe agieren und gibt ihnen Vorlagen, sich zu exaltieren. Sopranistin Annette Dasch hat die am schönsten geführte Stimme im Ensemble, ist aber für die Rosalinde von Eisenstein darstellerisch schon zu chic, zu stark, zu abgeklärt. Das Csardaslied „Klänge der Heimat“ verträgt mehr Überzeichnung. Ihr umtriebiger Ehemann Gabriel wird von Thomas Blondelle als Allerweltstyp verkörpert, und genau genommen sind Eisenstein und der sufffreudige Gefängnisdirektor Frank (Markus Brück) das komödiantische Traumpaar. Beide haben keine Angst vor Verrenkungen des Leibes und der Stimme. Ihre beim Maskenball erzwungene Französisch-Konversation, die mit Wortbrocken jongliert und bei „Macron“ endet, ist urkomisch. Mit dem Gesangslehrer Alfred hat Villazon sein Alter Ego auf die Bühne gebracht, Enea Scala ist ein Schmachttenor, der andauernd verführen und leiden muss.

Gefängnisdiener Frosch ist ein Roboter mit Softwarefehler

Kammerzofe Adele ist die sensationelle Entdeckung des Abends: Die zierliche Puertorikanerin Meechot Marrero, Stipendiatin des Opernhauses, beweist als bezaubernde „Unschuld vom Lande“ nicht nur ihr Schauspiel-, sondern auch ihr Singtalent. Der Operette hat es noch nie geschadet, Gefühle zu zeigen, selbst wenn sie am Ende weggekiekst werden.

Angela Brower schlüpft in die Militärhosen des Prinzen Orlofsky, sie sind ihr zu weit und unglamurös. Schauspieler Florian Teichtmeister spielt den liebenswürdigen Gefängnisdiener Frosch, einen Roboter mit Softwarefehler. Es ist eine gewagt tiefsinnige Dystopie über die Zukunft des Menschseins. Sie hat Villazon wohl die Buhs eingebracht. Ungeachtet dessen: Diese „Fledermaus“ schmückt den Spielplan.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 34384343 Termine: 1., 5., 8., 29. Mai, 3. und 8. Juni