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Die Berliner Orchester tragen gern Schwarz

In Berliner Klangkörpern gelten klare Kleiderregeln. Sie sollen helfen, alles zu vermeiden, was von der Musik ablenkt.

Extravaganzen sind Solisten vorbehalten, für Orchestermusiker gilt ein strenger Dresscode

Extravaganzen sind Solisten vorbehalten, für Orchestermusiker gilt ein strenger Dresscode

Foto: Kai Bienert / MUTESOUVENIR | KAI BIENERT

Ihre Kreativität brauchen Orchestermusiker manchmal auch, wenn es um geplatzte Nähte, vergessene Fliegen oder Lackschuhe geht. „Erst vor wenigen Wochen wurde ich von einem Kollegen gefragt, ob ich ihm schwarze Schuhe leihen könnte, weil er in Turnschuhen dastand“, sagt Ulrich Knörzer, Bratschist bei den Berliner Philharmonikern. Ein Musiker aus dem Konzerthausorchester versuchte in derselben Situation, seine schwarzen Strümpfe über die Straßenschuhe zu ziehen. Das funktionierte nicht, daher saß er am Ende in Socken auf der Bühne.

In Orchestern kursieren viele Geschichten über Instrumente, die an Knöpfen hängen bleiben und junge weibliche Aushilfen, die in höher und höher rutschenden Miniröcken auftreten. Im Orchester der Deutschen Oper Berlin erzählt man sich noch heute die 30 Jahre alte Geschichte von dem Geiger, der in Gedanken versunken mit der Geige in der Hand, aber ohne seine Frackhose zum Orchestergraben eilte. Man konnte ihn rechtzeitig einfangen.

Schon kleine Abweichungen können zu Ärger führen

Auf der Internetseite der Philharmonie ist die Kleiderordnung klar geregelt: Anzug und Abendgarderobe oder Jeans und T-Shirt – ganz egal. Das gilt allerdings nur für die Konzertbesucher. Auf der Bühne herrschen nach wie vor strenge Sitten. Abends spielen die Herren im Frack mit weißem Hemd, Fliege, Kummerbund, schwarzen Strümpfen und Lackschuhen. Bei Matineen genügt der schwarze Anzug. Die Damen tragen festliches Schwarz, entweder Kleid, Hose oder Rock und Oberteil. Keine Jeans, Shirts, Pullis und Winterstiefel. Arme und Knie sollen bedeckt sein.

Die Grundregeln stehen im Tarifvertrag für die deutschen Kulturorchester und oft auch in den Verträgen der Musiker. Die Geigerin Madeleine Carruzzo von den Berliner Philharmonikern bekam Ärger, als sie es wagte, zwei winzige rote und blaue Blümchen am Oberarm zur Schau zu stellen. Ob Pailletten erlaubt sind und die Musikerinnen ihre Handtaschen mit auf die Bühne nehmen dürfen, ist von Orchester zu Orchester unterschiedlich.

Ausnahmen gibt es immer wieder. Im Konzerthaus spielen die Damen bei den Neujahrskonzerten in bunten Kleidern, in der Deutschen Oper bei der Aids-Gala auch schulterfrei. Im Hochsommer dürfen die Herren bei Open-Air-Gastspielen schon einmal das Jackett über den Stuhl hängen. Eine Dauerausnahme bildet das unsichtbare Orchester der Bayreuther Festspiele. Unter dem Deckel im Graben sitzen die Musiker in Shorts, Sandalen oder wie sie gerade aus dem Freibad kommen.

„Ich glaube daran, dass uns die festliche Kleidung hilft, uns auf die Vorstellung einzustellen. Wenn ich mich umziehe, weiß ich: Jetzt kommt es darauf an. Der Moment ist da, in dem ich alles gebe und keine Ausreden mehr gelten“, meint Kaja Beringer, Geigerin im Orchester der Deutschen Oper. „Der Sinn unserer Kleiderordnung ist es, dass wir als Persönlichkeiten etwas zurücktreten hinter unsere gemeinschaftliche Idee. Wir wollen in festlicher Kleidung Musik machen. Am besten ist es, wenn es dabei nichts Besonderes gibt, das das Publikum ablenkt“, ergänzt der Philharmoniker Ulrich Knörzer. Extravaganzen wie Rollkragenpullover (Karajan), Stiefel (David Garrett) oder 36.000 Kristalle am Kleid (Anna Netrebko) sind Solisten und Dirigenten vorbehalten.

Die Wiener Philharmoniker spielen in einer Art Stresemann-Anzug

Manche Orchester möchten sich mit einer besonderen Uniform von anderen abheben. Bei den Wiener Philharmonikern etwa spielen die Musikerinnen seit fünf Jahren in einer Art Stresemann-Anzug mit schwarzgrauer Nadelstreifenhose, weißem Hemd, grauem Gilet und schwarzem Sakko. „Wir haben auch über eine spezielle Uniform nachgedacht“, sagt die Harfenistin Ronith Mues aus dem Konzerthausorchester. „Das Problem ist die hohe Fluktuation. Wir haben Akademisten für zwei Jahre, von denen man kaum verlangen könnte, sich einen speziellen Konzerthaus-Frack für 1000 oder 1500 Euro anzuschaffen. Außerdem gibt es immer wieder Aushilfen. Wir möchten keine Zweiklassengesellschaft, in der man die Mitglieder des Konzerthausorchesters an ihren Spezialuniformen erkennt und die Aushilfen an den normalen Fräcken.“

Das Aussehen ist für die Musiker nicht unwichtig. Viel wichtiger ist allerdings, dass ihre Kleidung nicht beim Musizieren stört. Posaunisten kaufen ihre Frackjacken gern zwei Nummern größer, weil sie ihren rechten Arm voll ausstrecken können müssen. Schlagwerker können keine glatten Ledersohlen gebrauchen, mit denen sie auf den Paukenpedalen abrutschen.

Ein zu enger Hemdkragen stört beim Atmen. Klappernde Knöpfe lenken ab. Geigerinnen können keine Ketten, Armreifen und keine Ringe an der linken Hand gebrauchen. „Wenn ich etwas Neues kaufe, prüfe ich als Erstes die Bequemlichkeit im Sitzen. Ich brauche einen weiten Rock, da sich wie bei den Cellisten mein Instrument zwischen den Knien befindet“, erklärt die Harfenistin Ronith Mues. „Nagellack ist bei Geigerinnen so unüblich wie Lippenstift bei Bläserinnen“, fügt Kaja Beringer hinzu.

Elastische Stoffe für mehr Beweglichkeit beim Spielen

Beim Baltimore Symphony Orchestra läuft ein interessantes Experiment. Chefdirigentin Marin Alsop hat ihren Musikern von der renommierten Parsons School of Design in New York Konzertkleidung aus elastischen und atmungsaktiven Stoffen entwerfen lassen. Sie sorgen beim Spielen für mehr Beweglichkeit und gutes Klima, orientieren sich aber an den traditionellen Fräcken. Die Designer versetzten die Knopfleiste, damit sie an keinem Instru­ment hängen bleiben und sparten den Rücken der Weste aus, um den Anzug leichter zu machen. Es kann heiß werden im Scheinwerferlicht.

Für Sportler gibt es fast im Jahrestakt immer neue winddichte, thermoregulierende, leichte, strapazierfähige Trikotstoffe. Musiker denken wie Hochleistungssportler über jedes Detail ihrer Technik nach, wie sie den Bogen auf die Saite oder die Lippen an das Mundstück setzen. Sie planen, was sie vor dem Konzert essen und wie lange sie schlafen. Trotzdem spielen sie in engen Fräcken aus warmer Schurwolle wie zu Beethovens Zeiten. Musiker, Desig­ner und Maßschneider könnten sich Gedanken über die Zukunft der Konzertkleidung machen. Denn am Ende zählt in der konkurrenzbewussten Musikwelt jeder noch so kleine Vorteil.

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