Konzertkritik

Caro Emerald bringt die Columbiahalle lässig in Schwingung

In der Columbiahalle holte Sängerin Caro Emerald ihr ausgefallenes Berlin-Konzert nach - und setzte ganz auf die Kraft ihrer Stimme.

Sängerin Caro Emerald

Sängerin Caro Emerald

Foto: dpa Picture-Alliance / / picture alliance / Photoshot

Wer im rechten Block sitzt, hat zu Beginn einfach Pech. Die vollbestuhlte Columbiahalle ist ausverkauft, als die holländische Sängerin Caro Emerald am Sonntagabend ihr Ende vorigen Jahres ausgefallenes Berlin-Konzert nachholt. Mit „The Other Woman“ eröffnet die Retro-Pop-Diva den Abend, hoch droben auf dem Balkon der Columbiahalle. Ihre sechs Musiker stehen auf der Bühne, man hört Caro Emerald singen, nur sehen können sie die, die auf der rechten Seite sitzen, noch nicht.

Was sich aber schon bald ändern wird. Und von wegen Diva. Die dem mondänen Schick der 50er-Jahre verfallene Sängerin steht in einer Art Sporthose, silberglänzender Bluse und Baskenmütze auf der Bühne. Keine Kostümwechsel, keine Showtreppe, keine pompösen Posen. Lässig und natürlich setzt sie ganz auf die Kraft ihrer Stimme und die geradezu unverschämte Eingängigkeit ihrer zwischen Elektro-Swing und Latin-Pop pendelnden Songs.

Eine steile Karriere für die 35-Jährige

Die 35-jährige Sängerin aus Amsterdam hat in den vergangenen sechs Jahren samt Babypause eine steile Karriere hingelegt. Nach einem Jazzgesang-Studium am Conservatorium Amsterdam, das sie 2005 abgeschlossen hatte, landete sie als Gesangscoach bei der niederländischen Version von „Deutschland sucht den Superstar“ und durch Zufall im Studio dreier Produzenten, die ihr Potenzial erkannten.

Mit „Back It Up“ erschien 2009 die erste Single, mit „Deleted Scenes From The Cutting Room Floor“ 2010 das Debütalbum, ein klug durchdachter Mix aus Pop-Jazz, Elektro-Swing, Soundtrack-Anklängen und karibischem Flair. Es wurde mit Dreifach-Platin gekürt. 2013 folgte mit „The Shocking Miss Emerald“ Album Nummer zwei, da hat sie schon längst alle nur erdenklichen Auszeichnungen abgeräumt, vom MTV Music Award über den Echo bis zum Bambi.

Die Songs der beiden Alben bestimmen auch diesen Abend unter dem Titel „The Absolutely Me Tour“. „Ich freue mich so sehr, dass ich heute Abend hier sein kann“, ruft sie zur Begrüßung auf Deutsch in den Saal. Und: „Your so sweet.“ Ihren ersten Hit „Back It Up“ singt sie gleich als drittes Stück des Abends, gefolgt von der neuen pulsierenden Elektro-Swing-Nummer „Quicksand“. Der Sound ist von erstaunlich guter Brillanz, das Bühnenbild bis auf ein paar Projektionen im Hintergrund eher schlicht.

Wie Emerald die Songs mit ihrer jazzgeschulten Stimme veredelt, ist beeindruckend

Man könnte Caro Emerald vorwerfen, dass ihre Songs ein wenig wie am Reißbrett geplant daherkommen. Hier eine Prise Duke Ellington, da ein Schuss Shirley Bassey, ein bisschen Sixties-Agentenfilm-Soundtrack, ein bisschen Twang-Gitarren und Melodien, die so eingängig sind, dass sie einem sofort vertraut vorkommen. Doch wie sie das macht, ist so gewieft wie versiert. Und wie sie die Popsongs mit ihrer jazzgeschulten Stimme veredelt, ist durchaus beeindruckend.

„Lipstick On His Collar“ beispielsweise beschwört Morricone-Atmosphäre mit einem schwelgerischen Intro von Trompeter Ben Cummings und Gitarrist Wieger Hoogendorp. Bei „Dr. Wanna Do“ erweisen sich die beiden Musiker auch noch als fußflinke Eintänzer. Längst hält es auch das Publikum nicht mehr auf den Sitzen. Man fragt sich, weshalb der Saal bei einer solch bewegungsintensiven Musik überhaupt bestuhlt sein muss. Als Reminiszenz an Shirley Bassey gibt es eine Coverversion von „History Repeating“ und für „I Hope He’s Mine“ schultert Keyboarder und Bandleader Stephen Large sogar ein Akkordeon.

Bei „Liquid Lunch“, diesem pumpenden Elektro-Swing-Kracher, ist die ganze Halle auf den Beinen. Die Band ist bestens aufeinander eingespielt. Interessant ist, dass es kein klassisches Schlagzeug gibt. Für die treibenden Grooves sorgt Remon Hubert an Laptops, mit Samples, mit Loops, aber auch mit Live-Percussion und Marima. Saxofonist David Temple und Bassist.

Fast zu hochglanzpoliert für ein Live-Konzert

Jeroen Vierdag kompettieren die routiniert und perfekt agierende Band. Mitunter klingt das Ganze fast zu hochglanzpoliert für ein Live-Konzert.

Und mittendrin die charmante Miss Emerald, die so gar nicht shocking ist, sondern auf sympathische Weise musikverliebt. Was sich auch daran zeigt, wie wunderbar sie Meghan Traynors „All About That Bass“ covert. Mit dem energiegeladenen „Stuck“ geht diese Begegnung mit einer außergewöhnlichen Sängerin zur Neige.

Aber natürlich gibt’s zur Zugabe noch den Klassiker „A Night Like This“, jenen im Fifties-Schlager-Stil gehaltenen Hit, mit dem Caro Emerald auch die deutschen Charts erobert hatte. Und kaum hat sie die Bühne verlassen, sitzt sie hinten in der Halle am Merchandise-Stand und gibt Autogramme auf Poster, Platten und Postkarten. Den Fans ganz nah. Ein Star zum Anfassen.