Konzert in Berlin

Suzanne Vega interpretiert sich in der Passionskirche neu

Vor ausverkauftem Haus startete die Sängerin ihre Tour. „Ich liebe diesen Ort“, sagte sie. „Eine Kirche, in der Bier getrunken wird.“

Suzanne Vega auf der Bühne (Archivbild)

Suzanne Vega auf der Bühne (Archivbild)

Foto: picture-alliance/ dpa / picture-alliance/ dpa/ITAR-TASS

Es ist schon eine Weile her, seit sich Suzanne Vega mit Hits wie „Marlene On The Wall“, „Luca“ und vor allem dem A-cappella-Song „Tom’s Diner“, der später von DNA elektronisch aufgepeppt wurde, ins musikalische Popgedächtnis brannte. Doch die New Yorker Sängerin und Songschreiberin mit der warmen, hellen Stimme ging auch nach den 80er-Jahren unbeirrt ihren Weg. In zwei Wochen erscheint mit „Lover, Beloved: Songs from An Evening With Carson McCullers“ ihr neuntes Studioalbum, ein ambitioniertes Projekt, das sie jetzt auf einer Deutschlandtournee vorstellt.

Tourauftakt ist am Freitagabend in Berlin, in der Passionskirche am Marheinekeplatz. Und die ist bis auf den letzten Platz ausverkauft, als Suzanne Vega ins Rampenlicht tritt und mit „Fat Man & Dancing Girl“ von 1992 einen wunderbar anregenden Abend eröffnet. Was auch daran liegt, dass sie ihre Songs immer wieder hinterfragt, neue Arrangements ausprobiert, den alten Liedern neue klangliche Facetten abgewinnt. Dafür hat sie den wasserstoffblonden Gitarristen Gerry Leonard an ihrer Seite, der lange Jahre musikalischer Studio- und Bühnenpartner von David Bowie war.

Gerry Leonard ist ein technisch versierter Instrumentalist, der es versteht, durch basslastige Loops und sphärische Soundeffekte avantgardistische Klanglandschaften zu erschaffen, die sich dennoch elegant in die melodischen Songs von Suzanne Vega einfügen. „Marlene On The Wall“ erklingt gleich als zweites Stück des Abends, Vega schiebt sich keck einen Zylinder bis auf die Stirn, singt die Zeilen ein wenig hastig, Leonard spielt dazu mit sich selbst im Duett. Und gleich darauf gibt es die barjazzig angehaucht Ballade „Caramel“ von 1996. „Ich liebe diesen Ort“, sagt die 57-Jährige zur Begrüßung. „Eine Kirche, in der Bier getrunken wird.“

Es wird richtig rockig, auch ohne Schlagzeuger

Bei „The Queen And The Soldier“ vom 1985 erschienenen Debütalbum wechselt Leonard zur 12-saitigen Akustikgitarre. Bei „Left of Center“ vom „Pretty in Pink“-Soundtrack steigt der Pianist Jason Hart für den Rest des Abends mit ein. Und bei „I Never Wear White“ vom 2014er-Album „Tales from the Realm of the Queen of Pentacles” wird es richtig rockig, auch ohne Schlagzeuger. Keine Frage, Suzanne Vega versteht sich noch immer auf eingängige Songs, in denen sie Geschichten von kleinen Leiden und großen Gefühlen erzählt.

Um es gleich vorweg zu nehmen: natürlich gibt es gegen Ende auch „Luca“ und „Tom’s Diner“, jenes Lied, das als erstes Musikstück überhaupt vom Fraunhofer-Institut ins MP3-Format umgerechnet wurde. Suzanne Vega weiß, was sie ihrem Publikum schuldig ist. Aber sie hat auch ein Anliegen. Die neue Platte „Lover, Beloved“ nämlich, ein Werk, das sie schon seit den 80er-Jahren beschäftigt.

Songs für ein Bühnenstück über die Autorin Carson McCullers

Es sind die Songs für ein Bühnenstück über das turbulente, tragische Leben der amerikanischen Schriftstellerin Carson McCullers, das 2011 in New York Premiere hatte. Die Lieder entstanden gemeinsam mit Tony-Preisträger Duncan Sheik. Im kommenden Jahr soll es eine Neuinszenierung von Suzanne Vegas Stück geben. Carson McCullers schrieb in den 40er-Jahren Romane wie „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ oder „Spiegelbild im goldnen Auge“. Sie stellte mutig den Moralkodex im Nachkriegsamerika auf den Prüfstand, sie heiratete zweimal denselben Mann, sie schrieb über engagierte Frauen, über ausgegrenzte Schwarze, bekannte sich zu ihrer Bisexualität.

So geht es im Song „Annemarie“ um die Affäre McCullers mit der Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach. Das folklastige „We Of Me“ ist inspiriert von dem Roman „The Member of the Wedding“. Und das jazztrunkene „Harper Lee“ ist eine furiose Namedropping-Tirade gegen Kollegin Harper Lee, Autorin von „Wer die Nachtigall stört“, mit der McCullers - wie sie meinte zu Unrecht - immer wieder verglichen wurde. Eine spannende Songkollektion, fernab der Täler des leichten Popsongs. Das Publikum findet mehrheitlich Gefallen daran und holt Suzanne Vega und ihre beiden Mitstreiter mit lautstarkem Applaus gleich mehrfach zu Zugaben zurück auf die Bühne.