Akademie

Barenboims Akademie ist „ein Experiment in Utopie“

Dirigent Daniel Barenboim eröffnet im Herbst die Barenboim-Said Akademie in Berlin. Der Bund wird das Nahost-Projekt finanzieren.

Ein erster Rundgang über die Baustelle des halbfertigen Pierre-Boulez-Saals in der Barenboim-Said Akademie

Ein erster Rundgang über die Baustelle des halbfertigen Pierre-Boulez-Saals in der Barenboim-Said Akademie

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Im Foyer der neuen Barenboim-Said Akademie gibt es ein kurzes Gedränge. Stardirigent Daniel Barenboim empfängt persönlich die Gäste, von hinten nähert sich Gregor Gysi (Linke) mit zwei Gläsern in der Hand. Barenboim plaudert kurz mit seinem Anwalt. Kulturstaatsministern Monika Grütters (CDU) schwirrt vorbei und das Wort Kulturgutschutzgesetz hängt in der Luft. Das neue Gesetz hat zeitgleich am Freitag den Bundesrat passiert. Im Hintergrund sind Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm und sein Nachfolger Matthias Schulz zu sehen. Die Familie Barenboim ist zugegen. Es gibt eine bemerkenswerte Verkündung: Der Bund übernimmt die laufende Finanzierung der neuen Berliner Musikhochschule. Damit ist das ungewöhnliche Projekt in trockenen Tüchern.

Der Termin so kurz vor der Sommerpause hat einen politischen Grund. Am Mittwoch hatte Grütters den Verhandlungsstand zum Bundeshaushalt 2017 mitgeteilt. Der Bund gibt demnach fast sechs Prozent mehr für Kultur aus. In den Kulturhaushalt von insgesamt 1,35 Milliarden Euro ist nunmehr auch die Barenboim-Said Akademie eingepreist, die künftig institutionell gefördert wird. Was ein Novum ist, dass der Bund eine weitere kulturelle Einrichtung in der Hauptstadt übernimmt. Ohne dass aus anderen Bundesländern wegen der Ungleichbehandlung protestiert wird.

Deutscher Beitrag zur Friedenspolitik

Grütters nennt die Unterstützung der Akademie, in der Musiker aus der arabischen Welt und Israel gemeinsam ausgebildet werden, einen „deutschen Beitrag zur Friedenspolitik im Nahen Osten“. Gründer Barenboim nennt seine Akademie „ein Experiment in Utopie“. Grütters nennt es eine Versöhnungsutopie.

Für die Betriebskosten erhält die private Akademie ab 2017 zunächst 5,5 Millionen Euro im Jahr vom Bund, ab 2019 soll auf sieben Millionen Euro jährlich aufgestockt werden. Darüber hinaus beteiligt sich das Auswärtige Amt mit Stipendien. Offenbar geht es nicht nur um Geld, sondern auch um diplomatische Hilfestellungen. Am Rande der Baustellenbesichtigung sagt Barenboim, dass es schon wichtig sei, dass die Bundesregierung da wäre, wenn es Probleme gibt.

Der Bund hatte bereits den Umbau eines Teils des früheren Kulissendepots der Staatsoper Unter den Linden mit 20 Millionen Euro finanziert, der Rest stammt von privaten Sponsoren. Insgesamt belaufen sich die Baukosten auf 32 Millionen Euro. Man sei im Plan und im Budget, versichert Gründungsdirektor Michael Naumann. Das Land Berlin hat der Akademie das Gebäude für 99 Jahre zur Verfügung gestellt. Für einen Euro jährlich, erzählt Naumann. Man könne es nicht geschlossen überweisen, fügt er noch hinzu, sondern müsse jährlich den Euro überweisen.

Akademie für 90 Studenten aus dem Nahen Osten

Nach dem Vorbild von Barenboims West-Eastern Divan Orchestra (Wedo) sollen die jungen Studenten im gemeinsamen Musizieren die Grundlagen für das gegenseitige Verständnis legen. Neben dem jeweiligen Instrument erhalten die Studenten auch Unterricht in Philosophie. In diesem Wintersemester sollen die ersten 30 Studenten starten, so Naumann, ab 2018/19 sollen es dann bis zu 90 Studenten werden. Dekan der Akademie ist der Musikwissenschaftler und Komponist Mena Mark Hanna. Die geisteswissenschaftliche Ausbildung leitet die Rechtsphilosophin Roni Mann.

Barenboim möchte sein Engagement in die Stadt hinein künftig noch ausweiten. Bereits vor elf Jahren hatte er in Berlin einen Musikkindergarten, der derzeit an der Leipziger Straße liegt, gegründet. Jetzt suche er, sagt Barenboim, nach einer Berliner Grundschule, die sich auf ein Musikerziehungsprojekt mit ihm einlasse.

Der Konzertsaal wird am 3. März 2017 eingeweiht

Beim Rundgang über die Akademie-Baustelle ist auch ein Blick in das spektakuläre Herzstück der Akademie möglich: Der vom US-Architekten Frank Gehry entworfene Konzertsaal mit 620 Plätzen soll am 3. März 2017 eingeweiht werden. In dem Saal, der den Namen des französischen Komponisten Pierre Boulez trägt, sollen regelmäßig Konzerte stattfinden. In der ersten Spielzeit wird etwa Barenboims Staatskapelle, die gleich nebenan in der Staatsoper Unter den Linden ansässig ist, einen Schubert-Zyklus spielen.

Die Idee einer Musikhochschule als Versöhnungsprojekt geht auf Daniel Barenboim zurück. Barenboim hatte als Vorläuferprojekt 1999 in Weimar zusammen mit dem 2003 gestorbenen amerikanisch-palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said das West-Eastern Divan Orchestra gegründet. Es besteht von Anbeginn aus jungen israelischen und arabischen Musikern, die mit dem gemeinsamen Musizieren ein persönliches Zeichen für ein friedliches Miteinander im Nahen Osten setzen. Mit der Gründung der Barenboim-Said Akademie sei die Idee hinter dem erfolgreichen Orchester-Projekt auf eine neue Ebene gehoben worden, so Barenboim. Demnächst geht er mit seinem Nahost-Jugendorchester wieder auf Tournee. Zum Abschluss spielt das Wedo am 13. August in der Berliner Waldbühne.