Berliner Politik

Chris Dercon verteidigt sich

Beim Rathaus-Dialog treffen sich die neuen Kulturmacher Berlins. Vor allem der künftige Volksbühnenchef Chris Dercon ist gefragt

Diskussion im Rathaus:

Diskussion im Rathaus:

Foto: Amin Akhtar

Als im Berliner Rathaus nach anderthalb Stunden Diskussion das Publikum nach draußen strömt, bleibt Matthias Schulz als einer der Letzten im Festsaal zurück. Der designierte Intendant der Staatsoper saß gerade als einer der neuen Vorzeige-Chefs mit auf dem Podium, er ist jetzt seit März in der Stadt. Schulz wirkt etwas nachdenklich. Es sei schon merkwürdig, sagt der aus Salzburg kommende Intendant, wenn man von außen auf die Stadt schaut, dann sei Berlin für alle ein riesiger Sehnsuchtsort. Und dann blickt Schulz auf das leere Podium, wo gerade leidenschaftlich polemisiert wurde, und zuckt kurz mit den Achseln.

Der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller hatte am Donnerstag zum Berliner Rathaus-Dialog eingeladen. Unter dem technokratisch-spröden Titel „Die Zukunft der Kulturmetropole Berlin“ stellten sich drei der künftigen Kulturmacher vor: Chris Dercon, der 2017 die Volksbühne übernimmt, Paul Spies, der als Direktor des Stadtmuseums am Montag seinen Masterplan für die Berlin-Präsenz im Humboldt-Forum und fürs Stadtmuseum vorstellte, Matthias Schulz, der bereits die Planungen für die sanierte Staatsoper Unter den Linden 2018 macht. Mit auf dem Podium saß Annemie Vanackere, die bereits seit 2012 das Hebbel am Ufer (HAU) leitet und insofern aus der Rolle fällt, weil sie genügend Berliner Innenansichten gesammelt hat und pragmatisch argumentieren kann. Denn der eigentliche Zauber dieser Talkrunde besteht in einem Widerspruch, nämlich dass alle neuen Leiter noch den Sehnsuchtsort beschwören, ihre Traumschlösser bauen und zugleich gerade dabei sind, in der Realität zu landen. Und das auf ganz individuelle Weise, in Zustimmung oder in heftiger Ablehnung.

Bereits im September will Dercon erste Pläne vorstellen

„Es wird nicht nur um die Volksbühne gehen“, versichert Moderatorin Katja Schlesinger (Deutschlandradio) zu Beginn. Es kommt natürlich anders, weil die Neugierde auf den umstrittenen Volksbühnen-Chef am größten ist. Gefühlt nimmt sich Dercon an diesem Abend 50 Prozent der Redezeit, 40 Prozent zieht Annemie Vanackere an sich, wobei sie regelmäßig von Dercon unterbrochen wird. Spies und der deutlich schweigsamere Schulz teilen sich den Rest. Immerhin gibt es eine kleine News, die beiläufig zeigt, wie sehr Dercon unter Druck stehen muss. Bereits im September, wahrscheinlich erst gegen Ende des Monats, will er erste Details zum Volksbühnen-Programm auf dem Flughafen Tempelhof verkünden. Es geht um den Hangar 1. Dercon will den Ort und Flüchtlinge, die dort auf dem Gelände untergebracht sind, mit einbinden. Ansonsten hält er aber daran fest, sein Programm für die Volksbühne erst im April oder Mai vorzustellen.

Das aber ist der eigentliche Streitpunkt. Viele wollen wissen, was er mit dem Traditionstheater nach Frank Castorf vor hat. Dercon ist als Kunstmanager in München und London hoch geschätzt, wird aber als Theatermann in Berlin angezweifelt. In dieser Runde zeigt sich Dercon eloquent und angriffslustig. Er wählt eine überraschende Vorwärtsverteidigung. „Wir sind die Hauptstadt des Sprechtheaters“, erklärt er. Überall, wo man hinkäme, in die Stiftung, die Büros der Parteien, hierher ins Rathaus, ins Haus der Kulturen der Welt, in die Schaubühne oder in die Volksbühne, überall gäbe es eine Menge Sprechtheater. Dann präzisiert er den Begriff in Sprechdenktheater, weil es ein Theater der Theorien ist.

Das bunte künstlerische Miteinander wird beschworen

Die Welt ist also eine Bühne und alle Menschen Schauspieler. Das ist – frei nach Shakespeare – eine beliebte Plattitüde auch bei Kulturschaffenden. Aber möglicherweise verbirgt sich für Dercon dahinter eine fundamentale Kritik am derzeit praktizierten Theaterbetrieb, der seit Jahren lustvoll seine Klassiker zerhackt und gegenwärtig dabei ist, sich zu politisieren. Es wäre an der Zeit, dass Dercon sich einmal zu seiner Theatertheorie äußert. In dieser Runde ist nur zu erfahren, dass „wir eine Öffentlichkeit kreieren“, so Dercon, „wo unterschiedliche Disziplinen aufeinander reagieren können“.

Er habe es nicht bereut, nach Berlin kommen zu wollen, sagt Dercon auf eine Frage. Gekonnt lobt er sein Vorbereitungsteam und das an der Volksbühne. Dann macht er sich noch ein wenig lustig über die Angriffe auf ihn. Er, der gebürtige Belgier, hätte neue Termini gelernt wie neoliberaler Präsentationswahnsinn oder Eventschuppen. Es hat ihn also getroffen.

Das bunte künstlerische Miteinander beschwört auch der niederländische Museumschef Paul Spies. Er schätzt das kreative Chaos in Berlin, weniger die Bürokratie, an der er sich bereits reibt. Für den Standort Marinehaus wünscht sich Spies mehr Bürgerbeteiligung. Es klingt irgendwie nach einem Eventschuppen. Als Matthias Schulz gefragt wird, versichert der sofort, er wolle nur Oper und nichts anderes machen. Irgendwie fällt er aus der Runde. Er wollte gar nicht so konservativ wirken, sagt Schulz beim Hinausgehen. Aber es musste wohl sein.