Berliner Ensemble

Mit Claus Peymann müssen auch die Schauspieler gehen

Missstimmung am BE: Wenn Claus Peymann als Intendant aufhört, müssen auch alle 35 festangestellten Schauspieler gehen. Ein Treffen.

Das Berliner Ensemble steht vor einem künstlerischen Umbruch. Intendant Claus Peymann geht in seine letzte Saison

Das Berliner Ensemble steht vor einem künstlerischen Umbruch. Intendant Claus Peymann geht in seine letzte Saison

Foto: Reto Klar

Die Umbrüche am Berliner Ensemble, wo Claus Peymann am Ende dieser Saison das Intendantenamt an Oliver Reese weiter gibt, sind einschneidender als bislang angenommen. Verunsicherung und Verärgerung liegen in der Luft. „Im Bereich der Schauspieler bleibt keiner übrig. Alle Verträge enden“, sagt Dirk Meinelt. Die Rede ist von 35 festangestellten Schauspielern. Meinelt, Beleuchter und Betriebsratsvorsitzender, gehört zu jenen, die lieber hinter den Kulissen verhandeln. Aber inzwischen ist er davon überzeugt, „dass kein geregelter Wechsel des Intendanten vollzogen wird“. Er befürchtet, dass die Übergabe aus dem Ruder läuft.

Er habe zwei Intendanzwechsel am BE mitgemacht, sagt Meinelt. 1992 begann das „Fünfer-Direktorium“ (Zadek, Müller, Marquardt, Palitzsch, Langhoff), 1999 übernahm Claus Peymann. Meinelt könnte sofort fünf, sechs Schauspieler nennen, die beide Wechsel mitvollzogen haben. „Das hat es hier noch nie gegeben, dass das komplette Ensemble rausgeschmissen wird“, so Meinelt. „Was in der Theaterlandschaft heute leider üblich ist“, fügt Boris Jacoby hinzu. Er gehört zu den 35 betroffenen Schauspielern und bemüht sich im Gespräch, seine Missstimmung zu zügeln.

„Das Bestehende muss auf den Müll“

„Die Schauspieler sind keine Opfer, aber wir wollen mit Respekt verabschiedet werden“, sagt er: „Es ist nicht die Frage, dass es endet, sondern wie es endet.“ Fakt sei, dass „Herr Reese, der das Haus übernimmt, unter einem gewissen Profilierungsdruck steht. Deshalb wird der sichtbare künstlerische Bereich einfach abge­wickelt. Das Bestehende muss auf den Müll“. Peymann-Schauspieler Jacoby spielt seit 18 Jahren am Berliner Ensemble, verweist stolz auf 48 Produktionen. Jeden zweiten Tag stehe er auf der Bühne, dieses Theater sei seine künstlerische Heimat. Aber genau diese Präsenz sei jetzt das Verhängnis. „Die Art und Weise, wie das alles jetzt passiert, ist verletzend“, sagt Jacoby.

„Kein Schauspieler hat ein Angebot bekommen“, sagt Meinelt. Inzwischen wurde ein Sozialplan erarbeitet, rund eine Million Euro werden die Abfindungen kosten. Stillschweigend wolle man sich nicht abschieben lassen. Es drohe eine Klagewelle, sagt Meinelt. Am kommenden Freitag findet das nächste Gespräch mit Kulturstaats­sekretär Tim Renner über die Finanzierung statt.

Drei Inspizienten und eine Souffleuse bleiben im Haus

Theater sind komplizierte, arbeitsteilige Gebilde, es herrschen unterschiedliche Vertragsverhältnisse. Der nichtkünstlerische Bereich, zu dem etwa die Techniker gehören, ist arbeitsrechtlich besser geschützt. Diese 120 Mitarbeiter werden übernommen, sagt Meinelt. Oliver Reese hat zugesagt, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen geben soll. Im künstlerischen Bereich ist die Rechtslage anders, es gibt befristete Verträge, auch, weil neue Intendanten die Möglichkeit haben müssen, ihre eigenen Künstler mitzubringen.

Am BE gibt es derzeit 78 Beschäftigte im künstlerischen Bereich. Etwa zehn werden von Reese übernommen, so Meinelt. Rainer Manja ist einer von ihnen. Die drei Inspizienten, zu denen er gehört, haben Vertragsangebote. Und auch eine Souffleuse. Inspizient Manja wirkt im Gespräch deutlich gelassener. Er glaubt, dass auch Claus Peymann von der Entwicklung überrollt wurde. Der Intendant wird am heutigen Mittwoch seine letzte Jahrespressekonferenz abhalten. Man erwartet einen weiteren kulturpolitischen Rundumschlag des Theatermachers.

Ängste rund um die Figur von Claus Peymann

Aber auch um die Figur Peymann ranken sich einige der Ängste, die im Berliner Ensemble umgehen. Peymann ist Gesellschafter einer Privat-GmbH, mit der das Theater betrieben wird. Behält er seine Anteile, wäre die Situation vergleichbar mit der von Jürgen Schitthelm an der Schaubühne. Am BE müssten dann die Verhältnisse zwischen dem alten und dem neuen Intendanten geklärt sein. Oder übergibt Peymann seine Anteile? Man weiß es nicht. Reese wiederum hatte geäußert, lieber eine landeseigene GmbH betreiben zu wollen. Bei einem Wechsel gilt ein anderer Kündigungsschutz. Die Sorge gehe unter den 120 Mitarbeitern im nichtkünstlerischen Bereich um.

Die Schauspieler treiben andere Dinge um. „Die Stimmungslage hat auch damit zu tun, dass Claus Peymann, wenn er das BE verlässt, kein neues Haus mehr übernimmt“, sagt Jacoby: „Das Karussell dreht sich nicht mehr weiter, er hat keine Chance, den Leuten irgendwo Arbeit zu geben.“

Müller hält es für „keinen großen Aufreger“

Dass man sich jetzt in die Öffentlichkeit begibt, hat einen konkreten Auslöser. In der vergangenen Woche hat Michael Müller (SPD) als Regierender Bürgermeister und Kultursenator bei der letzten Fragestunde im Abgeordnetenhaus in Sachen BE davon gesprochen, dass es „kein großer Aufreger“ sei. Müller sprach von Gerüchten, ging von niedrigeren Zahlen aus, auch, weil die Gespräche mit Oliver Reese erst noch stattfinden.

Die Gespräche mit den Künstlern haben bereits stattgefunden, heißt es im Betriebsrat. „Es war ein Gespräch unter der Prämisse der Bedeutungslosigkeit“, sagt Jacoby. Bereits zum Ende der vergangenen Saison hat sich ein knappes Dutzend Schauspieler verabschiedet und ist in andere Engagements gewechselt.