Theater

„Shadowland 2“ bringt Neues aus dem Reich der Schatten

Die Modern Dance Company Pilobolus bereitet sich auf die Premiere von „Shadowland 2“ vor. Ein Blick hinter die Kulissen in Connecticut

Foto: John Kane / BM

Es ist eine faszinierende Mischung aus Tanztheater, Schattenspiel, Akrobatik und Popmusik. Wenn die aus den USA stammende Modern Dance Company Pilobolus ab Dienstag im Admiralspalast ihre neue Produktion „Shadowland 2“ aufführt, geht es wieder zurück in das Reich der Schatten. Die kleine Company ist außerhalb der Tanzwelt bekannt geworden, seit sie 2006 als erste Schattenarbeit in einem Auto-Werbespot den neuen Hyundai aus Menschenkörpern formte. Im Jahr darauf schufen sie bei der Oscar-Verleihung aus schattenhaften Menschenknäuel Bilder der damals nominierten Filme. Ihre Bühnenproduktion „Shadowland“, die an der Komischen Oper lief, war ein Riesenerfolg.

Für die Fortsetzung war ein Probenbesuch in Torrington in Connecticut möglich. In dieser Kleinstadt mit nur 36.000 Einwohnern liefen im „Warner Theater“ zwei Testaufführungen von „Shadowland 2“. Mit dabei waren nicht nur Friends & Family von Pilobolus, sondern auch Bewohner der Stadt.

Zuerst werden Pappkartons auf die Bühne gestellt

Im neuen Stück werden zunächst kistenartige Pappkartons auf die Bühne gestellt. In blauen Overalls fliegen die Tänzer und Tänzerinnen über die Bühne, bauen eine Mauer aus diesen Kisten auf. Aber der Tanz macht nur die Hälfte dieser 90 Minuten langen Performance aus. Hinter zwei Leinwänden, die mit Spots oder manchmal nur Taschenlampen angeleuchtet werden, entstehen magische Schattenspiele. Man fühlt sich zurückversetzt in eine Zeit des Jahrmarkts, der Laterna Magica. Zwei Liebhaber treffen auf einen Vogel Strauss, den man nur als Schattenspiel sieht. Er symbolisiert die Freiheit und Fantasie, die permanent bedroht wird. Vor der Bühne tanzen Angestellte einer Fabrik um die Frage „Was passiert, wenn man diese Kisten öffnet?“

In Torrington spielte man das Stück zum ersten Mal komplett durch. Danach begann für die Kreativen um den Produzenten Itamar Kubovy und sein Team aus Regisseuren, Choreografen, dem Autor Steven Banks und den Musiker David Poe die Feinarbeit. Sie waren alle nach Torrington gekommen und erlaubten einen Tag später in ihrem Büro im Städtchen Washington Depot auch in Connecticut einen weiteren Blick in das Innerste von Pilobolus.

Itamar Kubovy unterrichtete an der Berliner Schauspielschule

Aber warum feiert man die Weltpremiere in der deutschen Hauptstadt? Itamar Kubovy, der Endvierziger und charismatische Executive Producer, hat dafür eine schlüssige Erklärung: „,Shadowland‘ hat sich erst in Deutschland so entwickelt, in Berlin so richtig zu sich gefunden. Und auf eine gewisse Weise ist die Show dort zu Hause, so als hätte man ein Kind in Europa.“

Itamar Kubovy ist gebürtiger Israeli, der im Alter von nur drei Jahren mit seinen Eltern, zwei Akademikern, in die USA kam. Nach dem Mauerfall verschlug es ihn 1991 erstmalig nach Berlin. An der „Ernst Busch“-Hochschule für Schauspielkunst unterrichtete er damals einige Semester. Dabei lernte er, sagt er, viel über den Osten, den Westen und überhaupt über Deutschland. Besonders schätzen lernte er in dieser Zeit die deutsche Diskussionskultur, die Art, alles zu hinterfragen in einem künstlerischen Prozess. Denn genauso entstehen auch die „Shadowland“-Stücke.

Bei den „Shadowland“-Projekten gibt es lange kein wirkliches Drehbuch. Choreografen, Produzenten, Tänzer bringen sich in den langen Proben ein. Das Stück entsteht dann wirklich als Teamwork. Der Musiker David Poe steuert die eingängigen Popsongs bei, die viel mehr sind als nur nette Untermalung des Getanzten vor und hinter der Leinwand. Und nicht nur als Berliner denkt man dabei an Pink Floyds „The Wall“. David Poe, der bereits Filmmusik geschrieben hat, nimmt es als Kompliment: „In ,The Wall‘ ging es um die psychologischen Folgen auf Menschen und ihre Bedrücktheit nach dem Krieg. Hier und heute sind es Riesenkonzerne, die uns unterdrücken.“ Es geht den Machern also in „Shadowland“ nicht nur um pure Unterhaltung, sondern sie kritisieren im Stück das Denken in Schubladen. Der Choreograf Matt Kent vergleicht das mit unserer Abhängigkeit von Smartphones: „Damit nehmen wir die Realität auf, die wir dann im Handy wie in einer kleinen Kiste wieder verstecken.“

Die Show ist in Berlin erwachsen geworden

„Shadowland 2“ ist viel erwachsener geworden als die erste Show, auch wenn man immer noch Kinder mitnehmen kann, findet Steven Banks. Mit ihm holte man sich einen Autor, der zuvor vier Staffeln lang an der US-Erfolgsshow „Sponge Bob“ gearbeitet hatte. Und für alle, die sich immer noch nicht genau vorstellen können, was sie erwartet, präzisiert Banks: „Wenn Sie ,Shadowland‘ nie vorher gesehen haben, entdecken Sie diese Mischung aus Tanz, Theater, Akrobatik, Zirkus, Rock, Pop, Disco, elektronischer und klassischer Musik.“

Weil es keine Dialoge und keine Sprache gibt, haben die Shadowland-Stücke etwas Universelles, das auch an das frühe Stummfilmkino erinnert. Damals musste man das Publikum mit Bildern packen und stumm war es auch nie. Die Klavier- oder Orchestermusik von einst wird heute durch die Ohrwürmer von David Poe ersetzt. Am Donnerstag ist in Berlin die Weltpremiere. Itamar Kubovy bringt es auf den Punkt: „Auf eine schöne Art hat unsere Welt der Schatten ihr Zuhause in Berlin.“

Admiralspalast, Friedrichstr. 101–102, Mitte. Tel. 47997477 Vom 26. bis 31. Juli.
Premiere ist am 28. Juli