Theater

So will Chris Dercon die Berliner Volksbühne umkrempeln

Intendant Chris Dercon stößt in Berlin auf heftige Kritik. Was sein aktuelles Konzept über Mitarbeiter, Spielorte und Finanzen verrät.

Chris Dercon übernimmt 2017 die Volksbühne

Chris Dercon übernimmt 2017 die Volksbühne

Foto: dpa Picture-Alliance / KAI-UWE HEINRICH TSP / picture-alliance

Chris Dercon, der designierte Intendant der Volksbühne, wird sich am 21. Juli in einer Diskussionsrunde „Über die Zukunft der Kulturmetropole Berlin“ im Berliner Rathaus öffentlich präsentieren.

Auf dem Podium sitzen auch der designierte Staatsopern-Intendant Matthias Schulz und Paul Spies, der am kommenden Montag den Masterplan fürs Stadtmuseum und den Berliner Teil im Humboldt Forum vorstellen wird.

Es sind die künftigen Kulturmacher Berlins. Im Gegensatz zu Schulz und Spies ist die Personalie von Dercon in Berlin umstritten. Mit Saisonbeginn 2017/18 soll der Museumsmann den langjährigen Theaterintendanten Frank Castorf ablösen.

Bis Ende August ist Dercon Director der Tate Gallery

Noch ist Dercon offiziell Intendant der Tate Gallery of Modern Art in London. Sein Nachfolger ist bereits im Amt, Dercon firmiert bis Ende August als Director emeritus. Aktuell arbeitet er mit Nicholas Serota an einem Buch über die Tate-Modern-Geschichte von 2000 bis 2016. Das Buch erscheint am 27. September. Seine gerade in der Tate zu sehende Bhupen-Khakhar-Ausstellung kommt ab 18. November in die Berliner Kunsthalle der Deutschen Bank Unter den Linden. Dercons letztes Projekt in der Tate Modern wird Wolfgang Tillmans im Februar 2017 sein. Derzeit laufen in Berlin rund um die Volksbühne vielerlei Verhandlungen. Das beginnt bei den Räumlichkeiten, die das Vorbereitungsteam bereits im September beziehen will. Die Büros sollen am Rosa-Luxemburg-Platz sein, aber keinesfalls im Theater. Das lassen die Spannungen zwischen der alten und der neuen Intendanz nicht zu. Zum Vorbereitungsteam gehören derzeit neben Intendant Chris Dercon und Programmdirektorin Marietta Piekenbrock ein Dramaturg, ein Kurator, eine Autorin und eine Produktionsleiterin.

Darüber hinaus hat der Belgier Dercon, Jahrgang 1958, bereits ein künstlerisches Vorzeigeteam genannt, das die Volksbühne in den nächsten Jahren prägen soll. Dazu gehören Theaterregisseurin Susanne Kennedy, Filmemacher Romuald Karmakar, die dänische Choreografin Mette Ingvartsen, der französische Choreograf Boris Charmatz und Autor Alexander Kluge. Die Verhandlungen laufen noch. Einige haben bereits, andere werden ihren Lebensmittelpunkt in den nächsten Monaten nach Berlin verlegen. Außer dem 84-jährigen Alexander Kluge, der in München leben bleiben möchte.

Gleichberechtigung der Sparten und Ausdrucksformen

Die Mischung des künstlerischen Teams verweist bereits auf die Neuausrichtung an der Volksbühne. Dercon will erklärtermaßen langfristig eine Gleichberechtigung der Sparten und Ausdrucksformen erreichen, darunter Sprechtheater, Tanz, Performance, Film, Musik, Musiktheater, Bildende Kunst und Kulturen des Digitalen. Kritiker nennen dieses Modell eine „Eventbude“. In der Volksbühne sollen der Repertoirebetrieb und eine En-suite-Spielweise nebeneinander existieren. Die Arbeitssprache in der Volksbühne soll weiterhin Deutsch bleiben.

Seit dem Frühjahr laufen die Gespräche mit den Mitarbeitern. Die Mehrheit der aktuell 216 Mitarbeiter wird weitermachen. Gegenwärtig wird davon ausgegangen, dass zwischen 20 und 25 Verträge nicht verlängert werden. Es betrifft vor allem den künstlerischen Bereich. Wobei es durchaus üblich ist, dass gerade Schauspieler oder Dramaturgen bei Intendantenwechseln das Haus mehr oder weniger freiwillig verlassen. Der für deutsche Theater geltende Tarifvertrag „Normalvertrag Bühne“ (NV Bühne) regelt im Falle von Nichtverlängerungen Abfindungslösungen. Beim nichtkünstlerischen Personal, wozu etwa die Techniker gehören, sind Kündigungen komplizierter und auch keine vorgesehen. Es heißt, der Stellenplan soll sogar aufgestockt werden.

Im Flughafen Tempelhof soll Hangar 1 bespielt werden

Dercon hatte bereits im vergangenen Jahr angekündigt, fünf Satelliten bespielen zu wollen: Volksbühne, Prater, Kino Babylon, einen Hangar auf dem Flughafen Tempelhof und die digitale Bühne. Die neue Spielstätte im Tempelhofer Flughafengebäude ist ein Vorzeigeprojekt der neuen Volksbühne. Ursprünglich war die Inbetriebnahme der Hangars 5 oder 6 durch die Volksbühne geplant, dann kam der schnelle Bedarf als Flüchtlingsunterkunft dazwischen. Derzeit ist die Nutzung des Hangars 1 durch die Volksbühne vorgesehen. Der Prater ist gerade Ausweichspielstätte des Theaters an der Parkaue, das Lichtenberger Haus wird bis Sommer 2017 saniert. Anschließend wird der Prater selbst bis 2019 einer Sanierung unterzogen. Das Kino Babylon steckt seit vergangenem Jahr in einer Insolvenz- und Neuordnungsphase, die Verhandlungen als Projektspielstätte für die Volksbühne laufen im Hintergrund weiter.

Der Neuanfang bleibt immer auch eine Frage des Geldes. Frank Castorf hat für seine letzte Volksbühnen-Saison gut 17 Millionen Euro zur Verfügung. Dercon soll mit 22 Millionen starten, heißt es immer. Die Zahlenspielereien sind kompliziert. Offenbar beläuft sich Dercons Vorbereitungsetat für den Zeitraum von Januar 2016 bis August 2017 auf insgesamt 2,23 Millionen Euro. In diesem Jahr sind es 564.000 Euro, 2017 werden es 1,66 Millionen Euro sein. Über den Etat für die Kalenderjahre 2018 und 2019 (Doppelhaushalt) entscheidet das Abgeordnetenhaus voraussichtlich erst Ende 2017. Insofern will jetzt noch keiner den Gesamtetat von Dercons Eröffnungssaison 2017/18 verbindlich beziffern. Fest steht: Ab September 2016 arbeitet das Team bereits in Vollzeit am Projekt der neuen Volksbühne. Sein künstlerisches Programm will Dercon erst im April/Mai 2017 vorstellen.