Digitale Opernwelt

Oper auf allen Kanälen

Die New Yorker Met war Vorreiter bei den Kinoübertragungen. Auch an Berliner Opernhäusern wird über digitale Produktionen nachgedacht

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Live im Kino, unterwegs auf dem Laptop oder bequem vor dem Smart-TV: Der Opernbetrieb sucht nach neuen Kanälen. Die digitalen Möglichkeiten stellen nicht nur Fragen an Zuschauer und Künstler, sondern auch an die Veranstalter. HD-Übertragung oder ­Stream? Schnelle Schnitte oder Standbild? Mit oder ohne Zahlungspflicht? Ob man sich für die eine oder andere Option entscheidet, digitale Vertriebsformen sind mittlerweile Pflicht für ein großes Opernhaus, das sich auf dem internationalen Markt positionieren will. Aber das Geschäftsmodell ist immer noch in der Entwicklung.

Mit der "Live in HD"-Serie bahnte Peter Gelb, Generaldirektor der Metropolitan Opera in New York, im Jahr 2006 den Weg. Die Übertragungen sollten nicht nur als Werbetool dienen, sondern auch als eine neue Art, das Publikum zu gewinnen. Inzwischen können Zuschauer in 70 Ländern Stars wie Anna Netrebko und Jonas Kaufmann mit Popcorn in der Hand erleben. Deutschland und Österreich bilden den größten Markt nach den Vereinigten Staaten. In der vergangenen Saison wurden 2,6 Millionen Kinokarten verkauft. Und dass, obwohl Opernhäuser vom Moskauer Bolschoi bis hin zum Royal Opera House in London inzwischen mit ihren eigenen Kinoübertragungen Konkurrenz machen.

Die Kinoübertragungen erreichen das Kennerpublikum

Laut Studien, die in den USA und in Großbritannien gemacht wurden, zieht das Medium vor allem Kenner und weniger das anvisierte Neupublikum an. Mehr noch: Als bekannt wurde, dass die Met mit einer Auslastung von nur 66 Prozent in der Saison 2015/16 rechne, tauchte sofort die Sorge auf, dass die Übertragungen zum Ersatzerlebnis werden. Schon 2013 hatte die "New York Times" gefragt, ob Opernliebhaber in der Umgebung von Manhattan sich nicht an "die Bequemlichkeit und die Erschwinglichkeit" der Aufführungen in ihren lokalen Kinos gewöhnen würden?

Peter Gelb betont bei einem Gespräch im Hotel "Adlon", dass mit oder ohne HDs die Met Probleme hätte, ihre 3800 Sitzplätze zu füllen. Zum Vergleich: Das größte der drei Berliner Opernhäuser, die Deutsche Oper, verfügt über gut 1800 Plätze. Dass das Interesse an der Klassik und der Oper, so Gelb, wegen eines Rückgangs an öffentlicher Förderung und mangelnder Musikerziehung in den Schulen in den USA nachlässt, sei tatsächlich nicht zu verleugnen. "Die HDs sind weder die Lösung noch das Problem, was den Publikumsschwund betrifft", sagt Gelb. "Das heißt nicht, dass wir uns hinlegen und damit sterben sollten. Wir müssen aktiver sein als je, um die Oper an das Publikum heranzubringen." Ob die HDs einen Zuschauer reizen, anschließend vor Ort im Opernhaus eine Aufführung erleben zu wollen, bleibt unklar. Die Met führt gerade eine Umfrage durch. Gelb wartet auf die Ergebnisse. "Wir wissen bereits, dass einige lokale Zuschauer dieselbe Oper besuchen", sagt er. "Wir wissen auch, dass sehr alte Besucher nicht mehr ins Opernhaus kommen – was für uns nicht hilfreich ist. Auf der anderen Seite haben die Übertragungen ihr Leben als Opernbesucher erweitert." Die HDs werden auch als "educational tool" in Schulen eingesetzt. DVDs werden produziert. Über den Streaming­kanal "Met on Demand" stehen alle 99 bis jetzt verfilmten HD-Produktionen sowie alte Verfilmungen und Radioübertragungen per Bezahlabo zur Verfügung.

Seit dieser Saison wird auch von Berlin aus der digitale Opernmarkt bedient. Die Komische Oper bot im Oktober zunächst auf der eigenen Homepage, ab Januar dann auf der EU-subventionierten Opera Platform ihre Live-Streams ausgewählter Produktionen an.

Komische Oper versteht Live-Streams als Werbung

Dennoch bleibt das Medium für Intendant Barrie Kosky nicht mehr als "eine dreistündige Werbung", welche Teil "einer kontrollierbaren Marketingstrategie" bilde. "Ich glaube nicht, dass die Zukunft der Oper darin liegen kann oder soll, die Oper ins Kino zu verwandeln", sagt Kosky, der auch Regisseur ist. "Die Oper sollte durch angemessene Kartenpreise zugänglich sein. Schlussendlich kann man die Freude und Aufregung nicht ersetzen, im selben Raum zu sitzen mit der Person, die den Klang produziert."

Im Gegensatz zur Met, welche in dieser Saison über zehn Produktionen ausstrahlte, will die Komische Oper nicht mehr als drei Aufführungen pro Saison kostenlos zugänglich machen. Es wurde bereits nachgewiesen, dass in die Streamingprodukte oft nur hineingeschnuppert wird. Koskys eigene "Eugen Onegin"-Produktion im Januar hatten sich rund 5000 Live-Zuschauer durchschnittlich 20 bis 25 Minuten lang angeschaut.

Matthias Schulz, der designierte Intendant der Berliner Staatsoper, war früher für Medienproduktionen bei den Salzburger Festspielen zuständig. Er glaubt, dass die digitale Verbreitung die gesellschaftliche Relevanz der Oper als Kunstform steigern kann. In dieser Hinsicht erkennt er Peter Gelb als Vorreiter. Aber zu erwarten, dass man in den nächsten Jahren Geld damit verdienen kann, sei "völlig falsch".

"In Berlin gibt es die Herausforderung, den richtigen Mix zu finden", sagt Matthias Schulz. Spätestens mit Beginn seiner ersten offiziellen Saison 2018/19 möchte der Intendant ein System für die sanierte Staatsoper Unter den Linden einführen. Eine derzeit noch unbestimmte Anzahl an Kameras wird im Zuschauerraum installiert, "mit denen man relativ einfach und mit guter Qualität etwas machen kann". Für "andere Verwertungsformen" werden bewegliche Kameras dazukommen. Schulz gibt dabei offen zu, dass die ständige Überwachung der Bühne und die geringen Streaminglöhne noch heiße Themen für Künstler sind. "Umso mehr ist es unsere Verantwortung, die Sänger richtig einzubetten und deren Interessen zu wahren. Es kann sonst zu ständiger Unruhe führen." Aber Sänger wie Veranstalter verstehen zunehmend die Notwendigkeit, auch im digitalen Markt Fuß zu fassen. Siehe unten

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