Premiere

Patrice Cheréaus Oper über die Sehnsucht nach Leben

Stehende Ovationen für Richard Strauss’ „Elektra“: Die Staatsoper zeigt Patrice Chéreaus letzte Operninszenierung.

Die Opernstars Waltraud Meier (Klytämnestra, l.) und Evelyn Herlitzius (Elektra, M.) in Patrice Chéreaus letzter Inszenierung an der Staatsoper

Die Opernstars Waltraud Meier (Klytämnestra, l.) und Evelyn Herlitzius (Elektra, M.) in Patrice Chéreaus letzter Inszenierung an der Staatsoper

Foto: Eventpress Hoensch

Der Wahnsinn findet sich zuerst im Kleingedruckten: Auf dem beigefügten Besetzungszettel dieser von Daniel Barenboim geleiteten Premiere von Richard Strauss’ „Elektra“ findet sich eine Sängerliste, die bis in die Nebenrollen hinein außergewöhnlich bis exquisit ist. Die stehenden Ovationen nach eindreiviertel Stunden Oper sind programmiert. Man hat das Gefühl, einer Aufführung von historischer Größe beizuwohnen. Evelyn Herlitzius, Waltraud Meier und Adrianne Pieczonka verkörpern die drei Frauenhauptrollen und Michael Volle den mordenden Orest. Als alter Diener erscheint Sir Donald McIntyre (82) auf der Bühne im Schiller-Theater, er sang 1976 den Wotan in Patrice Chéreaus „Jahrhundertring“ in Bayreuth. Franz Mazura (92), ebenfalls ein alter Chéreau-Sänger, tappert als Pfleger des Orest über die Bühne. Die Aufzählung bemerkenswerter Sänger ließe sich fortsetzen. Von Jugendwahn kann keine Rede sein. Sie alle gehören zur letzten Produktion von Regisseur Chéreau, der 2013 an Lungenkrebs verstorben ist.

Jürgen Flimm: „Zweifellos der beste Regisseur“

Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm, selbst Regisseur, erinnert vor Beginn das Publikum an Chéreaus Vermächtnis. „Zweifellos der beste Regisseur“, sagt Flimm. Der französische Opern- und Filmregisseur („Die Bartholomäusnacht“, „Intimacy“) hatte in Berlin mit den Proben für die „Elektra“ begonnen. Wenige Monate nach der Premiere beim Festival in Aix-en-Provence war Chéreau mit 68 Jahren gestorben. Inzwischen wurde seine Produktion in Mailand, New York und Helsinki gezeigt, im Dezember zieht sie nach Barcelona weiter. Was Flimm in seiner bewegten Rede nicht erzählt, ist, wie die Beteiligten bei den Proben und Besprechungen den Siech- und Sterbeprozess des Regisseurs miterlebten. Es ist Teil dieser „Elektra“.

Bei Chéreau lief das Abschiednehmen stiller ab als etwa beim Berliner Regisseur Christoph Schlingensief, der 2010 an Lungenkrebs verstarb und in seinen letzten Inszenierungen die Krankenakten, seine Ängste und die Wut über das Sterben öffentlich mitteilte. Diese Art künstlerischer Selbsttherapie gibt es in Chéraus „Elektra“ nicht. Auf den ersten Blick wirkt die Tragödie konventionell gestrickt, nur unterschwellig wird spürbar, dass Cherau bestimmte Dinge stärker betont.

Zartheit einer fernen, unerfüllbaren Hoffnung

Es gibt ihn, den stummen Schrei, die Sehnsucht nach Leben und innerem Frieden, bei dem verfeindete Menschen miteinander reden sollen. All das schwingt an diesem Premierenabend mit. Aber das Familiendrama bleibt in Stein gemeißelt, weshalb das Überraschendste an dieser Produktion vielleicht ist, dass sie bis in den Orchestergraben hinein eine innere Aufgelöstheit offenbart. Daniel Barenboim führt vor, wie vielfältig die Nervenstränge der Oper sind, er betont die Andeutungen an andere Strauss-Stücke, ein bisschen Wagner schwingt mit und natürlich die bissige Moderne. Die Sänger werden von Barenboim auf ihrem Weg durch Abgründe und Träume sorgsam begleitet. Nicht die lauten Töne, sondern die melodiöse Zartheit einer fernen, unerfüllbaren Hoffnung passen zu Chéreaus Vermächtnis. Die Staats­kapelle ist in Hochstimmung, voller Klarheit und zugleich spannungsgeladen und vibrierend. Musikalisch ist der Abend auch ein Breitwanddrama.

Die Abgründe hinter der bürgerlichen Fassade

„Elektra“ war 1909 in Dresden uraufgeführt worden. Die Oper wurde schon kurz darauf in Berlin gezeigt, Richard Strauss war bereits Generalmusikdirektor an der Berliner Hofoper. Sein Librettist Hugo von Hofmannsthal schrieb das Textbuch nach Sophokles. Es hat eine Vorgeschichte: Danach wird der siegreich heimkehrende Agamemnon von seiner Frau Klytämnestra und ihrem Geliebten Ägisth mit einer Axt erschlagen. Elektra, eine Tochter, bringt ihren Bruder Orest in Sicherheit. Er soll die Rache vollziehen. 20 Jahre lang wartet sie auf seine Rückkehr.

Der Vorhang öffnet sich und zeigt einen aufgeräumten, aber düsteren Hinterhof. Richard Peduzzi, Chéreaus langjähriger Bühnenbildner, hat den Palast von Mykene nur angedeutet. Denn Chéreau hat die Handlung ins frühe 20. Jahrhundert verlegt, in die Entstehungszeit der Oper, in der antike Stoffe gern benutzt wurden, um die Abgründe hinter der bürgerlichen Fassade aufzuzeigen. Wo Mord und Totschlag in der feinen Gesellschaft herrschen. Bei Chéreau beginnt alles mit Stille, ritualisiert lässt er die Treppe fegen.

Die Rache macht am Ende niemanden glücklich

Evelyn Herlitzius gestaltet auf atemberaubende Weise die innere Zerrissenheit von Elektra, einer traumatisierten Frau, die von Rache und Selbstmitleid am Leben gehalten wird. Die Sopranistin gehört zu den wenigen Künstlerinnen, bei denen miterlebbar wird, wie körperlich das Singen ist, wie das Exzentrische hervor- und in Apathie zusammenbricht. Das Gegenmodell ist Klytämnestra. Waltraud Meier erscheint nicht als antikes Muttermonster, sondern als edle Bürgersfrau. Eine Verdrängerin, die Elektra ihre kalte Unnahbarkeit entgegen singt. Die Annäherung von Mutter und Tochter misslingt. Adrianne Pieczonka singt die lebenszugewandte Chrysothemis mehr aufbrausend als lyrisch. Der Orest von Michael Volle offenbart sich hingegen fast sinnlich. Er ist ein unprätentiöser Mörder. Aber die Rache macht am Ende niemanden glücklich. Die Morde werden bei Chéreau auf offener Bühne vollzogen. Fast beiläufig tritt der Tod ein. Die Oper geht weiter.