Pressekonferenz

Chefwechsel beim Staatsballett Berlin

Der Vertrag des Intendanten Nacho Duato wird nicht verlängert. Am Mittwoch will Michael Müller im Rathaus die Nachfolge vorstellen.

Nacho Duato ist seit August 2014 Intendant des Staatsballetts Berlin

Nacho Duato ist seit August 2014 Intendant des Staatsballetts Berlin

Foto: Amin Akhtar

Das Staatsballett Berlin kommt nicht zur Ruhe. Jahrelang wurde der Führungsstil des russischen Tanzstars Vladimir Malakhov kritisiert, vor zwei Jahren kam der spanische Choreograf Nacho Duato auf den Chefposten. Aber die Kritiker sind seither nicht verstummt. Am heutigen Mittwoch will der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) auf einer Pressekonferenz – Titel "Pressekonferenz zu aktuellen Entwicklungen beim Staatsballett Berlin" – erzählen, wie er sich die Zeit nach Duarto vorstellt. Ein Nachfolgerwechsel steht ins Haus.

Nacho Duato (59) bereitet gerade das Ensemble auf seine dritte Spielzeit vor. Als erste Vorstellung wird am 11. September Duatos "Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere" in der Komischen Oper sein. Und der Choreograf probt gerade den "Nussknacker", dessen Premiere am 7. Oktober in der Deutschen Oper stattfinden wird. In seiner Inszenierung wird sich kurz darauf seine neue Vorzeige-Primaballerina Ksenia Ovsyanick präsentieren. Das Staatsballett ist gegenwärtig auf heile Welt und Duato eingestellt.

Voodoo-Puppe der Berliner Ballett- und Tanzszene

Es täuscht darüber hinweg, dass der Ballettintendant einen denkbar schweren Einstieg hatte. Bereits bei seiner Verkündigungspressekonferenz im Februar 2013 schlug Nacho Duato heftige Ablehnung einiger Tanzkritiker entgegen. Zu dem Zeitpunkt war Duato noch künstlerischer Leiter des Balletts im Mikhailovsky-Theater in Sankt Petersburg. Dem damaligen Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz und seinem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wurde daraufhin vorgeworfen, fahrlässig mit dieser wichtigen Personalie umgegangen zu sein. Der stellvertretenden Ballett-Intendantin Christiane Theobald wurde nachgesagt, die Fäden gezogen zu haben. Die freie Tanzszene, die immer findet, dass das klassische Ballett zu viel Geld bekomme, revoltierte.

Und nicht zuletzt war die seinerzeit einflussreiche Sasha-Waltz-Fraktion enttäuscht. Denn zwischenzeitlich wurde die Berliner Choreografin zumindest als Ko-Intendantin gehandelt. Das erledigte sich mit Duatos Vorstellung als neuem Chef. Damit wurde das Modell, wonach das Staatsballett gleichrangig aus einer klassischen und einer modernen Compagnie bestehen könnte, zu den Akten gelegt. Ganz am Ende wurde sogar Sasha Waltz von der Kulturpolitik fallen gelassen. Nacho Duato avancierte unfreiwillig zur Voodoo-Puppe der Berliner Ballett- und Tanzszene.

Seine Kritiker werfen ihm Desinteresse vor

Duato selbst gibt sich gern cool, wenn es um die ganzen Anfeindungen in Berlin geht. Er sei das aus Spanien gewohnt, wo er die Compañía Nacional de Danza leitete. Seine Kritiker werfen ihm Desinteresse vor. Duato scheint etwas beratungsresistent zu sein, was wohl seine größte Schwäche ist. Im Gegensatz zu Malakhov, der sich als Tanzstar am liebsten selber auf der Bühne gesehen hatte, bis ihn viele nicht mehr wollten, versucht sich Duato ein Repertoire mit eigenen Stücken aufzubauen. Zunächst mit Übernahmen älterer Produktionen, was ihm gleich wieder angelastet wurde.

In der letzten Saison erreichte das Staatsballett eine Auslastung von 77 Prozent. Man nennt es solide. Die Klassiker "Schwanensee", "Der Nussknacker", "Giselle" oder "Romeo und Julia" strebten die 100-Prozent-Marke der Auslastung an. Aber das Heile-Welt-Ballett ist nicht Duatos Herzblut. Unter den drei Premieren der Spielzeit – "Duato/Kylián/Naharin", "Herrumbre" und "Jewels" – war "Jewels" die erfolgreichste mit 88 Prozent Auslastung. Der Rest lag deutlich darunter.

Beim Streik stellte sich der Intendant hinter seine Tänzer

Die Berliner Kulturpolitik geriet mit Nacho Duato eigentlich erst aneinander, als der sich in den Streikzeiten des Staatsballetts öffentlich hinter seine Tänzer stellte. Bei dem Spanier war auch ein wenig Ahnungslosigkeit über die politischen Gepflogenheiten in Deutschland mit im Spiel. Denn schnell war allen Beteiligten klar, dass die Situation der Tänzer nachgebessert werden müsste. Aber dass sich die Tänzer als Vertretung Verdi anstelle der üblichen kleinen Künstlergewerkschaften ausgesucht hatten, stieß innerhalb der Berliner Opernstiftung und der Kulturverwaltung auf Entsetzen. Hinter den Kulissen sollen Fetzen geflogen sein. Intendant Duato und sein Geschäftsführer Georg Vierthaler, der zugleich Generaldirektor der Opernstiftung ist, wurden zu Kontrahenten.

In der Streikzeit waren acht Vorstellungen in den drei Opernhäusern ausgefallen, das Berliner Publikum stand verärgert vor verschlossenen Türen, und das Staatsballett hatte Hunderttausende Euro Verlust zu verbuchen. Das Staatsballett hat in der vergangenen Spielzeit seinen eigenen Hausvertrag bekommen. Verdi hat ihn auch unterschrieben, die Öffentlichkeit wurde davon nicht weiter unterrichtet. In der Politik wurden seinerzeit die Stimmen lauter, die einen Intendantenwechsel forderten. Duatos Fünf-Jahres-Vertrag endet offiziell 2019. Aber alles ist verhandelbar.

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